Auto

Gegen den Strom

Die ganze Auto-Welt steht unter Strom, und ohne Turbo läuft nichts. Könnte man meinen. Doch die neue Generation des Audi R8 beweist das Gegenteil.

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Zwölf Jahre ist es her, dass Audi den Supersportler R8 in Paris vorstellte. Rennfahrer wie Jackie Ickx und Tom Kristensen sollten damals zeigen, dass sich der R8 bestens als Motorsportfahrzeug eignen könnte. Die 2019er-Version des R8 stellt die Nomenklatura auf den Kopf und soll nun demons­trieren, dass der auf dem Pariser Autosalon des Jahres 2018 gezeigte R8 LMS GT3 der eigentliche Prototyp war für den Strassen-zahmen R8, der in diesem Jahr auf den Markt kommen wird – das Vorbild, an dem sich der Neue orientieren würde.

Nicht mehr von der Strasse auf die Piste, sondern von der Rennstrecke in den Alltag. «Motorsport liegt in unserer DNA», sagte Oliver Hoffmann, Technischer Ge­schäftsführer der Audi Sport GmbH, bei der Vorstellung des R8. «Mit rund 50 Prozent Gleichteilen zum R8 LMS GT3 und sogar 60 Prozent zum R8 LMS GT4 ist kein anderes Auto so nah am Rennsport wie der R8.»

Solch Adel verpflichtet. Auch in Zeiten, in denen sich deutlich mehr Leute für Audis ersten Serien-Stromer – den SUV E-Tron – interessieren, als die übriggebliebenen Petrolheads und Sport­wagenfans für den R8. Und wer wie Audi Rennsportidole in der Ahnentafel führt, muss Entsprechendes liefern. Also bekam der R8 noch einen drauf in der Leistungskategorie im Vergleich zum Vormodell.

Der mit den Motorsportlern nahezu baugleiche 5,2-Liter-V10-Motor leistet nun 570 PS, eine Leistungssteigerung von 30 PS gegenüber dem Vorgänger, was einer Literleistung von fast 110 PS entspricht, enorm für einen Saugmotor. Die Top-Variante des R8, der V10 Performance Quattro, verfügt gar über 620 PS. Das Drehmoment des Performance-Modells liegt bei 580 Newtonmetern, was für 3,1 Sekunden auf Tempo 100 und eine Spitze von 331 km/h reicht. Beim normalen R8 sind es 550 Nm, 3,4 Sekunden und 324 km/h.

Sicher, das sind Werte, die im Alltag am ehesten beim Auto-Quartett punkten. Doch die Art und Weise, wie Audi diese Daten auf die Strasse bringt, ist nach wie vor beeindruckend. Und kein Zufall, denn die Fahrt in einem R8 beeindruckte seit je weniger durch die blosse Kraft, obwohl davon sicherlich immer genug da war. Vor 2006 gab es jedoch wenige in der Klasse der Supersportler, die einen solch harmonischen Fahreindruck hinterliessen – und noch in einem vorstellbaren finanziellen Rahmen lagen. Im R8 traf stets hormonal gesteuertes Fahrvergnügen auf perfekt ausgelegte Performance. Das Gefühl einer sehr direkten, sehr intrinsischen Extension des eigenen Hinterns zur Fahrbahn, und das bei mehr als beeindruckenden Fahrleistungen, war das Hauptkaufsargument für einen R8.

Dieser Eindruck bleibt erhalten: Der Motor spricht spontan und blitzschnell an, eine neue optio­nale Dynamiklenkung mit extrem präziser Rückmeldung des Fahrbahnzustands verbessert die Verbindung Fahrer/Fahrzeug noch um ein oder zwei Gradstellen. Wobei hier der ambitionierte Amateur (der weit weni­ger präzise als so ein Rallye-Weltmeister wie Walter Röhrl fährt) mit der Standardlenkung bestens zurechtkommt. Der Sound ist weiterhin unglaublich, dem Sauger sei Dank.

Das Fahrwerk wurde feingetunt, die Balance perfektioniert. Die Drive-Select-Modi mit dem Performance-Modus und neu mit den drei zusätzlichen Programmen «dry», «wet» und «snow» passen die wichtigsten fahrdynamischen Parameter an den Reibwert der Strasse an. Dank der wei­ter­entwickelten elektronischen Stabilisierungskontrolle bremst das Top-Modell aus 100 km/h bis zu 1,5 Meter früher in den Stillstand, aus 200 km/h sogar bis zu fünf Meter früher.

Der R8 fährt auf 19-Zöllern, 20-Zoll-Vollfräsräder gibt es gegen Aufpreis. Allerdings wiegt die 2019er-Version um einiges mehr als der Vorgänger, aber dem kann geholfen werden. Elf Kilogramm gewinnt man, installiert man die optionalen Schalensitze, zwei Kilo, indem man den vorderen Stabilisator in Carbon bestellt. Auch die Keramikbremsen bringen das Ge­wicht auf Wunsch noch etwas herunter.

Das Exterieur unterscheidet sich nur wenig vom Vormodell. Audis Designer huldigen dem Ur-Quattro aus den 80er-Jahren auch im Supersportler mit drei unauffälligen horizontalen Luftschlitzen an der Haube. Wenig Änderungen auch im Innenraum: Neue Braun- und dezente Silbertöne sorgen für Audi-Upper-Class-Feeling. Leder-Alcantara-Bezüge betonen den sportlichen Style. Wer will, kann sich Carbon-Dekor im Performance-Designpaket leisten.

Mit der 2019er-Version emanzipiert sich der R8 im Konzernangebot von (bislang) ähnlich konzipierten Lamborghinis. Audis Vorzeigemodell ist ebenso viel Sportler wie die Kollegen aus Sant’Agata, nur kommt der R8 mit deutlich weniger Testosteron aus, was sicherlich einige potenzielle Käufer ansprechen wird. Der Spider soll spätestens Ende 2019 präsentiert werden. Eine Version mit reinem Heckantrieb würde Sinn machen, aber offiziell gibts dazu kein Statement.

Der Vorverkauf für das Coupé beginnt im April, ausgeliefert werden die ersten Fahrzeuge bei uns aber erst im September. Allzu viele Kunden braucht es nicht, denn der R8 ist für die Ingol­städter ein reines Prestigeobjekt. «Der R8 nimmt in jeder Hinsicht eine Sonderstellung für Audi ein», bestätigt Michael-Julius Renz, Geschäftsführer der Audi Sport GmbH.

Da mag dann Geld nur eine zweite Rolle spielen. Das sollte auch für die Käufer gelten: Denn mindestens 199‘500 Franken kostet das R8 Coupé V10, wer die Performance Version will, muss 30‘000 Franken drauflegen. Die beiden offenen Varianten folgen zu 211‘000 und 241‘000 Franken. Viel Geld also, um bei Audi nicht mit dem Strom – oder mit Strom – zu fahren, sondern gegen den Strom. Aber Exklusivität war noch nie billig.

Erstellt: 20.01.2019, 15:46 Uhr

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