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Nächster Halt: Hunzenschwil!

Wasserstoffantrieb? Wieso eigentlich nicht? Im Test des Toyota Mirai zeigte sich: Nur die fehlende Infrastruktur degradiert diese Technik ins Experimentalstadium.

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Wasserstoffantrieb – klingt futuristisch, ist aber eigentlich uralt. Das Prinzip ist genial: Sauerstoff und Wasserstoff erzeugen in einer Brennstoffzelle elektrische Energie, und diese treibt dann das Auto an – aus dem Auspuff strömt reiner Wasserdampf. Was nach der Lösung sämtlicher Emissionsprobleme im Strassenverkehr klingt, hat aber mehrere Haken: Die Herstellung von gasförmigem Wasserstoff ist (noch) sehr energieaufwendig, der Wirkungsgrad der Brennstoffzelle ist im Vergleich zu batterieelektrischen Fahrzeugen schlechter. Und schliesslich ist da dieser Teufelskreis: Ohne Infrastruktur bieten die Hersteller keine entsprechenden Fahrzeuge an, und ohne Fahrzeuge auf der Strasse will keiner die teure Infrastruktur bauen.

Zwei Hersteller versuchen, diesen Teufelskreis zu brechen. Hyundai hat schon seit 2013 Wasserstofffahrzeuge im Programm, Toyota bietet seit 2014 mit dem Mirai ebenfalls ein Auto mit Brennstoffzelle an. In der Schweiz, wo es nur zwei Tankmöglichkeiten gibt – in Hun­zensch­wil AG und in Dübendorf ZH –, macht die Anschaffung aber keinen Sinn. Oder etwa doch?

Ich starte den zweiwöchigen Alltagstest im aargauischen Safen­wil. Der Wasserstofftank ist voll, der Bordcomputer meldet 374 Kilometer Restreichweite – damit kann man leben. Noch schnell ein paar Einkäufe erledigen, bevor der Mirai in der heimischen Garage abgestellt wird; Restreichweite gemäss Bordcomputer: 325 Kilometer.

Am nächsten Tag wird das Töchterchen zum Grosi nach Luzern chauffiert und dort abends wieder abgeholt – Restreichweite 125 Kilometer. Und schon muss kalkuliert werden. Für den geplanten Ausflug in den Basler Zoo am Folgetag würde es zwar reichen, doch dann kämen wir mit leerem Tank zu Hause an; ein ­No-go. Also fahre ich nach Feierabend noch nach Hunzenschwil, um das erste Mal zu tanken – 25 Kilometer Fahrt, die eigentlich nicht sein müssten.

Das Betanken funktioniert wie bei einem Erdgasfahrzeug, dauert zwar ein paar Minuten länger, der Vorgang ist aber unkompliziert und schnell verstanden. Neue Restreichweite: 384 Kilometer, dem sonntäglichen Besuch im Basler Zolli steht nichts mehr im Weg. Montags gehts ins Ausland, mit dem Flugzeug zwar, doch die Fahrt nach Kloten und am nächsten Tag wieder zurück reduziert die Reichweite des ­Mirai erneut auf Nervenkitzelniveau. Denn Stehenbleiben ist keine Option: Der TCS kann nicht mal eben mit etwas Treibstoff vorbeikommen, das Auto müsste abtransportiert werden – und zwar nach Hunzenschwil, zur Coop-Tankstelle. Also mache ich auf dem Heimweg lieber erneut einen unfreiwilligen Umweg dahin. Sicher ist sicher.

Neue Tankfüllung, neues Glück. In Frankreich spielt der Lieblingsgitarrist, da muss ich hin – insgesamt 280 Kilometer sind ja schliesslich zu schaffen, und da der Japaner ein sehr kommoder Gleiter ist, mache ich diese Strecke gerne. Vorher gehts aber noch zweimal nach Zürich zum anderen Grosi, wo der Mirai bei der Parkplatzsuche negativ auffällt: Die 4,9 Meter lange Limousine hat einen schlechten Lenkeinschlag und ist mit ihren langen Überhängen ohnehin sehr sperrig. Vor der Fahrt nach Frankreich besuche ich zwingend nochmals die Tankstelle in Hunzenschwil – man kennt mich dort inzwischen.

Der Mirai fährt sich übrigens wie andere Elektroautos auch: spurtstark aus dem Stand, etwas schwach auf der Brust in höherem Tempo, flüsterleise und ­generell ganz angenehm. Die berührungsempfindlichen Tasten auf der Mittelkonsole sehen zwar chic aus, werden aber oft unfreiwillig betätigt, wenn dort der rechte Arm bequem auf der Stütze platziert ist – so heizt der Toyota etwa ungewollt den Sitz oder das Lenkrad, was Strom verbraucht und die Reichweite reduziert. Hunzenschwil, ich komme!

So zieht sich dieses Schema durch die zwei Testwochen. Wer viel fährt, der steht dauernd in Hunzenschwil. Oder eben in Düben­dorf. Und wer nicht in der ­Nähe dieser Ortschaften wohnt, dem sei vom Kauf eines Wasserstofffahrzeugs (noch) abgeraten. Schade eigentlich, denn das Prinzip hat schon was: schnelles Tanken statt langen Aufladens. Die Energie wird direkt an Bord produziert, statt schwere Batterien herumzuschleppen. Und es entströmen nur Wasser und Luft statt schädlicher Abgase. Neben den zu raren Tankmöglichkeiten ist dann letztlich auch der Preis eine Anschaffungshürde: Ab 89‘900 Franken kostet der Toyota Mirai. Viel Geld für diese vierplätzige Limousine.

Erstellt: 20.01.2019, 15:36 Uhr

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