Auto

Visionen aus Sin City

An der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas zeigen Autohersteller digitale Spielereien und zukunftsweisende Konzepte. Dabei spielt die virtuelle Realität eine viel wichtigere Rolle als PS und Hubraum.

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Die Autobranche ist im Umbruch – und mit ihr das konventionelle Modell der Automessen. Früher eröffnete jeweils die Detroit Motor Show im Januar in der kalten Motor City den Reigen der grossen Messen, auf denen die Hersteller mit pompösen Bauten um die Wette protzten. Heute sonnt sich die Branche lieber weiter südlich in der verheissungsvollen Wärme der digitalen Zukunft, an der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, der weltgrössten Konsumelektronikmesse.

Denn die Digitalisierung, da sind sich die Hersteller für einmal einig, wird der entscheidende Faktor sein in der automobilen Zukunft – ganz egal, in welche Richtung sich die Antriebe entwickeln werden. «Die CES ist Sinnbild der Veränderung des Automobils», sagt denn auch Autoforscher Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg- Essen. «Technik war früher Stahl, der Motor unter der Haube, die Hochgeschwindigkeitsfahrwerke. Heute ist Technik das, was in Las Vegas im Mittelpunkt steht; das Auto ist nur ein Teil der digitalen Welt.»

Virtuelle Testfahrt

Es sind in erster Linie die deutschen Hochpreishersteller, die an der CES 2019 mit spannenden Ausblicken das neue Autozeitalter schmackhaft machen. Allen voran BMW: Die Münchner haben auf dem Messegelände gleich einen eigenen Pavillon errichtet, in dem drinnen die virtuellen Visionen vermittelt und draussen Testfahrten in herkömmlichen Serienmodellen durchgeführt werden. Der Schwerpunkt liegt dabei im Thema «Mixed Reality», also in der Vermischung von Realität und virtueller Welt. «Dabei geht es nicht nur um die Entwicklung und Integration neuer Technologien für das Fahrzeug», erklärt Dieter May, Vizepräsident Digitale Produkte und Services bei BMW. «Im Mittelpunkt stehen der Kunde und seine Ansprüche an eine zeitgemässe Mobilität. Der digitale Lifestyle, den er gewohnt ist, soll nahtlos und ohne Einschränkungen auch im Fahrzeug zur Verfügung stehen.»

Die Messebesucher können das im BMW-Pavillon in Form einer virtuellen Testfahrt mit dem Konzeptauto iNext erleben: Mit einer Virtual-Reality-Brille ausgestattet, lenkt der Messebesucher das Fahrzeug zunächst selber und lässt sich auf der Autobahn dann komplett vom Auto chauffieren, während auf der Windschutzscheibe formatfüllend Termine, Videokonferenzen oder der neuste Hollywood-Blockbuster eingeblendet werden.

Über den Intelligent Personal Assistent (IPA) können derweil die Einkäufe online getätigt werden. BMW bindet dafür die Spracherkennungsdienste Alexa von Amazon oder, für den chinesischen Markt, Tmall Genie von Alibaba ein. Eine erste Ausbaustufe des IPA geht bereits im März im neuen 3er in Serie.

Virtuelle Erlebnisse bietet in Las Vegas auch Audi. Im Vordergrund stehen dabei neue Unterhaltungsmöglichkeiten für die Passagiere an Bord. So haben die Ingolstädter ein «Immersive In-Car-Entertainment» entwickelt, mit dem sich Filme auf eine neue Art erleben lassen. Das System greift Impulse aus Filmszenen auf und verstärkt diese mittels Bewegungen des Fahrwerkes – das Auto ruckelt, nickt oder rollt an den passenden Stellen, während der Sitz vibriert.

Die Messebesucher können so anhand eines kurzen Actionfilms erleben, dass das Auto in Zukunft mehr sein wird als eben nur ein Auto. In Serie geht dieses immersive Unterhaltungssystem bereits innert der nächsten zwei Jahre, vorerst allerdings nur in einer ersten Ausbaustufe für Musik und nur mit Impulsen in den Sitzen. Das volle Kinoerlebnis mit Einbindung von Fahrwerksbewegungen dürfte bis in zehn Jahren in die Serienproduktion übergehen.

Eine weitere Art des In-Car-Entertainments für die Fondpassagiere sieht Audi in der Nutzung von VR-Brillen. In Zukunft können Filme, Videospiele und interaktive Inhalte noch realistischer erlebt werden, weil die virtuellen Inhalte in Echtzeit an die Fahrbewegungen des Autos angepasst werden. Wie die autonom fahrenden Autos der Zukunft aussehen könnten, zeigt Audi mit der Designstudie Aicon: Der Viertürer hat weder ein Lenkrad noch Pedale, dafür aber einen riesigen Bildschirm, der sich quer über den gesamtem Innenraum erstreckt.

Weltpremiere des neuen CLA

Einen solchen Bildschirm mit der Breite von 1,24 Metern bietet der chinesische Autohersteller Byton schon bald in einem Serienfahrzeug, in Vegas ist dieses faszinierende Cockpit in der Studie M-Byte zu sehen. Kia zeigt den Innenraum eines selbstfahrenden Shuttles, in dem die Passagiere das Informations- und Unterhaltungssystem komplett per Gesten bedienen; am Dachhimmel werden die Bewegungen von Hand, Finger, Kopf und Augen gescannt und in entsprechende Eingabekommandos umgewandelt. Konzernschwester Hyundai überrascht derweil mit einem Konzeptfahrzeug, dessen Räder an Roboterbeinen montiert sind – das Auto kann nicht nur fahren, sondern auch kraxeln. Hyundai sieht den Einsatzbereich des spinnenartigen Elevante etwa in Katastrophengebieten, wo herkömmliche Fahrzeuge nicht weiterkommen.

Als einziger Autohersteller präsentiert Mercedes-Benz an der CES eine Weltpremiere ganz ohne visionären Spirit: Der neue CLA ist ein Serienmodell, das in diesem Jahr auf den Markt kommt. Futuristisches steht aber auch am Stand der Schwaben: Die Studie Vision Urbanetic gibt einen Ausblick auf ein Robo-Shuttle mit Kabinen, die je nach Einsatzzweck gewechselt werden können. Die Idee solcher modularen Fahrzeuge mit selbstfahrender Antriebsplattform, natürlich mit Elektroantrieb, und aufsetzbaren Kabinen verfolgen auch andere Hersteller. Und wer hats erfunden? Natürlich die Schweizer: Autovisionär Frank Rinderknecht hat mit dem Rinspeed Snap bereits im vergangenen Jahr mit einem Concept in Las Vegas für Furore gesorgt. Für die am 11. Januar zu Ende gegangene CES 2019 hat die Zumiker Ideenschmiede dieses Konzept mit dem Micro Snap auf die Grösse eines Renault Twizy geschrumpft.

Was auch immer die Zukunft bringen wird, an der CES zeigt die Autobranche, dass sie sich mit hoher Innovationskraft für die möglichen Szenarien bereit macht. Dass dabei nicht mehr die Anzahl PS, ein schickes Design und die Fahrleistungen, sondern primär die digitale Ausstattung entscheidend sein wird, ist in der Autowelt unbestritten. Und mit der Messe in Las Vegas hat die Branche die ideale Präsentationsplattform dafür gefunden.

Erstellt: 20.01.2019, 15:30 Uhr

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