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ÖV in der KriseBahnen fordern Geld für Geisterzüge

Der öffentliche Verkehr verbucht wegen der Corona-Krise gewaltige Verluste. Um «langfristigen Schaden» zu verhindern, fordern Bahn- und Busunternehmen «mehrere Hundert Millionen Franken» Bundeshilfe – und stossen auf Kritik.

Bahnhof St. Gallen: Nur noch ganz wenige Passagiere gehen die Treppe hoch zu den Perrons.
Bahnhof St. Gallen: Nur noch ganz wenige Passagiere gehen die Treppe hoch zu den Perrons.
Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Wer nicht unbedingt muss, der steigt zurzeit kaum in den Zug, meidet das Postauto und geht zu Fuss statt im Tram zur Arbeit. Linienbusse bleiben leer. Geisterzüge fahren durchs Land, und die Billettverkäufe sind eingebrochen. Die SBB haben den Fahrplan zwar ausgedünnt. Trotzdem fahren Hunderte Lokführer noch von Bahnhof zu Bahnhof für die wenigen Passagiere, die auf den ÖV angewiesen sind.


Nun schlägt die Transportbranche Alarm: «Wir verlangen vom Bund Hilfe zur teilweisen Deckung der Ertragsausfälle», sagt Ueli Stückelberger, der Direktor des Verbandes öffentlicher Verkehr (VÖV). Der Branche sei «bewusst, dass viele Firmen noch dringender auf Hilfe angewiesen sind» als die Transportunternehmen, sagt Stückelberger. «Aber auch unsere Situation ist speziell.» Denn Bahn- und Busunternehmen «müssen den Betrieb trotz der fehlenden Kundschaft grösstenteils aufrechterhalten». Stückelbergers einfache Rechnung: «Wir haben praktisch gleich hohen Aufwand wie im Normalbetrieb, aber kaum Erträge, weil fast niemand mehr Tickets kauft.»


Es geht um grosse Beträge. In normalen Zeiten fliessen aus Billett- und Aboverkäufen laut dem VÖV-Direktor pro Monat knapp 500 Millionen Franken in die Kassen der Transportunternehmen. Doch seit dem Lockdown fielen «60 bis 80 Prozent dieser Einnahmen» weg, sagt Stückelberger. Und das wird wohl so bleiben, bis die Behörden wieder empfehlen, Bahn und Bus zu benutzen.

Kein Ansturm mehr: Ein einsamer Pendler am Bahnhof St. Gallen.
Kein Ansturm mehr: Ein einsamer Pendler am Bahnhof St. Gallen.
Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Den Transportunternehmen des öffentlichen Verkehrs sei «klar, dass sie bezüglich der Ertragseinbrüche auch selbst einen Beitrag leisten müssen», sagt Stückelberger. Doch daneben werde es «vom Bund mehrere Hundert Millionen Franken brauchen, um einen langfristigen Schaden im ÖV zu verhindern», sagt der VÖV-Direktor.

Kurzarbeit helfe den meisten Bahn- und Busunternehmen wenig, «da die Mitarbeitenden gebraucht werden», sagt Stückelberger. Deshalb fordert der Verband in einem Brief an das Umwelt- und Verkehrsdepartement von Simonetta Sommaruga direkte Bundeshilfe.

Bund soll Gutschriften für wertlose Abos mittragen

Litra, der zweite Verband des öffentlichen Verkehrs, unterstützt die Forderung. Dessen Ruf klingt noch eindringlicher: «Die Corona-Krise wirkt sich auf die Einnahmen der ÖV-Unternehmen gleich doppelt aus», sagt CVP-Nationalrat und Litra-Präsident Martin Candinas. Denn neben dem Einbruch der Ticketerträge müsse man auch grosse Ausfälle bei den Abos einkalkulieren. «Die ÖV-Kunden erwarten Gutschriften auf Strecken- und Generalabonnementen und allenfalls auch Halbtaxabos.» Die Transportunternehmen «kommen diesen Erwartungen zu Recht entgegen, um keine Kunden zu verlieren», sagt Candinas. Dieses Entgegenkommen werde für noch grössere Ausfälle sorgen.

Ohne Bundeshilfe müssten Bahnunternehmen anderswo Geld einsparen. Für Candinas ist das keine Option: «Wenn Bahn- und Busunternehmen die Last der Corona-Krise allein tragen müssen, werden sie wichtige geplante Investitionen unmöglich vornehmen können.» Und das würde laut dem Litra-Präsidenten eine Kettenreaktion auslösen. «Die Industrie und deren Zulieferer hätten dann weniger Aufträge, und der ÖV würde an Attraktivität einbüssen», sagt Candinas.

Keine Reisenden mehr: Taube beim Bahnhof Thun.
Keine Reisenden mehr: Taube beim Bahnhof Thun.
Foto: Claudio De Capitani (freshfocus)

FDP kritisiert: Keine «Sonderbehandlung»

Anders sieht das der freisinnige Ständerat Thierry Burkart: Es sei «jetzt nicht der Moment, um über zusätzliche Subventionen im öffentlichen Verkehr zu sprechen», sagt Burkart. «Wie alle anderen Firmen müssen auch die Bahn- und Busunternehmen die durch die Corona-Krise verursachten Probleme mit den vom Bund zur Verfügung gestellten Instrumenten bewältigen.» Dazu gehören laut Burkart Kurzarbeit und die Überbrückungskredite. Hinzu kommt, dass das Angebot in vielen Fällen deutlich ausgedünnt wurde. «Es braucht für den öffentlichen Verkehr auch eine Unterstützung, aber keine Sonderbehandlung», sagt Burkart.

Auch das Umwelt- und Verkehrsdepartement macht den Bahnen wenig Hoffnung auf eine Sonderbehandlung: Departementssprecherin Annetta Bundi sagt zwar, man nehme die Situation der ÖV-Branche sehr ernst. Man werde die Forderungen im Kontext der bereits für die Gesamtwirtschaft beschlossenen Massnahmen prüfen. Sie erwähnt die Überbrückungskredite und Kurzarbeit, also genau das, was den Bahnen gemäss eigenen Angaben nicht wirklich weiterhilft.