Winterthur

Beim Casinoboss von Zürich zu Besuch

Vor rund eineinhalb Jahren wurde er zur Überraschung vieler vom Theater- zum Casinodirektor. Wir haben Marc Baumann in Zürich besucht – ein Gespräch über Spielsucht, Trickbetrüger und Anrufe nach Mitternacht.

Rauf oder runter, rot oder schwarz? Der Wechsel vom Theater Winterthur ins Casino Zürich brachte Marc Baumann in ein Umfeld harter Kontraste.

Rauf oder runter, rot oder schwarz? Der Wechsel vom Theater Winterthur ins Casino Zürich brachte Marc Baumann in ein Umfeld harter Kontraste. Bild: Heinz Diener

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Das Büro könnte irgendeinem Kaderangestellten gehören: ein aufgeräumter Schreibtisch, eine kleine Sitzecke, Blick auf die Stadt Zürich – nicht spektakulär, aber immerhin aus einer der oberen Etagen. Nur zwei Dinge lassen hier den Casinoboss vermuten. Ein Tisch mit Karten, Jetons und anderen Sammelstücken. Und ein riesiger Flachbildschirm. Darauf sind per Knopfdruck die Bilder der Sicherheitskameras zu sehen, die jeden noch so kleinen Winkel im Haus überwachen.

Big Brother, das ist hier Marc Baumann. Vor eineinhalb Jahren hat er den Direktorenstuhl des Stadttheaters Winterthur gegen jenen im Zürcher Casino getauscht und damit viele Weggefährten verwundert. Geografisch war es eine Heimkehr. In Zürich hatte Baumann schon als kaufmännischer Direktor des Schauspielhauses gewirkt, davor war er die rechte Hand von Elmar Ledergerber, dem damaligen Stadtpräsidenten. Nun lautet sein Auftrag, das Casino in Schwung zu bringen.

Zu bunt für die Zwinglistadt

Einfach ist die Ausgangslage nicht. Die Zwinglistadt ist mit ihrem Glücksspieltempel nie richtig warm geworden. Das Haus Ober, in dem sich das Casino befindet, ist in seiner Erscheinung weniger opulent als die Casinos in Baden oder Luzern. Als Zeitzeuge steht der Kaufhausbau aus den Zwanzigerjahren dennoch unter Denkmalschutz. Und so mündete etwa der kürzliche Versuch, dem Haus mit Leuchtbuchstaben einen festlichen Auftritt zu verleihen, in einer Auseinandersetzung mit der Stadt.

Auch innen kämpft Baumann mit den Gegebenheiten. Der amerikanische Architekt Paul Steelman, ein Spezialist für Casinos, hat mit Schmetterlingen bedruckte Teppiche verlegen lassen und die Säulen des Gebäudes in allen möglichen Farben beleuchtet – zu viel für das Zürcher Publikum und seinen Hang zum Understatement. Im zweiten Casinogeschoss hat Baumann bereits eingegriffen. Die Schmetterlinge sind rausgeflogen. Jetzt gibt es Parkett, eine Lounge, und alle Säulen leuchten lila.

Besser ist sein persönlicher Stil hinter der Glitzerwelt erkennbar, in den Gängen und Büros der Administration. Hier hat er Bilder von Mitarbeitern aufhängen lassen, die in ihrer Freizeit malen. Und entlang eines Korridors hängen Ferienfotos der rund 200 Angestellten. «Die Mitarbeiter begegnen sich ja sonst nur in Uniform, so sieht man voneinander auch mal ein anderes Gesicht», sagt Baumann zu Beginn einer Führung. Ein paar Türen und Sicherheitsleute im Schrankwandformat später stehen wir mittendrin in der Glitzerwelt des Glücksspiels.

Die drängendste Frage zuerst: In Filmen wird in den Casinos manchmal «die Bank gesprengt». Ist das eine reine Hollywood-Fantasie oder haben Sie das schon erlebt?
Marc Baumann: Ja, einmal hab ich das erlebt. Ich weiss noch, wie man mich um Mitternacht aus dem Bett geklingelt hat. Wenn ein Gast mit hohen Einsätzen spielt, werde ich immer angerufen. Ich reise dann an. Das war so ein Fall.

Und was haben Sie gemacht?
Ich habe dem Spieler nahegelegt, Schluss zu machen. Wir lassen die Gäste grundsätzlich spielen, ausser wenn es für uns finanziell prekär wird. In diesem Fall hatte der Mann, ein Manager einer Ölfirma, am Roulettetisch über eine Million Franken gewonnen. Damit war für uns die Schmerzgrenze für einen Tag erreicht.

Wie hat er auf Ihre Intervention reagiert?
Freundlich. Er hatte Verständnis und hat den Heimweg angetreten.

Haben Sie oft Kunden, die um solche Summen spielen?
Nein, die sind eine Ausnahme.

Was sind es denn für Leute, die bei Ihnen spielen?
Der grösste Teil unserer Kunden gehört zu den Normalverdienern. Eines meiner Ziele ist es, das zu ändern und auch den erfolgreichen Mittelstand anzusprechen. Doch in dieser Gruppe gelten Casinos als unmoralisch.

Mit anderen Worten: Das Zürcher Establishment lässt sich bei Ihnen nicht blicken.
Zumindest die Politiker nicht. Sie kommen eigentlich nur, wenn ein offizieller Anlass stattfindet. Das Casino ist ihnen zu anrüchig. Um dem entgegenzuwirken, habe ich zum Beispiel die Table-Dance-Night und den Champions­­-League-Abend abgeschafft. Unsere Anlässe sollen alle direkt mit den Casinospielen zu tun haben. So führen wir monatlich eine «Gambling Night» mit einem Motto durch, wie etwa eine James-Bond-Nacht.

Dass das Casinogeschäft ein Imageproblem hat, haben Sie bei Ihrem Jobwechsel 2014 ja auch persönlich erlebt: Ihr Bruder Christoph Baumann, der Präsident der SP Winterthur, reagierte irritiert. Hat sich diese Kritik in der Familie gelegt?
Die hat glücklicherweise etwas nachgelassen. Die ersten Reaktionen waren heftig. Mein ältester Sohn las gerade «Der Spieler» von Dostojewski, als ich das Jobangebot annahm. Er fand meinen Entscheid unmöglich. Auch mein Bruder fand, das sei unmoralisch. Unterdessen war er mit einer SP-Delegation bei uns zu Besuch, und auch er musste feststellen: Die Realität ist nicht so schlimm wie das Image. Natürlich hat das Sozialkonzept des Casinos die SP-Leute am meisten interessiert.

Kriegen Spielsüchtige bei Ihnen konsequent Hausverbot?
Wir unternehmen alles, damit keine spielsüchtigen Gäste bei uns verkehren. Wir haben aber einige regelmässige Spieler, die ihre Einsätze gut im Griff haben. Zum Beispiel einen Stammkunden, der seit 60 Jahren in Casinos geht. Er hat dafür ein eigenes Portemonnaie, spielt immer die gleichen Zahlen – und setzt manchmal 3000 bis 6000 Franken. Er gewinnt oder verliert, dann geht er wieder. Das Spielbankengesetz verpflichtet uns zur Führung eines Sozialkonzepts. Wir haben diese Auflage streng umgesetzt: Wenn zum Beispiel jemand mehr als zwölfmal in 30 Tagen im Casino erscheint, führen wir mit ihm ein Gespräch. Anhand von Lohn-und Bankauszügen beurteilen wir seine finanzielle Situation. Spielt er über seine Verhältnisse, versuchen wir ihn von einer freiwilligen Sperre zu überzeugen, oder wir erlassen selbst eine Sperre.

Funktioniert diese Kontrolle auch, wenn Spielsüchtige ihre Casinobesuche auf mehrere Häuser verteilen?
Leider nicht. Da sind uns durch den Datenschutz die Hände gebunden. Das ist im Gesetz tatsächlich noch nicht optimal geregelt.

Auch mich hat Ihr Wechsel zum Casino damals überrascht. Was reizt Sie am Glücksspielgeschäft?
Mir gefällt an meiner neuen Funktion vor allem das Unternehmerische. In einem subventionierten Kulturbetrieb erhalten Sie ein Budget, das Sie «ausgeben» dürfen. Hier bin ich verantwortlich für Ertrag wie auch Ausgaben, also für eine Balance.

Das Casino Zürich läuft ja aber seit der Eröffnung eher harzig. Sie wurden auch geholt, um den Turnaround zu schaffen. Hand aufs Herz: Wie läufts?
Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Wir konnten den Ertrag um drei Millionen Franken steigern und verzeichneten fast 19 000 zusätzliche Besucher. Damit gehören wir zu den ganz wenigen Casinos in der Schweiz, die wachsen.

Haben Sie einen Masterplan?
Der Konzern, dem weitere Casinos in der Schweiz gehören, will und muss die Investitionen in Zürich bis 2023 komplett abschreiben. Dann steht die Erneuerung der Konzession an. Weiter plant unsere Gruppe grössere Investitionen im Haus, beispielsweise einen Klub oder Konferenzräume.

Das klingt, als würde das Geschäft nach einer allfälligen Konzessionsverlängerung lukrativ. Dann gehen Sie wohl besser nicht vor 2023 in Pension?
Gut möglich, dass es so läuft. Aber für mich reicht das zeitlich nicht unbedingt. (lacht) 2023 bin ich wohl anderweitig beschäftigt, vermutlich mit der Herstellung von selbst gebranntem Whiskey.

Wie bemisst sich eigentlich der Umsatz, wenn das Geld im Casino immer wieder gesetzt wird?
Das ist bei uns etwas kompliziert. Wir unterscheiden zweierlei Umsätze. «Drop» heisst das Geld, das die Spieler einsetzen, etwa auf den Spieltischen. «Hold» ist der Bruttospielertrag, also das, was die Spieler verlieren. Der Drop liegt bei rund 300 Millionen Franken pro Jahr, der Hold bei fast 64 Millionen. Über die Hälfte davon geht als Spielbankenabgabe direkt an die AHV, vom Rest brauchen wir die Hälfte alleine für die Personalkosten. Drei Viertel des Bruttospielertrags entfallen übrigens auf die Automaten.

Die kein Personal benötigen.
Ja. Für die Tischspiele dagegen brauchen wir über 60 Mitarbeiter.

Viel Bargeld im Haus bedeutet auch viele Versuchungen. Mussten Sie schon einmal jemanden entlassen?
Einmal, aber nicht wegen Veruntreuung oder Diebstahl. Unsere Mitarbeiter dürfen keine Einträge im Strafregister und keine Betreibungen haben, das verlangt das Gesetz. Deshalb mussten wir uns leider auch schon von jemandem trennen. Das ist etwas, was ich erst lernen musste: Im Casino-Business ist alles schwarzweiss.

Gab es in Ihrer Zeit kriminelle Machenschaften?
Wir hatten auch schon Klein- kriminelle im Haus, Leute, die versuchten, anderen Gästen die Jetons zu klauen. Diese Fälle konnten wir aber alle per Video aufklären.

Nichts Spektakuläreres?
Einen raffinierten Fall gab es. Die Täter agierten zu zweit und störten ein Übertragungssignal. Ins Detail gehen kann ich aus Sicherheitsgründen nicht, obwohl so ein Fall heute ausgeschlossen ist.

Die Betrüger von heute sind also technisch versiert?
Ja, man weiss nie, was sich gewisse Leute einfallen lassen. Es gibt zum Beispiel eine Handysoftware, die ausrechnet, wo die Roulettekugel ungefähr landen wird. Und in China gibt es Webseiten, die nur Betrugsmaterial zum Kauf anbieten.

Wie steht es um Geldwäsche?
Dieses Thema ist eher selten. In meiner Zeit haben wir ein halbes Dutzend Verdachtsmeldungen an die Behörden gemacht. Wenn jemand grössere Summen wechselt, sind wir zu Abklärungen verpflichtet. Der Spielbankenbereich ist auch hier enorm durchreguliert.

Ihnen fehlt das Theater, die Freiheit, die Offenheit der Bühne?
Ich bin glücklich in meinem neuen Job. Aber ja, auf jeden Fall fehlt mir auch das Theater. Es war etwas Besonderes, dort zu arbeiten – am Schreibtisch zu sitzen und zu hören, wie sich jemand einsingt. Allerdings macht es mir heute viel mehr Spass, Vorstellungen zu besuchen, weil ich das unvoreingenommener machen kann.

Unvoreingenommen können Sie auch die Debatte um einen Ersatz des Stadttheaters durch ein Kongresszentrum beobachten. Als Glücksspiel- und Theaterkenner: Würden Sie darauf wetten, dass der Neubau kommt?
Ich würde dagegen setzen. Nicht nur aus kulturellen Gründen, auch ökonomisch ist fraglich, ob so ein Projekt eine Chance hat.

Erstellt: 14.01.2016, 20:21 Uhr

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