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Flughafen TegelBerlins Tor zur Welt schliesst

Viele Westberliner haben das legendäre Sechseck heiss geliebt: Tegel war nicht nur ein Symbol ihrer Freiheit. Sondern auch ein Flughafen, wie es ihn nie mehr geben wird.

Ein Drive-in-Flughafen: Das geniale Sechseck von 1974 machte den Flughafen Berlin-Tegel in der ganzen Welt bekannt.
Ein Drive-in-Flughafen: Das geniale Sechseck von 1974 machte den Flughafen Berlin-Tegel in der ganzen Welt bekannt.
Foto: Ralf Hirschberger (DPA/Keystone)

Fuhr man zum Flughafen Tegel, landete man direkt in den 70er-Jahren. Die Betonarchitektur, das Plastik, die Farben, der ganze abgewetzte Charme entstammten einer anderen Epoche. Man stieg aus dem Taxi, ging ein paar Schritte zum Gate, noch ein paar durch die viel zu enge Kontrolle, dann stand man quasi schon vor der Flugzeugtür. Und war weg. Kürzere Wege gab es nirgends.

Im gleichfalls viel zu engen Warteraum verkaufte, wenn man Glück hatte, eine Bude Kaffee und Würstchen, eine andere ein paar Parfums, Zigaretten und zwei Sorten Whisky. In einer Zeit, in der Flughäfen längst gigantische Shoppingmalls mit angeschlossenem Flugbetrieb sind, war Tegel nicht nur ein Relikt, sondern ein Statement: eine antikapitalistische Provokation.

Extrem kurze Wege: Zwischen Taxistand und Abfluggate lagen in Tegel nicht mehr als 30 Meter.
Extrem kurze Wege: Zwischen Taxistand und Abfluggate lagen in Tegel nicht mehr als 30 Meter.
Foto: Stefan Zeitz (Imago Images)

Und dann lag dieser Flughafen noch quasi mitten in der Stadt. Vom Kurfürstendamm aus war man in 15 Minuten da. Hatte man etwas Wichtiges vergessen, konnte man immer noch schnell nach Hause fahren – und den Flug trotzdem erwischen. Streikten mal die Taxis oder war die Zufahrt von Demonstranten blockiert, ging man halt zu Fuss. Im Terminal wiederum konnte man sich nicht verlaufen: Einmal rundum, dann war man wieder, wo man hergekommen war.

Überhaupt dieser Terminal! Ein geniales Sechseck im Zentrum eines durchkomponierten Drive-in-Flughafens. Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg entwarfen die Ikone, kaum hatten sie ihr Studium beendet. 1974 wurde ihr Hexagon eröffnet, seither ist es fast im originalen Zustand verblieben. Nicht nur aus Wertschätzung: Als man nach der Wiedervereinigung einen neuen Hauptstadtflughafen plante – den nach einer unendlichen Pleiteserie gerade eröffneten Flughafen Berlin-Brandenburg –, investierte man in Tegel nicht mehr.

Relikt aus den 70er-Jahren: Manche Läden am Flughafen waren nicht erst seit der Corona-Pandemie geschlossen.
Relikt aus den 70er-Jahren: Manche Läden am Flughafen waren nicht erst seit der Corona-Pandemie geschlossen.
Foto: Stefan Zeitz (Imago Images)

So entwickelte der Flughafen mit der Zeit den typischen Berliner Schmuddel und wirkte wie ein heruntergekommener Provinzflugplatz, der aus allen Nähten platzte. Für ursprünglich 2,5 Millionen Passagiere im Jahr gebaut, fertigte man im letzten Jahr fast zehnmal so viele ab. Die Gepäckbänder quietschten und standen oft still, die Toiletten stanken, Steckdosen musste man lange suchen. In den Rankings europäischer Passagiere belegte Tegel meist einen der letzten Plätze. Doch die Berliner liebten den Flughafen. Auch weil er irgendwie unkaputtbar war wie sie selber.

Der Mythos entstand 1948, als die Sowjets den Westteil der geteilten Stadt aushungern wollten und die Alliierten mit einer Luftbrücke dessen Überleben sicherten. In 90 Tagen stampften sie in Tegel die damals längste Flugpiste Europas aus dem Boden. Von da an war der Ort ein Symbol für den Freiheitswillen Westberlins. Das Sechseck verwandelte ihn ein Vierteljahrhundert später in einen modernen Flughafen – und öffnete der von der DDR eingeschlossenen Frontstadt des Kalten Kriegs ein Tor zur Welt.

Fragt man die Berliner, würden sie Tegel offen halten wollen. Aber das ist auch rechtlich gar nicht möglich.

Mit der Planung des Hauptstadtflughafens BER im brandenburgischen Schönefeld waren die Tage der letzten Stadtberliner Flugfelder Tempelhof und Tegel jedoch gezählt. Tempelhof schloss 2008, Tegel sollte 2011 zugehen, zeitgleich mit der Eröffnung des BER. Seine Schliessung war letztlich der Preis für den Neubau. Vor allem aus Lärmschutzgründen dürfte Tegel heute auch gar nicht weiterbetrieben werden. Selbst wenn eine Volksbefragung 2017 ergab, dass eine Mehrheit der Berliner dies wünschen würde.

Diesen Frühling hätte die Corona-Pandemie beinahe noch ein abruptes Ende erzwungen. Statt 100’000 Passagiere fertigte man an manchen Tagen nur noch 250 ab. Der Betrieb bis November schien sich nicht mehr zu lohnen, zumal in Schönefeld ja auch der alte DDR-Flughafen noch offen stand. Doch dann zog der Verkehr kurzzeitig wieder an – und Tegel blieb ein paar letzte Gnadenmonate lang auf.

Der letzte Abflug naht: Am Sonntagnachmittag hebt als letzte eine Maschine von Air France nach Paris ab.
Der letzte Abflug naht: Am Sonntagnachmittag hebt als letzte eine Maschine von Air France nach Paris ab.
Foto: Christophe Gateau (DPA, Keystone)

Am Sonntag ist nun aber unwiderruflich Schluss: Um 15 Uhr startet als Letztes ein Air-France-Flug nach Paris – die Franzosen hatten 1960 auch den ersten zivilen Passagierflug nach Tegel geführt. Das Volksfest zum Abschied, wie es dem Flughafen nach dem Urteil vieler Berliner gebührt hätte, fällt aus. Die Seuche lässt solche Festivitäten derzeit nicht zu.

Und dann? Entsteht aus dem 460 Hektaren grossen Gelände in Tegel Schritt für Schritt ein neuer Stadtteil. Ins Sechseck zieht eine Technik-Hochschule mit 2500 Studenten ein. Um diesen Kern herum soll sich ein neuer Forschungs- und Industriepark bilden, der «urbane Technologien» entwickelt. 1000 Unternehmen will man ansiedeln, mit 20’000 Beschäftigten. Dazu kommen 5000 ökologisch vorbildliche und erschwingliche Wohnungen. Und am Himmel wird Ruhe sein. Das erste Mal seit mehr als 70 Jahren.

4 Kommentare
    Jörg Kramer

    Wenn ich könnte, flöge ich gerne nochmals zum Tegel. Seit Barack Obama an der Siegessäule eine Rede hielt und ich am gleichen Tag erstmals am Tegel landete, war eine Freundschaft gebunden. Wie im Artikel beschrieben, gab es keine Orientierungsschwierigkeiten und vom Bus war man im Nu am Gate. Und umgekehrt. Die zwei Jahre Air-Berlin-Zeit war nebst dem tollen Projekt unvergesslich. Man sollte dem cleveren Flughafen ein zweites Leben in einem Freizeitpark gönnen, zu dem sich hinfliegen lohnen würde.