Zum Hauptinhalt springen

Dritte WelleBewährungsprobe für die Schweizer Strategie

Die Fallzahlen steigen stark, und der Bund steht für seine Corona-Bewältigung von allen Seiten in der Kritik. Doch wo steht die Schweiz wirklich?

Die Mehrheit der über 75-Jährigen hat in der Schweiz mittlerweile mindestens eine Impfdosis erhalten.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

In Deutschland hat Kanzlerin Angela Merkel den Oster-Lockdown abgeblasen. In der Schweiz hält der Bundesrat vorerst an der Öffnung in kleinen Schritten fest, hat allerdings wegen steigender Fallzahlen den Entscheid bis Mitte April aufgeschoben. Einzige Ausnahme bildet die Aufhebung der 5-Personen-Regel: Mittlerweile dürfen sich im Privaten 10 Personen treffen. Der Bundesrat nennt es Öffnung mit kalkulierbarem Risiko. Um das Risiko steigender Fallzahlen in Grenzen zu halten, setzt er auf Gratistests asymptomatischer Personen in Firmen und im Privaten und auf möglichst rasches Impfen.

Probleme mit den Testkapazitäten

Allerdings harzt es mit den Massentests in den Firmen. Zwar haben die meisten Kantone ein Konzept eingereicht; mit den Tests begonnen wurde aber erst in zwei Kantonen. Die Firmen beklagen bürokratische Auflagen der jeweiligen Kantone, um das Personal regelmässig durchzutesten.

Auch für Privatpersonen stehen nach wie vor nicht genügend Testplätze zur Verfügung, um der Aufforderung von Gesundheitsminister Alain Berset nachzukommen, sich vor Ostertreffen in einer Apotheke testen zu lassen. Zwar gibt es genügend Testkits, aber zu wenige Apotheken, die Schnelltests durchführen. Eine Erleichterung werden wohl erst die Selbsttests schaffen, die Berset ab April in Aussicht gestellt hat, die zurzeit aber noch bei der Arzneimittelbehörde Swissmedic in Evaluation sind.

Während andere Länder in Europa die Massnahmen auf die Ostertage hin verschärfen oder die bereits strengen Massnahmen beibehalten, wartet der Bundesrat wohl die Entwicklung bis nach Ostern ab. Am Mittwoch hat die Zahl der täglichen Neuinfektionen die Marke von 2000 wieder überschritten. Voraussichtlich am 7. April dürften die Richtwerte erreicht sein, bei denen der Bundesrat erneute Verschärfungen prüft. Zwar hält der Bundesrat erst am 14. April seine erste ordentliche Sitzung nach Ostern ab. Jedoch kann er bei Bedarf bereits früher den Kantonen Verschärfungsvorschläge unterbreiten. Beschliessen wird er allfällige Massnahmen vermutlich aber erst am 14. April – ausser die Fallzahlen steigen in den nächsten zwei Wochen deutlich stärker als bisher.

Zunehmender Widerstand gegen Einschränkungen

Mögliche Massnahmen wären die erneute Begrenzung privater Treffen in Innenräumen auf 5 Personen oder die Schliessung von Läden. In anderen Ländern wie auch in der Schweiz stossen Einschränkungen jedoch auf zunehmenden Widerstand. In Deutschland musste die Kanzlerin den bereits beschlossenen Oster-Lockdown wieder rückgängig machen. Der Bundesrat hat sich denn auch noch nicht auf mögliche Massnahmen festgelegt, die er bei Erreichen der kritischen Zahlen zu Hospitalisationen, zur Belegung der Intensivpflegeplätze sowie Neuinfektionen ergreift.

Zumindest die wissenschaftliche Taskforce des Bundes zeigte sich am Mittwoch für einmal vorsichtig optimistisch. Sollten die gegenwärtigen Massnahmen beibehalten und auf weitere Öffnungen verzichtet werden, könnte die Schweiz die dritte Welle dämpfen. «Es könnte uns gelingen, einen dritten Anstieg der Fallzahlen deutlich abzumildern», sagte Taskforce-Präsident Martin Ackermann. Er empfiehlt für die kommenden Wochen «weniger Tempo beim Öffnen, aber mehr Tempo beim Impfen».

Bei den Impfungen bewegt sich etwas

Die Impfungen kamen bisher schleppend voran, auch trafen seit Anfang März nur noch kleinere Lieferungen ein – bis diese Woche eine grössere Charge von 355’000 Dosen eintraf. Am Donnerstag werden Bundespräsident Guy Parmelin und Berset zusammen mit Vertretern der Impfstofflieferanten Pfizer und Moderna an einer Medienkonferenz auftreten nach einer gemeinsamen Sitzung mit den Kantonen – voraussichtlich, um über die geplanten Lieferungen der kommenden Monate zu informieren.

Ziel des Bundes ist es nach wie vor, bis Mitte Jahr alle geimpft zu haben, die das wollen. Allein im Monat April sollen gemäss den bisher bekannten Plänen 50 Prozent mehr Impfstoffe eintreffen als seit Beginn der Impfaktion, im Mai und Juni sollen es knapp 3 beziehungsweise knapp 4 Millionen sein, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. Die Mehrheit der über 75-Jährigen hat in der Schweiz mittlerweile mindestens eine Impfdosis erhalten – was sich in sinkenden Infektions- und Hospitalisierungszahlen in diesen Altersgruppen zeigt.

Auch die Zahl der Tests nimmt stetig zu, wenn auch nicht so schnell, wie es zur Eindämmung der dritten Welle angestrebt wird. Mitte Januar wurden in der Schweiz noch 264 Tests auf 100’000 Einwohner verzeichnet, mittlerweile sind es 463 Test. Dies, obwohl mit den Massentests mittlerweile nicht mehr alle Tests mit negativem Resultat gemeldet werden.

48 Kommentare
    Herr Sprenger Urs

    Zu beamtenhaft, zu zögerlich, den Test- und Impfzug verpennt! Schade, Schweiz zeigt gravierende Schwächen in Krisenzeiten. Helvetischer Betriebsmodus funktioniert gut in normalen Zeiten, in komplexen Zeiten versagt der Föderalismus kläglich.