Psychologie

«Anerkennung ist fundamental»

Der Zürcher Sozialpsychologe Johannes Ullrich erklärt den Zusammenhang zwischen Anerkennung, Kränkung und Zurückschlagen.

Auf der Suche nach Anerkennung wird Privates gern in sozialen Medien veröffentlicht. Gross ist jedoch der Schock, wenn man blossgestellt wird.

Auf der Suche nach Anerkennung wird Privates gern in sozialen Medien veröffentlicht. Gross ist jedoch der Schock, wenn man blossgestellt wird. Bild: Shotshop

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Die Wertephilosophin Barbara Strohschein beschreibt in ihrem Buch «Die gekränkte Gesellschaft» (unten) die Suche nach Anerkennung als Zeitgeistphänomen: «Nie gab sich unsere Gesellschaft selbstbewusster und freier als heute – und nie war der Hunger nach Anerkennung so gross.» Teilen Sie diese Ansicht?
Johannes Ullrich: Anerkennung ist ein fundamentales Bedürfnis. Mein Kollege Constantine Sedikides von der Universität Southampton vergleicht es in der Tat mit dem Bedürfnis zu ­essen. Ich glaube, in dieser Hinsicht spielt der Zeitgeist eine kleinere Rolle. Dem Wandel der Zeiten unterworfen ist eher die Frage, was wir essen.

Um der befürchteten Ent­wertung oder Kränkung zu entgehen, betreiben manche Menschen hohen Aufwand, um sich selbst möglichst gut darzu­stellen. Welche Formen von «Anerkennungssucht» sind ­heute am stärksten ausgeprägt?
Menschen unterscheiden sich sehr darin, in welchen Bereichen sie nach Anerkennung suchen. Das kann zum Beispiel die Familie sein, der man gefallen will, oder der Wettbewerb, in dem man hervorstechen will, oder der Körper, der einem bestimmten Ideal angeglichen werden soll.

In der Tat ist die Selbstoptimierung mithilfe von Training, Diät, teurer Kleidung, Kosmetik, aber auch Ratgeberliteratur ein aktueller Trend. Wo sind die Grenzen?
Problematisch ist es, wenn das Gefühl des Selbstwerts sehr stark und exklusiv an die Bestätigung in einem Bereich geknüpft ist. ­Jemand, der so stark von diesen Rückkopplungen abhängt, fühlt sich ständig in seinem Selbst­wert bedroht. Grundsätzlich brauchen wir natürlich alle Bestätigung durch andere, aber im güns­ti­gen Fall haben wir früh gelernt, dass wir ganz ohne Bedingungen liebens­wert sind.

Barbara Strohschein vertritt die Meinung, dass jugendliche ­Migranten, die sich extremistischen Gruppen anschliessen, zuvor selbst entwertet wurden. Es gibt Schweizer Jihad-Reisende. Auf welcher Ebene sind diese denn entwertet worden, tun wir zu wenig für die Integration?
Die These von Frau Strohschein erscheint mir plausibel. Extremistische Gruppen machen attrak­tive Anerkennungsange­bote. Die Zugehörigkeit zu einer kleinen Elite kann verlockend sein, wenn einem in verschie­denen Bereichen Anerkennung versagt bleibt. Sicher kommt da vieles zusammen, schulische, berufliche oder auch romantische Kränkungen und Enttäuschungen und ein allgemeines Gefühl der Ausweglosigkeit. Ich glaube, es wird schon viel getan für Inte­gration, und hier geht es ja nicht nur um die Integration von Mi­granten, sondern von sozial Benachteiligten allgemein. Aber es lohnt sich, das Thema nie aus den Augen zu verlieren, statt erst zu rea­gie­ren, wenn alles zu spät ist.

Bundesrätin Sommaruga sagte mit Blick auf islamische Jungen, die der Lehrerin den Hände­druck verweigerten: «Der Hände­druck ist Teil unserer Kultur.» Welche Werte gelten in der Schweiz als kulturell «gesetzt»?
Jetzt sprechen Sie einen wichtigen Aspekt an: Anerkennung hängt natürlich nicht nur von uns als Individuen ab, sondern auch von den Gruppen, denen wir ange­hören. Über die Bewertung dieser Gruppen in der Schweizer Gesellschaft wird unter anderem auf der politischen Bühne entschieden, und da sollte man vorsichtig sein. Sozialpsychologische Forschung zeigt: Stellt man den Händedruck als Minimalziel dar, dann fördert das Schwarz-weissdenken und die Abwertung von Minderheiten.

Ein dominantes Thema in «Die gekränkte Gesellschaft» ist das mangelnde Selbstwert­gefühl. Es ist fast nicht nachzuvollziehen, dass so viele Betroffene aus unserem Erziehungssystem hervorgehen sollen. Wird dieser Befund überbewertet?
Frau Strohschein arbeitet mit Beispielen, nicht mit belastbaren Statistiken. Das ist auch in Ordnung so, aber dann muss man vorsichtig sein mit Aussagen dar­über, wie sehr und wie viele betroffen sind. Das Selbstwertgefühl unterschiedlicher Geburtskohorten unter­scheidet sich kaum. Wir müs­sen nicht davon ausgehen, dass eine dramatische Entwicklung vorliegt, dass das Selbstwertgefühl allgemein abnimmt.

Wie kann man es einordnen, wenn Jugendliche sich über Face­book beleidigen, das heisst entwerten. Ist das noch «normales» Pubertätsverhalten?
Was heisst «normal»? In dem Sinne, dass es das immer schon gegeben hat, ist das sicher normal. Aber die Konsequenzen des modernen Cyber-Bullying sind zum Teil schwerwiegender. Erziehung im Umgang mit ­Social ­Media und Internet hat einen gros­sen Stellenwert bekommen, und das zu Recht.

Die Buchautorin legt einen Schwerpunkt auf Entwertungin der Familie. Sehen Sie dort «die Wurzel allen Übels»?
Das Gefühl, nicht in allem und jedem von der Bewertung anderer abhängig zu sein, kommt nicht von heute auf morgen. Man lernt über die Jahre, wie in der Familie mit Leistung und Enttäuschungen umgegangen wird. Von daher, ja, hier kann eine ungünstige Entwick­lung einsetzen, wenn die Wertschätzung zu sehr an äusserlichen Erfolg geknüpft wird.

Was wäre Ihr Rezept, umdie um sich greifende Entwertung einzudämmen?
In unserer Forschung zu Grup­pen­konflikten verfolgen wir einen vielversprechenden Ansatz, um Entwertung aufzu­heben. Kurze strukturierte Übun­gen, in dem die Gruppenmitglieder dar­über reflektieren, was ihre Gruppe stark macht, helfen dabei, feindselige Orientierungen gegenüber anderen Gruppen abzubauen. Im Gegensatz ­dazu kann es aggressiv machen, wenn man sich als Opfer fühlt.

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Erstellt: 04.05.2016, 12:32 Uhr

Johannes Ullrich (*1977) promovierte im Graduierten- kolleg «Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit» an den Universitäten Marburg und Bielefeld. Seit 2013 ist er Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich. Er forscht unter anderem zu Gruppenkonflikten und sozialer Identität.

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