Lebensverläufe  

Auf der Suche nach dem gelingenden Leben

Der Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter birgt viele Herausforderungen. Eltern, Schule und Freunde formen die junge Persönlichkeit mit. Welche Einflüsse sich durchsetzen, untersuchen Forscher in einer Langzeitstudie.

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Teenager haben es nicht leicht. Vieles fordert sie gleichzeitig ­heraus: der Wechsel an die Oberstufe, Berufswahl, erste Liebes­beziehungen, Verlockungen in Form von Alkohol und Drogen. Da möchten die Familienangehörigen, aber auch Lehrer und Betreuer mit Rat und Tat zur Seite stehen. Doch welche Unterstützung ist produktiv? Was kann die ältere Generation der heutigen überhaupt noch mitgeben? Die Welt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert.

Helmut Fend und ein wissenschaftliches Team an drei Universitäten verfolgen den gesellschaftlichen Wandel im Spiegel der Lebensgeschichten heutiger Endvierziger. Mit der LifE-Studie (siehe Kasten) zeichnen sie die Lebensverläufe einer ungewöhnlich grossen Gruppe von über 1350 Menschen nach und können nach 35 Jahren eine vorläufige ­Bilanz ziehen.

Langfristiger Elterneinfluss

Urs Grob (Bild), promovier- ter Erziehungswissenschaftler, forscht für die Universität Zürich in diesem einzigartigen Projekt mit. Er hebt die Rolle der Eltern hervor: «Die These von der Ohnmacht der Eltern kann ich nicht unterstützen. Die LifE-Studie zeigt klar, dass der Einfluss der Eltern neben Medien und Gleichaltrigen sehr wohl Bestand hat. Es ist beeindruckend, wie sich die Befragten auch im Erwachsenenalter noch in ihren Wertvorstellungen von ihren Eltern beeinflusst zeigen.» Dabei sei zentral, dass ein offener Austausch stattfindet. Eltern, die eine klare Haltung beziehen, zugleich aber verständnisvoll sind, haben gute Chancen, langfristig Einfluss auf ihre Kinder zu nehmen. Nicht zuletzt dürfen Mütter und Väter ausdrücken, was sie denken und fühlen. Wichtig ist es, auch bei Konflikten die Kommunikationskanäle offen zu halten und mit etwas Abstand und vielleicht Humor im Gespräch wieder zueinanderzufinden.

Kinder fühlen Verpflichtung

Die Umwandlung des hierarchischen Eltern-Kind-Verhältnisses in ein partnerschaftliches sieht Grob als Schlüssel für einen funktionierenden «Generationenvertrag». Auch im Zeitalter von Mobilität und Individualisierung gebe es noch gefühlte Verpflichtungen den alternden Eltern gegenüber, die über die gesellschaftliche Norm hinaus gingen. Hingegen: «Belastete ­Beziehungen im Jugendalter, die etwa aus ungeschicktem elterlichem Erziehungsverhalten entstehen können, führen zu mehr Distanz — psychologisch und räumlich.» Als Beispiel nennt er eine ausgeprägte Straforientierung oder übermässige Kontrolle. Die gute Nachricht ist jedoch, dass belastete Beziehungen im Erwachsenenalter häufig wieder verbessert werden können, vorausgesetzt, es gibt eine gleichberechtigte Basis für Nähe und Vertrauen.

Die Forschungsgruppe konnte auch nachweisen, dass die Jugendlichen der 1980er-Jahre in den Überzeugungen, was die «richtige Erziehung» sei, von ihren Eltern beeinflusst waren.

Sinn wird konstruiert

«Heute teilen junge zusammenziehende Paare die Hausarbeit stärker als früher zu gleichen Teilen unter sich auf», erklärt Urs Grob. «Kommt dann aber das ­erste Kind, bringt dieses sehr oft den bekannten Konventionalisierungsschub.» Junge Frauen, die sich schon als Jugendliche eine egalitäre Arbeitsteilung mit dem Partner vorgestellt hatten, fallen jedoch deutlich weniger in traditionelle Strukturen zurück. Dieses Lebensziel hat demnach einen beeindruckend langfristigen Bestand.

Demge­gen­über zeigt sich bei den Berufsvorstellungen, dass der als Teenager angestrebte Beruf heute nur von einer kleinen Minderheit ausgeübt wird. Für viele war es notwendig, eine persönliche Nische zu finden und sich wiederholt neu zu orientieren. Spannend ist dabei das Phä­nomen der Biografisierung, das heisst, das Bestreben, Ereignisse und Zustände einzuordnen und ihnen Sinn zuzuschreiben, auch wenn sie belastend sind. «Bio­grafien ‹sind› nicht einfach, sondern sie stellen stets das Ergebnis einer Konstruktionsleistung dar», weiss Grob.

Verantwortung übernehmen

Zu den Erfahrungen, die die Kinder von einst machen mussten, gehören auch Schicksalsschläge und Ereignisse wie Scheidung, Arbeitslosigkeit, der Tod nahe stehender Menschen und eigene schwere Krankheit. «Gerade auch hier legt die Familie den Grundstein, wie man später mit solchen Belastungen umgeht», meint Grob. «Wichtig ist, dass man sich öffnen kann und nicht alles in sich hineinfrisst. Mit Wille und Ener­gie­ sind allerdings Möglichkeiten der Selbst­gestaltung gegeben, die früher oftmals unterschätzt wurden.»

Eine interessante Beobachtung am Rande ist, dass Religion zwar sinnstiftend wirken kann, hoch religiös erzogene Jugendliche im Lebensverlauf jedoch keine günstigere Verarbeitung von einschneidenden Erfahrungen zeigen. Sie betrachten ihr Leben nicht milder als Nichtreligiöse. Positiv wirkt sich vor allen Dingen ein tragfähiges soziales Netz von Verwandten und Freunden aus.

Ausserdem zeigt die LifE-Studie, die nunmehr drei Generationen untersucht hat, dass Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern nach wie vor bessere Bildungschancen haben als gleich Begabte aus bildungsferneren Schichten. Im internationalen Vergleich ist der Herkunftseffekt in der Schweiz und in Deutschland sogar am stärksten ausgeprägt. «Eltern mit guter Schulbildung wissen um die Bedeutung und den Wert ebendieser», sagt Urs Grob. «Sie können ihre Kinder fachlich unterstützen, sind in der Schule präsenter und machen bei Übertrittsentscheidungen ihren Einfluss geltend.»

Ein gelingendes Leben, so das Fazit, hat aber vor allem mit einem positiven Selbstverständnis zu tun. Dazu zählt das Gefühl von Zugehörigkeit und Teilhabe, aber auch das Bewusstsein, durchhalten und etwas leisten zu können und eigene Ziele zu haben. Kurz: Der junge Mensch sollte Gelegenheit bekommen und darin unterstützt werden, Verantwortung zu übernehmen – sowohl für sich als auch für seine Umwelt. Dies ist eine der wichtigsten Ressourcen für sein späteres Leben. Und für die ganze Gesellschaft.

Erstellt: 23.05.2015, 17:49 Uhr

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