Winterthur

Gemetzel im heimischen Garten

Zur Flüggezeit der Vögel ist das Jagen für Katzen besonders leicht. Diesem Treiben müsse Einhalt geboten werden, finden Naturschützer – und wollen Schnurrli & Co. gar selbst an den Kragen.

Leichte Beute für die Katzen: Wenn Vögel sich in Bodennähe oder an einfach zugänglichen Stellen aufhalten.

Leichte Beute für die Katzen: Wenn Vögel sich in Bodennähe oder an einfach zugänglichen Stellen aufhalten. Bild: Shotshop

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Darf ich die Katze des Nachbarn töten?», fragte kürzlich eine Winterthurerin in einem Leserbrief in dieser Zeitung. Die Erklärung, warum sie diese provokative Frage stellt, lieferte sie gleich mit: Einmal mehr habe sie dieser Tage in ihrem Garten eine durch eine Katze schwer verletzte junge Elster gefunden. «Fast jedes Jahr spielt sich in unserem naturbelassenen Wildgarten das gleiche Drama ab», schreibt sie. Sie möge zwar Katzen, doch die Population in der Stadt habe das gesunde Mass weit überschritten. Sie appelliert, dass die Katzenhalter nicht nur finanziell in die Verantwortung genommen werden müssten, sondern auch für eine gesunde Balance in der hiesigen Fauna.

«Junge Vögel sind ein gefundenes Fressen für Katzen»

Dass die Leserin mit ihrer Meinung nicht alleine dasteht, zeigt eine Anfrage beim Natur- und Vogelschutzverein in Seen. «Es gibt definitiv zu viele Katzen», sagt Brigitte Hofmann, Co-Präsidentin des Vereins. Es sei aber nicht ein Winterthur-spezifisches Problem. Die Katzen, die laut dem Internationalen Verband zur Bewahrung der Natur zu den 100 am stärksten invasiven Tierarten gehört, seien eine Gefahr für die einheimischen Tierarten. «Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass in der Schweiz jährlich etwa 800‘000 Vögel gefressen werden», sagt Hofmann. Da seien andere Kleintiere wie Eidechsen, Blindschleichen oder Mäuse noch nicht eingerechnet.

Im Moment erhalte sie täglich bis zu fünf Anrufe von Leuten, die einen verlassenen oder verletzten Jungvogel finden und nicht weiter wissen. Gerade jetzt, wenn die Jungtiere flügge werden, seien sie besonders gefährdet. «Die jungen Vögel sind meist noch etwas tolpatschig und landen immer wieder auf dem Boden – ein gefundenes Fressen für Katzen, die oft nur auf diesen Moment lauern.»

Jagen aus Langeweile

Ins selbe Horn bläst auch Marco Sacchi, Geschäftsleiter des Zürcher Vereins Naturnetz. «Es ist erwiesen, dass die Wildtierpopulationen unter anderem auch wegen dem Übermass an Katzen zurückgeht.» Er habe bei seinen Grosseltern selbst beobachten können, dass nach dem Zuzug einer Katze in der Nachbarschaft eine Eidechsenpopulation innerhalb von zwei Jahren ausgerottet war. «Viele Hauskatzen jagen nicht aus Hunger, denn sie werden ja gefüttert, sondern nur aus Langeweile.» Das bedrohe den Bestand der einheimischen Tierarten massiv.

Dass Schnurrli und Co. die Bestände der einheimischen Vögel, Reptilien und Amphibien reduzieren, bejaht auch Claudia Schärer, Fachperson beim Tierschutzverein Winterthur und Umgebung. «Dadurch ist aber keine Tierart akut vom Aussterben bedroht, denn nicht jede Katze ist ein Jäger.» Man müsse in die Waagschale werfen, dass auch andere Tiere wie etwa Füchse oder Marder Nesträuber seien. Ein grosses Problem seien aber die vielen Streunerkatzen, für die sich niemand zuständig fühlt. Wie viele das auf Stadtgebiet sind, lasse sich nicht sagen. Schweizweit geht man aber von 300‘000 dieser heimatlosen Tiere aus.

Ausrottungsgefahr durch zersiedelte Gebiete

Die Aussage mit den Streunerkatzen unterstützt auch ein Bericht der unabhängigen Zürcher Forschungs- und Beratungsgemeinschaft Swild, der im Mai 2013 die weltweiten Forschungsergebnisse im Bereich Hauskatzen und Wildtiere im städtischen Umfeld zusammenfasste. Darin heisst es, streunende Katzen hätten ein besseres Jagdverhalten als Hauskatzen.

Der Bericht hält auch fest, dass bei einem genügend grossen Angebot an Nist- und Versteckmöglichkeiten die Populationen der heimischen Arten durch Katzen zwar geschwächt werden, der Bestand diese Verluste aber verschmerzen könne. Doch wenn der Bestand in stark zersiedelten Gebieten mit wenig Rückzugsmöglichkeiten wie Totholzhaufen oder Trockenmauern bereits geschwächt sei, könne eine hohe Katzendichte zum Erlöschen einer Population führen.

1.38 Millionen Katzen

Wie viele Katzen es auf Winterthurer Stadtgebiet tatsächlich gibt, ist laut Schärer vom Tierschutzverein schwer zu sagen. Auch die Winterthurer Flurpolizei hat dazu keine Angaben. Denn anders als bei Hunden gibt es für Katzen keine Registrationspflicht. «Eine Registrations- und vor allem eine Kastrationspflicht wären aber wünschenswert», sagt Schärer. Laut Hochrechnungen der unabhängigen Zürcher Forschungs- und Beratungsgemeinschaft Swild leben im Siedlungsraum der Stadt Zürich etwa 430 Katzen pro Quadratkilometer. Als Vergleich dazu nennt die Forschungsstelle die Furchspopulation: rund 10 bis 15 Füchse besiedeln dieselbe Fläche.

Im Bericht wird auch eine Bevölkerungsbefragung aus dem Jahr 2008 zitiert, bei der die Anzahl Katzen in der Schweiz erhoben wurde. Insgesamt 1.38 Millionen Katzen halten Herr und Frau Schweizer bei sich zu Hause. Tendenz steigend. Und rund 72 Prozent oder 994‘000 dieser Katzen haben Auslauf ins Freie.

«Niemand traut sich, die Räuber zu erlegen»

Ein Umstand, den man ändern müsste, findet Sacchi vom Verein Naturnetz. Denn: «Katzen gehören nicht zur hiesigen Fauna und haben keine natürlichen Feinde.» Unter gleich denkenden Naturschützern herrsche ein grosser Frust, da es keinerlei Handhabe gebe, um dem Problem beizukommen. Als er vor einigen Jahren eine Bauherrschaft im Limmattal beriet, die eine Siedlung direkt an ein Naturschutzgebiet angrenzend baute, habe er ein Katzenhalteverbot vorgeschlagen. «Ein unmögliches Unterfangen», bilanziert er.

Und er ergänzt: «Anders als Katzen haben Vögel und vor allem Reptilien und Amphibien keine starke Lobby.» Niemand traue sich deshalb, einer Katze ein Haar zu krümmen. «Selbst wenn es Beobachtungen gibt, dass eine Katze immer wieder in einem bestimmten Waldgebiet auf die Jagd geht, wird sich kein Jäger getrauen, diesen Räuber zu erlegen.» Das sei nach wie vor ein Tabu.

Verständnis für beide Seiten

Schärer hat für beide Seiten Verständnis. «Die einen sagen, das Jagen gehöre zum natürlichen Trieb der Katzen, und man könne als Besitzer diesen Instinkt nicht kontrollieren. Die andere Seite argumentiert, Vögel, Insekten, Blindschleichen und Co. benötigen einen speziellen Schutz – und beide haben Recht.»

Sacchi findet, die Lösung wäre, wenn Katzen nicht mehr ins Freie dürften und die Halter für Schäden haftbar gemacht werden könnten. «Auch an der hiesigen Fauna.»

Katze töten ist eine Straftat

Einer Katze Schaden zuzufügen, damit sie keine Vögel mehr jagt, ist übrigens keine gute Lösung, wie Michelle Richner, Rechtswissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Tier im Recht sagt: «Man würde sich wegen Tierquälerei durch qualvolle oder mutwillige Tötung strafbar machen.» Denn wenn Katzen Wildtiere angreifen, bestehe keine rechtliche Grundlage, den Angreifer in Form einer Tötung abzuwehren. Es gelte das Prinzip der Verhältnismässigkeit: Katzen können auch mit sanfteren Mittel wie etwa einem Sprutz Wasser verscheucht werden. Wildern Katzen im Wald, hat der Jäger in gewissen Regionen das Recht, das Tier zum Schutz der Wildtiere abzuschiessen. Welche Bestimmungen dafür eingehalten werden müssen, sei von Kanton zu Kanton unterschiedlich, sagt Richner. Im Kanton Zürich hält die Jagdordnung fest, dass Jäger verwilderte Hauskatzen nur in Waldungen und in mindestens 300 Metern Entfernung zum nächsten Wohn- oder Wirtschaftsgebäude erlegen dürfen.

Erstellt: 11.06.2015, 13:59 Uhr

Broschüre, wie man Vogelnester vor Fressfeinden schützen kann

Vogelnest-Schutz.pdf

(Zum Öffnen des PDF's bitte Link anklicken)

Brigitte Hofmann, Co-Präsidentin des Natur- und Vogelschutzvereins Seen. (Bild: Marc Dahinden)

«Man kann Katzen nicht während der ganzen Brutsaison einschliessen»

Wann ist die gefährlichste Zeit für die jungen Vögel?
Vögel sind besonders gefährdet, wenn sie ausfliegen. Auch gut zugägliche Nester in Hecken oder oben an Balkonen sind für die Jungtiere heikel. Was man auch nicht vergessen darf ist, dass auch Marder Nester plündern und im Wald übrigens auch Eichhörnchen, die gelegentlich Vogeleier aus den Nestern holen.

Welche Arten sind besonders von den Raubzügen der Katzen betroffen?
Es sind vor allem die Vögel, die in den Siedlungsgebieten brüten: Amseln, Meisen, Hausrotschwänze, Hausspatzen oder auch Mauer- und Alpensegler. Letzere sind besonders gefährdet, da Jungvögel, die auf dem Boden landen, wegen der langen Flügel nicht mehr starten können.

Was kann man als Katzenbesitzer tun, um die Vögel besser zu schützen?
Die Idee, dass man die Katzen während der Brutsaison einschliessen könne, um die Vögel zu schützen, ist eine Illusion. Denn häufig lässt sich das nicht umsetzen. Zumal die Brutzeit von März bis teilweise in den Hochsommer dauert. Wer in seinem Garten aber beobachtet, dass die Jungvögel Flugversuche starten, sollte seine Katzen in diesen Tagen möglichst nicht rauslassen.

Was ist zu tun, wenn man einen verletzten oder verlassenen Vogel findet?
Wenn der Vogel umherflattert und scheinbar verlassen wirkt, sollte man ihn auf einen für Katzen schwer zugänglichen Busch setzen. Die Elterntiere sind meist nicht weit weg und füttern das Jung dann dort. Eine Gefahr, dass die Elterntiere das Junge verstossen, weil man es angefasst hat, besteht nicht, da Vögel praktisch nichts riechen. Wer einen verletzten Vogel findet, dem empfehle ich, die Vogelwarte Sempach oder den Tierrettungsdienst anzurufen. Die Vogelwarte hat eine Liste mit Pflegestationen. Beim Tierrettungsdienst empfehle ich jeweils, eine Spende zu entrichten, da die Mitglieder ehrenamtlich arbeiten.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!