Schweiz

Hinter den glitzernden Fassaden

Grandhotels sind wie Burgen und Schlösser aus früheren Zeiten: Für die Mehrheit der Leute sind sie unerreichbar und wer dort übernachten kann, hat es geschafft. Carsten K. Rath hat ein Buch über sein Leben als Hotelier in Luxushotels geschrieben.

Vom Hotelier zum Autor: Carsten K. Rath erzählt aus seinem Berufsleben und gibt darin seine guten und schlechten Erfahrungen weiter. Bild: Marc Dahinden

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Grandhotels üben eine grosse Faszination aus. Bücher über «Menschen im Hotel» – so der Titel des Bestsellers von Vicky Baum – füllen ganze Regale. Dabei reicht die Spanne von hoher Literatur wie bei Thomas Manns «Zauberberg» bis zur Unterhaltung wie in Arthur Haileys «Hotel».

Aktuell hat nicht nur der Spielfilm «Grand Budapest Hotel» bei den Oscars abgeräumt, sondern auch der Gründer der LH&E-Hotelgesellschaft, Carsten K. Rath, ein Buch über 25 Jahre Arbeit im Hotel veröffentlicht. Wir trafen ihn bei der Eröffnung des neuen Kameha Grand in Zürich-Opfikon.

War­um ist das Thema Grandhotel faszinierend genug, um dar­über Bücher zu schreiben?
Carsten K. Rath: Grandhotels sind die natürlichen Nachfolger der Burgen und Schlösser früherer Zeiten. Sie wirken pompös und waren für weite Teile der Bevölkerung unerreichbar. Wer in ein Schloss hineindurfte, hatte es geschafft. Heute kann man sich den Zugang ins Schloss oder eben ins Grandhotel gönnen. Sobald man Gast ist, kann man sich sicher sein, gut behandelt zu werden. Der verkannte Künstler wird ebenso zuvorkommend bedient wie der Milliardär – solange er sich so benimmt, dass er die anderen Gäste nicht stört. Der Titel meines Buchs «Sex bitte nur in der Suite» bezieht sich auf einen Rockstar, den ich – vergeblich – an dieses Prinzip erinnert habe.

Sie räumen im Buch den Servicemitarbeitern eine besondere Rolle ein. So erfüllt etwa der Nachthausdiener Mehmet mit Fleiss und Perfektionismus die Wünsche der Gäste, bevor sie sie aussprechen. Wie kommen Sie in Ihren Hotels zu idealen Gastgebern mit Servicemen­talität?
Es braucht verschiedene Stufen, um die richtigen Menschen am richtigen Ort zu platzieren. Die Talentauswahl spielt dabei eine entscheidende Rolle. Unsere Schulungsabteilung tut dann ein Übriges. Dabei ist die Ausbildung im Hotel wie eine Operation am offenen Herzen – man bildet im Arbeitsalltag aus, vor den Augen der Gäste. Das hat sich seit meiner eigenen Lehrzeit nicht verändert. Ansonsten aber glaube ich, ein besserer Lehrmeister zu sein. Ich habe in einer ersten Anstellung vor allem gelernt, wie man es nicht machen sollte. Aber auch das war eine wertvolle Erkenntnis. «M hoch 4» ist unsere Voraussetzung: «Man muss Menschen mögen.»

Das steht in Gegensatz zum Beginn Ihrer Karriere im Schwarzwald. Ihre Lehrzeit als Terrassenkellner unter der Aufsicht eines Chefs, der die Gäste verachtete, klingt traumatisch. Trotzdem – oder gerade deshalb – haben Sie es vom Kellner zum Hoteldirektor gebracht. Daneben sind Sie aber auch vom Schulabbrecher zum Hochschuldozenten geworden. Sie müssen in Ihrer Jugend ein ambivalentes Verhältnis zu Bildung gehabt haben.
Eigentlich wollte ich ja auch Tennisprofi werden – dazu hätte ich kein Abitur gebraucht. Ich habe erst später nach der Berufsausbildung studiert. Inzwischen ist Bildung für mich ein Mittel, Freiheit zu erlangen. Ohne Bildung hat man keinen Einblick in andere Welten. Man findet sich ohne Sprachkenntnisse oder ein tiefes Verständnis für andere Gegebenheiten nicht zurecht. Deshalb arbeite ich jetzt gerne als Dozent an mehreren Hochschulen und in meinem eigenen In­sti­tut Richtigrichtig.com. Dort kümmern wir uns um Weiterbildung für Manager und Mitarbeiter.

Eigentlich sind Sie mit 48 Jahren nicht alt genug für eine Biografie. War­um also haben Sie dieses Buch geschrieben?
Meine Mutter sagt immer, ich hätte genug erlebt für drei Leben. Es war wie eine Aneinanderreihung von Achterbahnen, bei denen es langsam hinaufgeht und schnell wieder hinunter. Aber ich habe ­bewusst keine Autobiografie geschrieben, sondern ein sogenanntes Business Memoir. Die Ereignisse meines Privatlebens habe ich nur erwähnt, wenn sie in Zusammenhang mit meinem Berufsleben standen. Mir geht es darum, Erkenntnisse weiterzugeben, die ich im Laufe meines Berufslebens gesammelt habe – die guten und die schlechten. Dabei sollen nicht nur Nachwuchshoteliers profitieren, sondern auch Reisende, die hinter die Kulissen der Grandhotellerie blicken wollen, und Leser, die Freude an Ironie und skurrilen Begebenheiten haben. Ich habe fast vier Jahre an dem Buch geschrieben und Humor ist der rote Faden. Jeder Satz sollte sitzen. Die Leser können mich über die Formulierungen kennen lernen. Deshalb habe ich mich mit dem provokanten Titel ge­gen­über dem Verlag auch durchgesetzt. Meine Sprache wollte ich mir nicht nehmen lassen. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 24.04.2015, 09:07 Uhr

Leseprobe

Mein mit Abstand bizarrstes Erlebnis mit einem Gast – und zwar bis heute – drehte sich um einen Musiker. Einer der grössten damaligen Rockstars war bei uns abgestiegen. (...) Ab halbem Weg die Treppe hoch zur Empore im nächsten Stockwerk hörte die bunte Truppe plötzlich auf, sich vorwärts zu bewegen.

Die Sicherheitsleute bildeten zwar mehr oder weniger einen Kreis um den Star mit seinen Groupies. So zahlreich, dass sie das Geschehen wirklich abschirmen konnten, waren sie dann aber auch wieder nicht. Und so bekam ich einen Superstar in der Horizontalen zu sehen, in eindeutiger Position, mit mehreren Groupies gleichzeitig. In diesem Moment hätte ich lieber eine Woche lang ohne Hose hinter dem Rezeptionsbalken gestanden, als in die Szene einzugreifen. Doch es half alles nichts: Wenn ich das ignorierte, riskierte ich, dass es zu Beschwerden kam.

Aus dem Buch: Carsten K. Rath: «Sex bitte nur in der Suite. Aus dem Leben eines Grand Hoteliers». Herder Verlag, 28.90 Fr.

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