Andermatt

In der Einsamkeit der Gotthardregion

Die Gotthardregion hat es schwer im Wettbewerb der Tourismusdestinationen. Ein kantonsübergreifendes Projekt lässt Hoffnungen aufkommen: der Vier-Quellen-Weg.

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Der Gotthard war und ist für manche eine Art Schweizer Heiligtum. «Wiege der Eidgenossenschaft», «Zentrum Europas», «Seele der Schweiz» sind einige der Stichwörter, um die sich der Mythos Gotthard rankt. Das Reduit, die Alpenfestung als Kernelement der geistigen Landesverteidigung, hat den alten Mythos seit dem Zweiten Weltkrieg in einsame Höhen gehoben. Doch seltsamerweise kennzeichnet ein scharfer Kontrast den Umgang mit diesem «Heiligtum» von dessen Bild. Während Destinationen wie die Jungfrauregion («Top of Eu- rope») anhaltend boomen, wird bald zum einsamen Pilger, wer den Weg über den Gotthard unter die Füsse nimmt. Einzig auf der Passhöhe ändert sich das tagsüber. Töff- und Autofahrer legen dort eine längere Pause ein, was einigen Marktfahrern gute Geschäfte mit Getränken und Esswaren ermöglicht.

Im Abseits statt Hauptroute

Die Einsamkeit hat mit dem Wandel im Verkehrswesen zu tun. Nachdem der Gotthard dank der Überwindung der Schöllenenschlucht ab etwa 1200 zu einer Transitroute wurde, lag die Region plötzlich inmitten der kürzesten Verbindung zwischen Süddeutschland und Mailand. Anders als heute war er selbst im Winter für Säumer passierbar. Und als Anfang des 19. Jahrhunderts befestigte Strassen über die Alpen gebaut wurden, entwickelte sich der Gotthard zum bedeutendsten Übergang. Das Postkutschenzeitalter setzte ein und damit auch der Tourismus mit einer Hotellerie für zahlungskräftige Gäste.

Doch mit der Eröffnung des Eisenbahntunnels 1882 und des Strassentunnels 1980 verlagerte sich der Personen- und Güterverkehr «eine Etage nach unten»: Oberhalb von Göschenen wurde es ruhiger. Und mit dem Neat-Basistunnel wird ab 2017 der Schienen-Transitverkehr noch weiter unten abgewickelt werden. Dann stellt sich die Frage, wie lange die Gotthard-Bergstrecke noch unterhalten und befahren wird.

Viele Junge wandern ab

Die Entwicklung zeigt sich gut an der Einwohnerzahl von Hospental, wo die Passstrasse beginnt: 1870 wohnten dort 444 Personen, heute noch 202. Jene von Andermatt verweist auf einen anderen Faktor: 1941 wie 1980 betrug die Einwohnerzahl rund 1500, heute sind es trotz massiver Investitionen 100 weniger. Grund dafür ist der Abzug der Armee, der die Region zahlreiche Arbeitsplätze verdankte. Seither wandern viele Junge ab, während der Anteil der über 60-Jährigen bereits ein Viertel und mehr ausmacht.

Die Hoffnungen ruhen nun pikanterweise auf einem Ausländer aus einem arabischen Land: Der Ägypter Samih Sawiris hat bisher über 450 Millionen Franken in ein nicht zu übersehendes Tourismus-Resort in Andermatt investiert. In Betrieb seit Dezember 2013 ist das Luxushotel The Chedi, der aktuelle Kern des Projekts. Weniger sichtbar als Sawiris’ Engagement, zu dem auch der Ausbau des Skigebiets Andermatt-Sedrun gehört, ist das vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) begleitete Projekt San Gottardo. Dabei geht es darum, dass der Kanton Uri und die an ihn angrenzenden Randregionen der Kantone Graubünden, Tessin und Wallis die Gotthardregion im weiteren Sinn gemeinsam und mit Hilfe des Bunds touristisch zu entwickeln versuchen.

Vier Flüsse, vier Kulturen

Endlich, ist man versucht zu sagen, die Geografie fordert geradezu dazu auf. Denn das Besondere am Gotthard ist aus einer grösseren Perspektive nicht der Alpentransit – andere Pässe (nicht Tunnels), namentlich der Brenner, waren für den europäischen Handel wichtiger –, sondern seine Funktion als Wasserschloss: Sieben Prozent der Süsswasserreserven des Kontinents lagern dort. Rhein und Rhone, Reuss und Ticino entspringen im Gotthardmassiv, und die vier Täler, die sie ausgebildet haben, beherbergen vier Kulturen und Sprachräume: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.

Der im Sommer 2012 eröffnete Vier-Quellen-Weg (siehe Karte) thematisiert diesen Zusammenhang. Ins Leben gerufen wurde er von einer Stiftung, der Persönlichkeiten aus den vier Kantonen angehören. Der 85 Kilometer lange Wanderweg führt vom Oberalppass über den Gotthard- und den Nufenenpass zum Rhonegletscher am Aufstieg zum Furkapass (oder umgekehrt) und dabei zu den Quellen der vier Flüsse, alles zwischen 1400 Meter und 2776 Meter über Meer. Die familienfreundliche alpine Tour lässt sich in fünf Tagesetappen bewältigen mit Unterkunft in Berghütten und Hotels. Ausgangs- und Endpunkte der Tagesetappen sind – zum Teil indirekt durch Zusatzstrecken – mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Einzigartiges Wandererlebnis

Das Wandererlebnis sucht seinesgleichen und spricht Naturliebhaber ebenso an wie historisch und kulturell Interessierte, führt doch die Tour durch vier ganz unterschiedlich geprägte Kantone, die an ihrem gemeinsamen Schnittpunkt den gleichen geografischen Bedingungen unterworfen sind. Eine beeindruckende Vielfalt an Pflanzen, Tieren, Gesteins- und Landschaftsformationen – Alpenweiden, Wälder, Feuchtgebiete und karge Abschnitte über der Waldgrenze – und jeden Tag eine andere Begegnung mit der Zivilisation erwarten den Besucher. Wer die Wanderung von Ost nach West unternimmt, findet sich am Ende in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: Es warten die Furka-Dampfbahn und dann Gletsch – die liebevoll gepflegte «historische Transitstation des Alpenverkehrs» mit Museum, Kleinwasserkraftwerk, Audio-Guide-Tour durch den Ort und dem Hotel Glacier du Rhône, das ab 1857 gleich neben dem Rhonegletscher erbaut wurde. Heute befindet sich dessen Zunge weit oben neben dem anderen Belle-Epoque-Hotel Belvédère, wo der Vier-QuellenWeg endet.

Dieser Artikel ist das Resultat einer von Andermatt-Urserntal Tourismus organisierten Pressereise und einer privaten Wanderung von Amsteg über den Gotthardpass nach Giornico.
www.vier-quellen-weg.ch
www.sasso-sangottardo.ch

Erstellt: 24.03.2015, 14:36 Uhr

Themenwelt und historische Festung Sasso San Gottardo

Im Herzen des Reduits

Was lange Zeit eines der geheimsten Objekte der Schweiz war, ist seit 2012 ein Museum: Sasso San Gottardo. Am Ende der zweiten Etappe des Vier-Quellen-Wegs liegt die Gotthardpasshöhe; dort befindet sich der Eingang zur einst grössten Festungsanlage des Landes. Zunächst trifft man auf eine thematische Ausstellung zu Energie, Mobilität und
Lebensraum, Wasser und Klima sowie Sicherheit.

Nach dem Besuch der Themenwelt führen lange Stollen zur historischen Festung Sasso da Pigna. Mit der «Metro del Sasso» gelangt man zu den 80 Meter höher gelegenen Geschützen mit ihren sechs Meter langen Rohren, zu den Munitionsdepots, den Kommandoposten und den Unterkünften. Ein Stollen führt ins Freie auf eine Plattform in der schroffen Felswand mit beeindruckender Aussicht. (gr)

Eines der Reisengeschütze in der einstigen Gotthard-Artilleriefestung. (Bild: Peter Granwehr)

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