Winterthur

Seismograf der Strasse

Bei Ford hat nun auch der schmissige Focus ST das Facelift hinter sich. Die von uns gefahrene Variante, der Hot Hatchback mit 250 PS, geht auf Tuchfühlung mit dem Asphalt. Ein bezahlbares Fahrvergnügen.

Der grossmaulige Kühlergrill verspricht nicht zu viel. Der Focus ST meint es ernst mit seinen sportlichen Ambitionen.

Der grossmaulige Kühlergrill verspricht nicht zu viel. Der Focus ST meint es ernst mit seinen sportlichen Ambitionen. Bild: fop

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Es brauchte nicht viel, um eine neue Verbindung in den Köpfen von Herrn und Frau Schweizer herzustellen: Die unbedarfte Äusserung eines Winterthurer SVP-Kantonsrates und eine «Blick»-Schlagzeile reichten, und schon war für die Volksseele klar: Winterthur, das ist das Griechenland der Schweiz. Die Einheimischen nahmen diese Aussage teils nickend, mehrheitlich aber irritiert zur Kenntnis. Wer in Winterthur lebt, der weiss, der Griechenland-Vergleich überspannt den Bogen.

So dachten auch wir, ausnahmslos – bis der neue Ford Focus ST auf dem Parkplatz stand. Als Hot Hatchback: mit fünf Türen, Steilheck und 250 PS. Um es gerade herauszusagen: Die Sport-Variante des Focus rumpelt so hart und humorlos über den Asphalt, dass sie jede noch so kleine Delle mitnimmt. So wurden wir zu Seismografen der Strasse und kamen nach zwei Wochen zum Fazit: Zumindest den Winterthurer Strassenbelägen kann man da und dort einen griechischen Einschlag attestieren.

Das kompromisslos steife Fahrwerk lässt den Focus ST im Alltag einen Tick nervöser wirken, als es der allgemeine Charakter dieses ansonsten leidlich ausgewogenen Kompaktwagens ist. Doch das nimmt man gerne in Kauf angesichts seiner sportlichen Qualitäten. Wir haben den ST zu Beginn dieses Jahres bereits über kurvige Bergstrassen gejagt, in Spanien, auf erstaunlich glatter Unterlage, und das war ein famoser Spass. Anlass war damals eine Fahrpräsentation. Der Focus ST, muss man wissen, hat ein Facelift hinter sich. Erkennbar ist es etwa an der mit Linien gezierten Motorhaube oder am aufgeräumten, mit einem modernen Infotainment versehenen Interieur.

Wie schon früher gibt es zwei Karosserievarianten: einen fünftürigen Kompaktwagen und einen Kombi, oder eben «Station Wagon». Als grosse Neuerung wurde ein Diesel mit 185 PS und einem Normverbrauch von nur 4,2 Litern eingeführt. Die Version mit dem 250 PS starken Turbobenziner, der in unserem Testwagen verbaut wurde, gab es schon zuvor. Sie wurde aber auf Effizienz getrimmt. Jetzt braucht der Vierzylinder noch 6,8 Liter im Normzyklus, unter anderem dank serienmässiger Start-Stopp-Funktion.

Zum sparsamen Fahren motivieren eine Schaltzeitpunktanzeige und ein elektronisches Rückmeldesystem, das Vorausschauen, Schalten und so weiter bewertet. Doch mal ehrlich: Wer Sprit sparen will, kauft keinen ST! Wir notieren nach den zwei Testwochen jedenfalls einen Durchschnitt von 8,9 Litern pro 100 Kilometer. Das ist kein Pappenstil, doch dafür hat der ST auch einiges geboten. Wer die Drehzahl­nadel konstant über 2000 Touren hält, wird wohlig in den Sitz gedrückt. 6,8 Sekunden vergehen aus dem Stand, bis Tempo 100 erreicht sind, spätestens bei 248 km/h ist Schluss. Das sind zwar keine Sportwagenwerte, aber in Kombination mit dem steifen Fahrwerk, den kurzen, sauber sortierten Schaltgassen des Sechsganggetriebes und dem Sound des Vierzylinders reicht das allemal, um das Fahrerherz auf Touren zu bringen.

Zum Sportfeeling tragen die serienmässigen Recaro-Sportsitze bei, die einen mit engen, hohen Seitenwagen umklammern wie ein wohliger Schraubstock. Sodann ist da ein griffiges Lenkrad, mit guter Rückmeldung und weitgehend entkoppelten Antriebskräften. Und fürs Gemüt wurde der übliche Sportzierrat verbaut: Alu-Pedalerie, Einstiegsleisten mit Logo und eine Anzeige auf dem Armaturenbrett, die unter anderem über den Ladedruck des Turbos informiert.

Den flotten Focus ST gibt es als Fünftürer und mit dem 250-PS-Benziner gemäss Preisliste ab 37 050 Franken. Für den Kombi sind jeweils 1000 Franken mehr einzuplanen. Die Dieselmodelle werden ab der zweiten von drei Ausstattungsvarianten angeboten, und dann zum gleichen Preis wie der Benziner. Alle Modelle haben ab Serie eine Lichtautomatik, ein schlüsselloses Startsystem, sieben Airbags, die Recaro-Sportsitze und 18-Zoll-Leichtmetallfelgen anzubieten. In der mittleren Ausstattung kommen ein Teillederbezug für die Sitze und eine automatische Klimaanlage hinzu, in der höchsten adaptive Bi-Xenon-Scheinwerfer, eine elektrische Sitzeinstellung und eine konturierte Rückbank.

Extra verrechnet werden unter anderem Parkhilfe, Navi, Soundsystem, Metallic-Lackierung sowie die grosse Palette von Fahrerassistenzsystemen. So klettert der Preis des Fünftürers rasch auf gegen 50 000 Franken. Dem Verkauf wird das hierzulande keinen Abbruch tun. Auch nicht im angeblichen Griechenland der Schweiz.

Erstellt: 27.03.2015, 14:02 Uhr

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