Gesellschaft

Ältere müssen sich stärker vernetzen

Die klassische Bewerbung führt bei erfahrenen Stellensuchenden oft nicht zum Ziel. Mit anderen Strategien können sie auf sich aufmerksam machen.

Wer die berufliche Lebensmitte überschritten hat, kommt mit der konventionellen Stellensuche oft nicht mehr weiter.

Wer die berufliche Lebensmitte überschritten hat, kommt mit der konventionellen Stellensuche oft nicht mehr weiter. Bild: Marc Dahinden

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Sie definieren die berufliche Lebensmitte zwischen 40 und 60 Jahren. Ich dachte immer, spätestens ab 60 könnte man sich auf den Ruhestand einrichten?
Regula Zellweger: Klugerweise befasst man sich schon viel früher damit, wie man sein Leben über die Pensionierung hinaus gestalten will. Denn Berufstätigkeit, die man mit Herzblut und Begeisterung ausüben kann, bringt viel: Selbstvertrauen, persönliche Weiterentwicklung und interessante Kontakte.

Aber bereits ab 50 wird einem suggeriert, man sei nicht mehr so leistungsfähig wie früher, indem man eine Extrawoche Ferien bekommt.
Diese Ferienwoche nehmen wir gern! Doch heute bleiben die Menschen länger leistungsfähig, lange gute Lebensqualität ohne gesundheitliche Einschränkung ist für die meisten Realität. Die Hirnforschung belegt ausserdem die gute Plastizität des Hirns und die Fähigkeit, allfällige Defizite auszugleichen – bis ins hohe Alter.

Treffen Sie bei Ihren Beratungen häufig auf Menschen, die sich auflehnen, die nicht aus dem Arbeitsprozess ausgesondert werden wollen?
Ich habe eher andere Fragestellungen in der Beratung. Ältere Erwerbstätige, die Mühe haben, sich nach einer Entlassung wieder neu zu positionieren – eben weil die Diskriminierung von älteren Mitarbeitenden Tatsache ist. Wir erarbeiten dann eine Strategie, wie sie trotzdem zu einer Stelle kommen können.

Die persönliche Standortbestimmung kann unterschiedliche Auslöser haben: Entlassung, Krankheit, Scheidung – oder eine kritische Betrachtung des bisher gelebten Lebens.
Sie haben was vergessen: Auslöser kann auch ganz einfach die Freude daran sein, betreffend Laufbahn das Steuer selbst in die Hand zu nehmen. Immer mehr Menschen, vor allem solche, die in ein Burn-out geraten sind, überdenken ihre Werte und wollen deshalb Veränderungen herbeiführen.

Problematisch ist heute, dass Unternehmen von den Mitarbeitenden Loyalität verlangen und im selben Atemzug vermitteln, dass Arbeitnehmende manchmal zu einem Angebot auf dem Arbeitsmarkt degradiert sind. Zu schaffen macht auch der äussere Druck, sich selbst laufend optimieren zu müssen. Dies impliziert, dass man nicht genügt, so wie man ist. Beides erzeugt Stress. Als Reaktion darauf können berufliche Selbstständigkeit oder Portfolio-Working eine Lösung sein. Auch dies verlangt vom Einzelnen sehr viel, aber es geschieht dann durch eigenen Willen, man macht es für sich selbst.

Sie propagieren, sich beizeiten weiterzubilden und mental fit für den Arbeitsmarkt zu bleiben, ist das nicht ein wenig akademisch gedacht? Was sollen der Handwerker, die Kassiererin Ihrer Meinung nach tun?
Ich wehre mich sehr dagegen, dass Handwerker und Kassiererinnen so abgestempelt werden. Es stimmt, dass eine gute Grundbildung und stete Weiterbildung arbeitsattraktiv machen. Wer überdurchschnittliche Bildung und Erfahrung vorweisen kann, hat es wahrscheinlich einfacher.

«Überqualifiziert» kann aber auch ein Handicap sein. Eine Kassiererin kann sich durchaus neu positionieren, beispielsweise im Betreuungsbereich. Es gibt viele Beispiele für erfolgreiche Neupositionierung ab der Lebensmitte. Ich denke da beispielsweise an eine Frau, die zusammen mit ihrem Mann, einem Handwerker, einen Altbau in ein attraktives B & B umgebaut hat.

Warum reüssieren manche bei der Jobsuche 50+ – und andere nicht?
Das hat viele Gründe. Viele liegen ganz einfach in der Persönlichkeit. Es braucht eine Portion Resilienz, den Willen zu lernen, Offenheit für verschiedene gute Lösungen, Kreativität, um Lösungen ausserhalb der Denktrampelpfade zu finden, ein gutes Netzwerk – und eine Portion Frechmut, um durchzustarten, auch wenn es keine Garantie für Erfolg gibt.

Nehmen wir an, jemand hat sich regelmässig fortgebildet, hat sich körperlich fit gehalten und wird bei der schriftlichen Bewerbung doch von vornherein aussortiert – sogar ohne dass man ihm das als Personalverantwortlicher sagen darf. Ist das nicht Schweizer Realität?
Doch, das ist leider Realität. Und ich behaupte auch nicht, dass es einfach ist, mit einer «Fünf am Rücken» eine neue Stelle zu bekommen. Das Recruiting ist in einem interessanten Veränderungsprozess. Die Tendenz geht vom «Suchen» zum «Gefundenwerden». Social Media, das heisst Xing, LinkedIn, Twitter, gewinnen an Bedeutung. Immer mehr Stellen werden unter der Hand vergeben. Mitarbeitende werden als Botschafter des Unternehmens eingesetzt. Erfolg erreicht man durch die Strategie «Strukturiertes Vernetzen». Sich bewerben ist ein Vollzeitjob, wenn man verschiedene Strategien nutzen will.

Sie nennen als Option für ein passendes Arbeitszeitmodell das «Cappuccinoworking». Was ist das?
Cappuccinoworking ist eine Art des Portfolioworkings. Portfolioworker mixen verschiedene Tätigkeiten, haben Teilzeitstellen und arbeiten auch auf Mandatsbasis. Cappuccinoworking heisst: eine Teilzeitstelle, die reicht, um davon zu leben, wenn man sich etwas einschränkt. Das ist der schwarze Kaffee, der durchaus aromatisch sein kann. Die restliche Zeit ist Schäumchen und Schokolade, das heisst eigene Projekte, der Aufbau eines eigenen Unternehmens, Beratertätigkeit – einfach was Freude macht und man noch nicht sicher ist, ob man es zum Fliegen bringt.

Ich erlebe, dass immer mehr Leute Zufriedenheit und mehr Selbstbestimmung im Berufsleben anstreben und dafür bereit sind, weniger zu verdienen. Interview: Gabriele SpillerWer die berufliche Lebensmitte überschritten hat, kommt mit der konventionellen Stellensuche oft nicht mehr weiter.

Erstellt: 25.02.2016, 16:37 Uhr

Der persönliche Kompetenzen-Mix zählt

Seine Stärken kennen: Die Laufbahnberaterin Regula Zellweger aus Obfelden im Kanton Zürich gibt Tipps, damit man sich erfolgreich bewirbt.

Regula Zellweger hat ein Arbeitsbuch für Menschen ab der Lebensmitte geschrieben: «Beruflich nochmals durchstarten». Bevor sie Anweisungen zur Neupositionierung gibt, baut sie den Leser aber erst mal kräftig auf. Wer heute 50 bis 54 Jahre alt ist, hat statistisch noch 32,1 Jahre zu leben (als Mann) beziehungsweise 35,7 Jahre (als Frau). Die Lebensphasen «Aufbau» und «Rushhour» sollten abgeschlossen sein. Nun heisst es, die «Erfüllung» auszukosten.

Ganz wichtig ist wie bei jedem beruflichen Orientierungsprozess die Bestandsaufnahme; was kann ich und was hätte ich noch gerne gemacht? Losgelöst von Status- und idealerweise auch finanziellen Zielen, kann man den bisherigen Weg Revue passieren lassen. Natürlich ging da nicht immer alles rund, aber nun kennt man ja seine Stärken und Schwächen besser als ein 30-Jähriger. Die Leitfragen zielen darauf ab, worauf man stolz ist, was einem Mut machte und woraus man bisher Energie zog. Denn Kraft wird man brauchen, wenn man im fortgeschritteneren Alter nochmals neu anfangen möchte oder muss.

Individuelle Visitenkarte

Um sich von jüngeren Mitbewerbern abzuheben, sollte man einen möglichst attraktiven Mix an Kompetenzen präsentieren. Vielleicht lässt sich daraus eine individuelle Visitenkarte zum Abgeben drucken? Jetzt zählt, was die Person einzigartig macht; zum Beispiel sowohl kaufmännisches als auch medizinisches Wissen sowie Reife im Umgang mit Menschen, um prädestiniert für die Leitung einer Patienten-Selbsthilfeorganisation zu sein. Oder ein Naturwissenschaftler hat ein Flair fürs Schreiben und bildet sich als Autor für technische Dokumentationen und Gebrauchsanweisungen aus. Manche dieser massgeschneiderten Tätigkeiten bieten die Möglichkeit, noch im Pensionsalter weitergeführt zu werden.

Immer weiter ausprobieren

Den grössten Druck legen sich viele bei der Entscheidung für einen Weg auf. «Jetzt bloss nichts falsch machen – so viele Möglichkeiten zum Korrigieren gibt es nicht mehr», sagt die biologische Uhr. Doch in Sackgassen konnte man immer schon geraten — und sich in der Regel auch wieder hinausmanövrieren. Wer weiss schon, welche Entscheidung im Leben «richtig» war?
Regula Zellweger plädiert fürs Ausprobieren. Allerdings sollte man realistisch bleiben. Welche Jobchancen bietet eine weitere Ausbildung eigentlich – egal, ob für einen Jungen oder einen Älteren? Denn nicht alles, was an (kostspieliger) Weiterbildung angeboten wird, hat auch Arbeitsmarktpotenzial.

Der wichtigste Part für einen Bewerber 50+ ist die Vorbereitung auf das «strukturierte Vernetzen». Da man bei der klassischen schriftlichen Bewerbung wenig Chancen hat, sollte man das persönliche Netzwerk stärken, das auch von Personalverantwortlichen immer häufiger konsultiert wird. Sinnvoll ist es, über das Internet selbst aktiv zu werden und sich in den sozialen Medien oder auf einer eigenen Webseite vorzustellen. Für jeden neuen Kontakt, egal, ob online oder offline, sollte man «seinen 20-Sekunden-Spot» parat haben: Was kann ich und was will ich? So kann man auch bei einem (überraschenden) Erstkontakt den gewünschten Eindruck hinterlassen – und vielleicht eine Aufgabe übernehmen, bevor sie öffentlich ausgeschrieben wird.

Im angestrebten neuen Berufsfeld muss man die Foren und Vernetzungspartner kennen, um sich dort einzubringen und aufzufallen. Das ist der «verborgene Stellenmarkt». Dabei sollte man die effizientesten Personen anpeilen: Wer ist leicht zu kontaktieren und hat eine hohe Bedeutung in der Gruppe? Regula Zellweger hat in ihrem Buch (inklusive 44 Arbeitsmitteln zum Downloaden) noch einige psychologische Tricks parat, um sich selbst immer wieder zu motivieren. Sie sagt aber auch: «Noch immer gibt es vielerorts die Altersguillotine. Wer sich ab der Lebensmitte neu positioniert, braucht eine gut ausgebildete Frustrationstoleranz.»

Deshalb empfiehlt sie in dieser Phase eine Dreierregel. Ein Drittel der Zeit sollte der Information dienen, ein Drittel den eigentlichen Bewerbungsaktivitäten und zu einem Drittel sollte man dafür sorgen, dass es einem gut geht – damit man seinen Kontakten mit einer positiven Ausstrahlung, engagiert und begeisterungsfähig entgegentritt. Gabriele Spiller

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