Hausbesuch

Die Lochmühle – ein verstecktesWohn-Idyll in Rorbas

Zum historischen Ensemble der Lochmühle in Rorbas gehört das Gebäude, das die Familie Ehrismann umgebaut hat: Aus einem ehemaligen Atelier entstand eine alters­gerechte Wohnung und ein neues Atelier.

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Gross gewachsene Menschen ziehen den Kopf instinktiv etwas ein, wenn sie das historische Gebäude durch die relativ niedrige Tür betreten. Doch im Inneren wächst man gleich wieder zu voller Grösse, denn es öffnet sich ein über zwei Geschosse offenes Entree. Und obwohl auch die Fenster eher klein sind, wirkt der Raum keineswegs düster – selbst an einem verregnet-grauen Tag, wie bei unserem Besuch: Die Wände sind weiss gestrichen, Fussboden, Treppe und Brüstungen in hell geölten Hölzern gehalten.

Arbeitsplatz mit Aussicht

Im Parterre befindet sich zur Linken ein kleiner, offener Bürobereich mit eingeschossiger Raumhöhe, was ihm eine gewisse Intimität verleiht. An einem der Fenster hat Eva Ehrismann ihren Arbeitsplatz eingerichtet, sie bezeichnet ihn ironisch als «Späherposten». «Ich habe alles unter Kontrolle und sehe immer, wer kommt, wer geht, was läuft.» Dabei will sie aber niemanden überwachen: Sie findet es einfach schön, von hier aus am Leben draussen teilhaben zu können. Und dieses ist – dank der vier Kinder vom Nachbarhaus – ziemlich lebhaft: Sogar bei Regenwetter tollen sie draussen spielend herum.

Spiel mit verschiedenen Raumhöhen

Im oberen Stock befindet sich ein einziger grosser Wohn- und Lebensbereich mit gemütlicher Sitzgruppe, Essecke und Küchenzeile. Auch hier ist der Raum eher niedrig, doch dank der durchwegs hellen Farbgebung und Einrichtung fällt einem die Decke nicht auf den Kopf.

Hinter einer Trennwand sorgen Schlafzimmer und Bad für eine Überraschung: Diese Räume sind deutlich höher und reichen bis zur Dachuntersicht. Man hätte sogar locker noch ein Galeriegeschoss einbauen können! Darauf – sowie auf den Einbau eines Dachflächenfensters – hat Lorenz Ehrismann jedoch bewusst verzichtet. Stattdessen liess er die Wand zwischen Schlafbereich und Bad vom Zimmermann durch ein «Riegel-Gebälk» trennen, das bis auf die Schiebetür verglast ist.

Tageslicht für das gefangene Bad

So dient das Schlafzimmerfenster auch zur Belichtung des ansonsten gefangenen Bads; zusätzliches Licht spenden zwei schmale, fast raumhohe Fenster zu Wohnbereich und Küche, die sich mit Jalousien abschirmen lassen.

Jakob Ehrismann erwarb die Lochmühle 1956. Er war die vierte Generation einer Familie, die an anderen Orten bereits Mühlen betrieb und der Schwiegervater von Eva Ehrismann bzw. der Grossvater von Lorenz Ehrismann.

Kein Loch, sondern ein ruhiges Idyll

Die Familie lebte denn auch lange in einer Wohnung im nun umgebauten Gebäude: Lorenz Ehrismann und seine Geschwister sind hier aufgewachsen. «Die Lochmühle steht gar nicht in einem finsteren Loch», betont er. «Hier ist es sogar recht sonnig und der Talkessel, in dem sie liegt, bildet eine in sich geschlossene, idyllische Welt – vom hektischen Treiben ausserhalb kriegt man nichts mit.»

Nach dem Tod des Grossvaters 2005 wurden die Liegenschaften auf verschiedene Familienmitglieder aufgeteilt und der Zweig der «Ehrismänner» erhielt das zentrale Gebäude. 2013 übernahmen die Söhne die Liegenschaft und begannen, sich Gedanken über eine Renovation und einen Umbau zu machen.

Im Hinblick auf ein möglichst bequemes Alterswohnen und die künstlerische Tätigkeit ihrer Mutter sollte das Projekt Wohnung und Atelier unter einem Dach vereinen. Gleichzeitig wurde aber auch an mögliche spätere Nutzungen gedacht.

Einfache Materialien, raffiniert eingesetzt

Beim Umbau hielten sich die baulichen Überraschungen in Grenzen; man liess aber sicherheitshalber Asbestabklärungen machen. Ohne grosse bauliche Eingriffe renovierte man 2013 zunächst die Nachbarwohnung.

Etwas umfassender wurden die als Wohnung für die Mutter vorgesehenen Räume verändert, die zuvor jahrelang als Atelier dienten. Die Planung wurde 2014 in Angriff genommen, der Umbau begann im Januar 2015 und bezogen wurde die Wohnung neun Monate später.

Sohn übernahm Bau- und Projektleitung

Die Bau- und Projektleitung hatte Lorenz Ehrismann selber inne. Er ist zwar nicht Architekt oder Innenarchitekt, aber als ausgebildeter Kameramann/Fotograf hat er ein gestalterisch geschultes Auge. Und da er auf Architekturfotografie spezialisiert ist, hatte er auch bei seiner Arbeit oft mit Innenraumgestaltung zu tun.

«Ziel war es, Atmosphäre und Stimmung zu erhalten und eine Wohnung zu schaffen, die leicht rustikal angehaucht ist», sagt er. So habe man alte Holzbalken nicht ausgewechselt und bewusst mit den unterschiedlichen Raumhöhen gearbeitet: «Wir verwendeten einfache Materialien, setzten diese aber raffiniert ein.»

Es wurde praktisch nur Eiche (für Böden und Treppe) oder Tanne (für Balken und Brüstungen) verbaut – alles weiss geölt, nicht lackiert oder versiegelt. Für die Küchenzeile und die ergänzenden Einbaumöbel verwendete man Holz-Dreischichtplatten: «Eine normale Fertig-Einbauküche wäre unharmonisch gewesen und hätte den Raum optisch erdrückt», findet er.

Bauen mit einer sozialen Institution

Eine grössere Hürde stellte die Isolation des alten Hauses dar, mussten doch auch bauliche Vorschriften eingehalten werden. Nachdem Lorenz Ehrismann in der Projektphase zu dieser Problematik vom Bereichsleiter Sektor Bau des «Läbesruum» Winterthur gut beraten worden war, entschloss er sich, grosse Teile des Umbaus von dieser, der sozialen und beruflichen Integration verpflichteten Institution ausführen lassen. «Wir haben beste Erfahrungen gemacht», lautet das Fazit. «Die Zusammenarbeit war sehr angenehm.»

Auf der nördlichen Gebäudeseite, schliesslich, entstand das Atelier von Eva Ehrismann. Ein grosser, hoher Raum, der durch das verglaste Scheunentor und zwei seitliche Fenster ausserordentlich hell wirkt.

Staubige Arbeiten finden im Freien statt

Für ein Atelier, in dem Skulpturen entstehen (die in der Galerie im vorderen Teil auch ausgestellt sind) ist es zudem sehr sauber. Das liegt an der speziellen Arbeitstechnik der Künstlerin: Hier drinnen, vorwiegend im hinteren Teil bzw. im Galeriegeschoss, modelliert sie mit Ton. Gröbere und staubigere Arbeiten – Gipsen, Giessen, Schleifen – finden draussen vor der Atelier-Tür statt. Begleitet vom Lachen der im Hof spielenden Kinder. Und dass sie die Wohnung für den Gang ins Atelier verlassen muss, findet sie perfekt: «Das ist gerade die richtige Distanz!» ()

Erstellt: 09.06.2016, 08:35 Uhr

Die Geschichte bleibt im Dunkeln

Das Ensemble der Lochmühle besteht aus der ursprünglichen Mühle mit Siloturm, dem Herrschaftshaus, dem Gesindehaus, einer Wagenremise/Garage sowie der ehemaligen Trotte.

Obwohl sich Spuren der Lochmühle über sechshundert Jahre zurück verfolgen lassen, ist von ihr nur wenig Genaues bekannt: «Wir haben sogar in den Archiven in Zürich nachgeforscht», erzählt Eva Ehrismann- «Doch herausgefunden haben wir leider nichts; die Details ihrer Geschichte bleiben im Dunkeln.»

Ein historischer Fakt jedoch ist gesichert: 1970 brannte die Mühle ab. Darauf wurde der Betrieb eingestellt, nur der Silo wurde noch bis etwa 1990 verwendet. Nach und nach wurden die Gebäude des Ensembles zu gewerblichen oder zu Wohnzwecken umgenutzt. amh

Eckdaten des Baus

Baujahr und Bezug: 1810, 2014/15, September 2015
Wohnung: 2 ½ Zimmer
Wohnfläche: 135 m2
Nutzfläche Atelier: 90 m2
Innengestaltung: Lorenz Ehrismann, Winterthur
Bauherrschaft: EG Ehrismann
Baubegleitung: Sektor Bau, «Läbesruum» Winterthuramh

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