Stäfa

«Irgendwann werde ich erkennen, wozu es gut war»

Urvertrauen, Selbstliebe und Gleichmut sind die Stützen des Karma Yoga, das gelassen und dankbar macht. Dies hat die Stäfner Autorin Karin Jundt erfahren.

Man muss nur sehen können, wohin der nächste Schritt führt, sagt Karma Yoga-Expertin Karin Jundt. Bild: Heinz Diener

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Sie haben «Karma Yoga – auf dem sonnigen Weg durch das Leben» geschrieben. Ihr Leben war aber nicht immer sonnig.
Karin Jundt: Es mag für manche Leute unverständlich klingen, aber das sonnige Leben hat genau dann angefangen, als alles am dunkelsten war. Ich verlor mit 37 Jahren meinen langjährigen Lebenspartner. Es ging sehr schnell und das Schlimmste war, ohnmächtig zusehen zu müssen, wie die Ärzte ihm nicht helfen konnten. Obwohl unsere Partnerschaft sehr glücklich war, die Firma gut lief und wir gemeinsame Pläne hatten, öffnete mich diese Erfahrung für Erkenntnisse, die ich sonst nicht so erlangt hätte.

Der erste Pfeiler des Karma Yoga besteht im Urvertrauen. Gerade heute sind die Menschen angesichts der Komplexität des Alltags aber sehr verunsichert.
Es bleibt einem doch gar nichts anderes übrig, als gelassen zu bleiben — heute wie schon vor Jahrhunderten. Damals hatten die Menschen nur andere Herausforderungen. Wir haben unser Schicksal nicht im Griff, auch wenn wir es zu planen versuchen. Ich gehe so weit zu sagen: Wir ­haben überhaupt keinen Einfluss darauf. Man muss tun, was man kann, und sich im Übrigen darin schulen, einem inneren Kern oder einem göttlichen Wesen zu vertrauen. Zum Urvertrauen gibt es keine Alternative.

Der zweite Pfeiler ist die Selbstliebe. Sind wir nicht schon von genügend selbstverliebten Menschen umgeben?
Narzissmus oder Selbstverliebtheit ist nicht das Gleiche wie Selbstliebe. Diese hat mit dem Wert zu tun, den ich mit selbst zugestehe. Ich muss nicht schön, reich oder mächtig sein, ich genüge der Welt, so wie ich bin. Wenn ich mich selbst liebe, höre ich auf, dar­um zu buhlen und zu kämpfen, dass ich geliebt und anerkannt werde. Selbstliebe ist also eine der wichtigsten Grundlagen gegen Egoismus. Das Sprichwort sagt ja auch: Wer sich selbst nicht liebt, kann auch andere nicht lieben. Unser Gleichmut, die dritte Säule des Karma Yoga, wird ja häufig auf die Probe gestellt. War­um passiert gerade mir das, und war­um gerade jetzt?
Das ist die Frage, die ich am meisten zu hören bekomme. Ich betrachte das Leben als eine Schule. Es will mich etwas lehren. Alles, was uns passiert, können wir nutzen, um uns weiterzuentwickeln. Oder wir hadern mit dem Schicksal, ertrinken in Trauer, Verletztheit und Selbstmitleid, dann kommen wir nicht weiter. Nicht alles ist so wichtig, wie wir meinen. Wir haben verlernt, dass das Leben nicht nur Höhen hat. In der Bhagavadgita, einer heiligen hinduistischen Schrift, wird mehrmals erläutert, dass alles, was geschieht, an sich weder gut noch schlecht ist. Erst unsere Bewertung macht es zu etwas Erwünschtem oder Verhasstem.

Sie schlagen vor, zur Übung von Gleichmut für alles zu danken. Also auch: «Danke, ihr höheren Mächte, dass ich meine Brief­tasche verloren habe».
Ich halte es da so, wie ich es von einem arabischen Sufi gelernt habe: Wenn mir so etwas passiert, dann wird es einen Sinn haben. Der Gleichmut ist von den drei Pfeilern am einfachsten zu erlernen. 85 Prozent des Alltagslebens können wir damit meistern. Die echten Schicksalsschläge sind — das räume ich ein — sehr schwierig. Da sehe ich das Urvertrauen als tragende Kraft, das mir sagt, irgendwann werde ich erkennen, wozu es gut war. Man muss anfangen, an den kleinen Dingen wie einem verlorenen Portemonnaie zu üben, um für grössere Herausforderungen gewappnet zu sein.

Der schwierigste Aspekt scheint mir, uneingeschränkt an den Höheren Willen zu glauben, der alles sinnvoll lenkt.
Das ist die Frage, die ich mir als Kind schon gestellt habe. Ich bin in Italien aufgewachsen, da war die Gesellschaft noch sehr katholisch. Damals fragte man sich zum Beispiel: War­um müssen die Kinder in Afrika hungern? Wir haben eine bestimmte Vorstellung, wie Gott ist oder sein sollte, und weil wir die Ereignisse auf der Welt nicht damit in Einklang bringen können, glauben wir nicht an seine weise Lenkung. Tolstoi schrieb sinngemäss: Wenn es dir nicht mehr möglich ist, an deinen Gott zu glauben, dann musst du dich fragen, ob du ein falsches Bild von ihm hast. Glauben wir an ein höheres Wesen in irgendeiner Form, so halte ich es für anmassend, es mit unserem unvollkommenen menschlichen Geist und an unserem Verständnis von Gerechtigkeit zu messen.

Ratgeber, die sich an fernöstliche Philosophien anlehnen, boomen. Wie stehen Sie dazu?
Als ich selbst auf der Suche war, hat mich alles interessiert. In jeder Phase kann ein bestimmtes Buch helfen, aber danach sollte man es wieder beiseitelegen. Ich bemängele bei vielen Ansätzen, dass sie viel auf der psychologischen Seite erklären, aber zu wenig praktisch sind. Heute, mit dem Internet und Esoterikmessen, stelle ich fest, dass oft – etwas spitz formuliert – «Erleuchtung in fünf Minuten» angeboten wird. Und gerade sie ist am stärksten nachgefragt. Auch das ist eine Ausprägung unserer Konsumgesellschaft. Viele hetzten von einer Methode zu anderen. Dabei besteht der Weg zur spirituellen Erleuchtung — oder psychologisch ausgedrückt, zur Selbstveränderung — darin, persönlich etwas zu tun. Jeden Schritt muss man selbst gehen.

Erstellt: 19.08.2015, 12:06 Uhr

Infobox

«Karma Yoga - auf dem sonnigen Weg durch das Leben», Karin Jundt, Nada-Verlag, 140 Seiten, Ca. 20 Fr.

www.karma-yoga.eu

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