Erziehung

«Selbst Helden weinen manchmal»

Nicht alle Buben sind furchtlose Haudegen. Lu Decurtins, Fachmann für Geschlechterfragen, rät Eltern, die Augen offen zu halten für die versteckten Eigenschaften ihres Kindes.

Buben brauchen ihre Väter - oder andere männliche Bezugspersonen.

Buben brauchen ihre Väter - oder andere männliche Bezugspersonen. Bild: Shotshop

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Gerade ist Ihr Buch «Zwischen Teddybär und Superman – was Eltern über Jungen wissen müssen» in der dritten Auflage erschienen. Warum brauchen Eltern von Buben besondere Ratschläge?
Lu Decurtins: Buben wachsen anders auf als Mädchen. Kulturell geprägte Rollenerwartungen haben einen Einfluss auf uns — ob wir es wollen oder nicht. Zudem sind es meistens die Mütter, die zu Hause sind und sich auch stärker in Erziehungsfragen engagieren. Da Jungs das Gegengeschlecht sind, geben sie der Mutter mehr Rätsel auf als die Tochter. Deshalb sind Bücher über Jungs gefragter als Bücher speziell über Mädchen.

Gibt es das?
Ja, nach dem Buch über die Buben habe ich ein Buch über Mädchen herausgegeben. Doch als es vergriffen war, gab es keine weitere Auflage.

Warum ist das Bubenbuch erfolgreicher als jenes über Mädchen?
Mädchen machen offenbar weniger Probleme als Buben. Vielleicht muss man es so sagen: Die Probleme, die Jungs machen, sind offensichtlicher. Buben fallen häufiger negativ auf.

Deshalb besteht von Seiten der Eltern mehr Bedarf nach Aufklärung. Was suchen die Eltern?
Vor allem die Mütter wollen Ratschläge, wie sie mit den wilden, lauten Jungs umgehen sollen. Andere Eltern wollen Tipps, wie sie ihren Sohn stärken sollen, der kein «typischer» Junge ist und darunter leidet. Oder sie wünschen sich eine Bestätigung dafür, dass ihr Junge ok ist, obwohl er in der Schule aneckt.

Worauf müssen Eltern von Buben bei deren Erziehung achten?
Jungs spielen oft eine Rolle und zeigen nicht, wer sie wirklich sind. Sie spielen Mann nach den Geschlechterrollen, die sie kennen. Doch hinter dem Theater verstecken sich ganz unterschiedliche Buben. Auf die einen ist diese Rolle des starken, furchtlosen Jungen genau zugeschnitten, für andere bedeutet sie ein Spagat und sie müssen sich verstellen. Die Eltern sollten akzeptieren, dass es dieses Rollenspiel gibt und die Augen für die Individualität ihres Kindes, das sich dahinter versteckt, offen halten.

Jungs spielen oft eine Rolle und zeigen nicht, wer sie wirklich sind.Lu Decurtins

Moderne Eltern denken ja: wenn wir Buben und Mädchen von Anfang an gleich erziehen, dann müssen sie dieses Spiel nicht spielen.
Um in der Jungengruppe zu überleben, müssen es die meisten Jungs trotzdem spielen. Sie wollen als Buben erkannt werden. Für Buben bedeutet es eine starke Abwertung, wenn sie als «weibisch» betrachtet werden. Jungs sind diesbezüglich untereinander sehr restriktiv.

Im Buch schreiben Sie, dass selbst wenn die Eltern zu Hause einen gleichberechtigten Alltag leben, die Buben trotzdem sehen, dass es immer Männer sind, die Bagger fahren oder Autos flicken.
Erstens schaffen wir das nicht ganz. Wir sind alle geprägt. Es gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass Eltern Buben unbewusst anders behandeln als Mädchen. Schon Säuglinge werden je nach Geschlecht anders gehalten, die Eltern gehen auf ein männliches Neugeborenes anders ein als auf ein weibliches. Das ist offenbar nicht vermeidbar. Wenn auf der Baustelle eine Frau arbeitet, dann werde ich anders schauen als wenn ein Mann dort arbeitet. Zweitens: für die Prägung der Rollenbilder ist es gar nicht so wichtig, wie die Eltern leben. Wenn man Kinder auffordert, eine Frau zu malen, zeichnen sie eine langhaarige Person mit Jupe. Sie zeigen also das gesellschaftlich übliche Bild. Selbst wenn die Mutter und alle Nachbarinnen kurze Haare tragen und nie einen Jupe anhaben.

Wie kommt das?
Das ist einfach das Rollenbild, das sie insgesamt mitbekommen. Es ist aber nicht so, dass es nichts nützt, wenn die Eltern versuchen, einen gleichberechtigten Alltag zu leben. Denn für die eigene Geschlechtsidentität ist es prägend, wie der Vater lebt. Einen Vater zu haben, der mal einen Staubsauger in die Hand nimmt, kann das Geschlechterbild erweitern. Das Kind sieht, dass auch das zum Mannsein gehört. Irgendwann werden dann sowieso die Freunde wichtiger als der Vater.

Trotzdem fokussieren Sie in Ihrem Buch auf die Väter. Und nehmen sie in die Pflicht, indem sie fordern, sie sollten mehr präsent sein.
Ich möchte das nicht als Forderung formulieren. Ich sage jedoch, dass es für den Aufbau der Geschlechtsidentität eines Jungen hilfreich ist, am besten mehrere greifbare und spürbare Männer nahe bei sich zu haben, die Zeit mit ihm verbringen. Dies muss nicht unbedingt der Vater sein, das können auch andere männliche Bezugspersonen sein.

Ist es nicht ebenso wichtig für die Buben, neben der Mutter andere Frauen nah zu erleben?
Doch, aber im Alltag haben vor allem kleinere Kinder sowieso viel mehr mit Frauen zu tun. Wichtig ist für die Jungs, dass sie hinter die Show der Männer blicken können. Dass sie eine echte Person mit Schwächen erleben. Gelingt das nicht, fühlen sich die Jungs unter Druck. Dann denken sie, sie müssten auch Helden sein und können nicht zu ihren Schwächen stehen.

Wie kann der Vater zu einem realen Vorbild werden?
Indem er den Alltag mit den Kindern teilt. Ein Wochenendpapi kann das Heldenbild bewahren. Ein Vater der viel da ist, zeigt sich auch mal schlecht gelaunt oder niedergeschlagen. Für die meisten Väter ist die Familie das Wichtigste im Leben. Doch Familie braucht Präsenz und nicht nur Einkommen. Die Beziehung zu kleinen Kindern entsteht durch Zeit im Alltag, das kann man nicht am Abend aufholen.

Sie halten also nicht viel von Quality Time.
Nein. Selbst wenn die Kinder älter werden, braucht es noch viel Zeit, damit man in Beziehung bleibt.

Wie sollen Eltern damit umgehen, wenn die Buben Piraten, Indianer, Polizisten und andere Helden verehren?
Man sollte die kleinen Stars nicht vom Sockel stürzen, sondern zeigen, dass auch Helden Schwächen haben. Auch der Pirat darf mal müde und traurig sein. Wenn die Jungs rumknallen, sollte man sich als Eltern bewusst sein, dass das ein Rollenspiel ist und nichts mit Krieg und Gewalt zu tun hat. Kinder im Primarschulalter verstehen nicht, warum man ihnen verbietet, mit Pistolen aufeinander zu zielen. Man kann ihnen beibringen, fair zu kämpfen. Aber Eltern sollten das Kämpfen zulassen – es ist ein Lernfeld für alle. Manchmal höre ich von Eltern: «Vorhin hast du den Helden gespielt und alle gehauen – und jetzt bist du traurig, tu doch nicht so.» Dabei ist es sehr wichtig, dass die kleinen Helden auch weinen dürfen. Alle Helden weinen mal.

Jetzt haben wir viel über die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungs gesprochen – im Buch schreiben Sie, diese hätten nicht mit der Biologie zu tun.
Da streitet man sich drum. Es gibt eine grosse Menge an Unterschieden und die sind sicher nicht alle biologisch.

Welche Unterschiede meinen Sie?
Dass Buben lauter sind, weniger weinen oder Traktoren toll finden, liegt sicher nicht in den Genen. Aber ich will mich gar nicht auf diese Diskussion einlassen. Ich finde es nicht so wichtig, wo die Unterschiede herkommen. Das Zentrale ist: Die Unterschiede zwischen Mädchen und Buben zeigen sich. Aber sie sind kleiner als die Überschneidungen. Zum Beispiel sind Mädchen in der Tendenz kommunikativer als Jungs, doch es gibt auch viele sehr kommunikative Buben – und nichtkommunikative Mädchen. Wenn man davon ausgeht, dass das Spektrum an Eigenschaften bei beiden Geschlechtern sehr gross ist, entdeckt man die versteckten Eigenschaften eines Kindes eher. Ich finde es sehr wichtig, dass die Eltern hier offen sind. Wenn man merkt, dass dem eigenen Bub die sozialen Beziehungen wichtig sind, dann kann man bei der Berufswahl darauf achten. Sagt man aber: «Das ist nichts für Buben», dann wird er vielleicht zuerst Maurer, bis er merkt, dass ein sozialer Beruf das Richtige für ihn wäre.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 10.06.2016, 14:46 Uhr

Zur Person

Lu Decurtins ist Sozialpädagoge, Supervisor, Erwachsenenbildner und Fachmann für Geschlechterfragen. Er hat das Mannebüro Züri und die Fachstelle für Jungen- und Mädchenpädagogik – Projekte für Schulen mitbegründet und leitet das Projekt «Mehr Männer in die Kinderbetreuung». Decurtins ist Vater von einer Tochter und zwei Söhnen und lebt in Zürich.

Zum Buch

Das von Lu Decurtins herausgegebene Buch vereint Artikel von verschiedenen Fachpersonen. Der Ratgeber für Mütter und Väter widmet sich den Herausforderungen, denen sich Buben vom Kleinkindalter bis zur Pubertät stellen müssen, und zeigt Lösungswege auf. «Zwischen Teddybär und Superman» gilt als Standardwerk und ist gerade in der dritten Auflage erschienen.
Zwischen Teddybär und Superman - was Eltern über Jungen wissen müssen. Lu Decurtins(Hg.). Verlag Reinhardt. 172 Seiten, ca. 15 Fr.

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