Reisen

Zagreb – Agram und zurück

Diese Stadt hat eine lange Geschichte, aber nur eine minimale Erfahrung als Hauptstadt eines unabhängigen Staats. Wohl deshalb wird man als Besucher auf Schritt und Tritt an die Habsburgermonarchie erinnert. Ein besonderes Erlebnis.

Ban-Josip-Jelacic-Platz. Der Feldherr auf dem Pferd steht seit 1990 wieder hier und blickt gegen Serbien. Vor der kommunistischen Zeit war er gegen Ungarn gerichtet, dann musste er als bürgerliches Relikt weichen.

Ban-Josip-Jelacic-Platz. Der Feldherr auf dem Pferd steht seit 1990 wieder hier und blickt gegen Serbien. Vor der kommunistischen Zeit war er gegen Ungarn gerichtet, dann musste er als bürgerliches Relikt weichen. Bild: Peter Granwehr

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«Mit den beiden Trachtenhüten, die Sie meiner Frau und mir bei unserem kürzlichen Besuch in Zagreb überreichten, haben Sie uns eine grosse Freude gemacht.» Stolz zeigt Gordana Cahun den eingerahmten Brief, den sie und ihr Mann Zlatko im März 1992 vom damaligen deutschen Aus­senminister Hans-Dietrich Genscher erhalten hatten. Dazu eine Fotografie, die den hohen Gast bei der Geschenkübergabe zeigt.

Die Cahuns sind Inhaber eines Hutgeschäfts am Fuss der Kathedrale von Zagreb, ihre Tochter Josipa führt das Geschäft in dritter Generation. Zlatkos Vater Josip hatte es 1933 gegründet und 1941 an den heutigen Standort verlegt. Die zentrale Lage ein paar Schritte vom Ban-Josip-Jelacic-Platz, dem «Herzen der Stadt», entfernt, ist kein Zufall: Die P.T.O. Cahun, wie die Firma heisst, ist eine Rarität. «Die Kenntnis der Hutherstellung ist am Aussterben», sagt Slobodan Blanusa, der in den 1970er-Jahren hier gelernt hat und mit seinen 72 Jahren noch immer da ist – allerdings nur, wenn Aufträge vorliegen. Zum Beispiel aus Wien, wo nach wie vor eine Nachfrage nach Zylindern für traditionelle Anlässe wie das Neujahrskonzert bestehe.

«Das Geschäft hat keine Zukunft», sagt Gordana Cahun resigniert. Das Haus sei immer noch «nationalisiert» – seit der Machtübernahme der Kommunisten 1945 –, die Eigentumsverhältnisse letztlich in der Schwebe. Zu lösen sei das Problem nur, wenn die Stadt oder der Staat das Geschäft als lokale Tradition unter Schutz stellen und ihm ­­hier eine feste Bleibe garantieren würde. Ungefragt setzt sie sich für den Fototermin den roten Hut der Gardesoldaten auf, die den Regierungssitz in alten Uniformen bewacht hatten.

Spiegel der Geschichte

Nach der Erlangung der staat­lichen Souveränität 1991 hatte Staatspräsident Franjo Tudjman das Wachzeremoniell angeordnet. Doch seine Nachfolger verzichten auf diese Touristenattraktion, womit auch der Firma Cahun Aufträge wieder entgingen. So spiegelt sich in Zagrebs Hutgeschäft auf mehrfache Weise die jüngste Geschichte: Genschers Besuch fand wenige Wochen nach der Anerkennung der Unabhängigkeit Kroatiens durch Deutschland statt und wäre ohne diese undenkbar gewesen. Erst seit 25 Jahren ist Zagreb Hauptstadt eines souveränen Staats – als Kroatien im 10. und 11. Jahrhundert ein unabhängiges Königreich war, existierte die Stadt noch gar nicht. Danach war das Land immer Teil eines grösseren Staats.

Der Name Zagreb taucht erstmals 1094 auf, als der ungarische König Ladislaus dort eine Diözese gründete. Bald wurde mit dem Bau der Kathedrale begonnen – auf dem Kaptol, dem östlichen der beiden Hügel am Fuss des Gebirgszugs Medvednica im Norden der Stadt. Um sie herum entwickelte sich das kirchliche Zentrum als eigene Stadt. Gegenüber auf dem westlichen Hügel entstand Gradec, wo sich Handwerker und Kaufleute ansiedelten. Gut 700 Jahre bestanden die beiden Städte nebeneinander, bis sie 1850 zu Zagreb vereinigt wurden.

Zagrebs heutige Altstadt verteilt sich somit auf zwei Hügel, die früher durch einen Bach getrennt waren, der in die Save im Süden der Stadt floss. Längst ist er eingedolt; auf dem dadurch gewonnenen Land erstreckt sich jetzt die Tkalciceva. Diese Fussgängermeile ist gesäumt von vielen Bars, Cafés und Restaurants, vor denen bei schönem Wetter die halbe Stadt sich zu treffen scheint. Hier gewinnt man am schnellsten den Zugang zum Alltagsleben Zagrebs, von hier aus steigt man hoch zum Kaptol mit seinem Markt oder nach Gradec ins Regierungsviertel, oder aber man lässt sich der Strasse entlang treiben, bis man auf dem grosszügig ausgestalteten Jelacic-Platz steht.

Rasante Modernisierung

Hier beginnt die ab Mitte des ­­19. Jahrhunderts entstandene Un­terstadt – das Ergebnis einer durchdachten Stadtplanung mit schnurgeraden, fast durchwegs im rechten Winkel zueinander verlaufenden Strassen. Ein Rechteck, das vom «Grünen Hufeisen» (siehe Kasten) eingefasst ist und von zumeist klassizistischen Prachtbauten dominiert wird. Sie erinnern unwillkürlich daran, dass Zagreb in jener Boomzeit, als sich die Einwohnerzahl innerhalb von 60 Jahren verfünffachte, Teil der Habsburgermonarchie war und von deren Modernisierungspolitik enorm profitierte. Agram hiess sie damals; der Name wird heute noch von der österreichischen Botschaft offiziell verwendet.

Agram wurde bereits 1862 an das Eisenbahnnetz der Monarchie angeschlossen. 30 Jahre später wurde der imposante Hauptbahnhof eingeweiht. Einen Steinwurf daneben erhebt sich das Hotel Esplanade, durch das Zagreb zu einer wichtigen Station des berühmten Orient-Express wurde. Die Lounge und Cocktailbar des Hotels vermittelt die noble Atmosphäre der goldenen Zwanzigerjahre – so wie man sich in die Belle Époque zurückversetzt fühlt, wenn man das stilvoll renovierte Café des Palace Hotels auf der Höhe des Kunstpavillons auf dem König-Tomislav-Platz aufsucht.

Eine Besonderheit Zagrebs ist schliesslich die «kürzeste Seilbahn der Welt», mit der man in 55 Sekunden von der Ilica-Strasse in die Oberstadt befördert wird. Am besten kurz vor 12 Uhr: Dann nämlich wird dort auf dem Lotrš?ak-Turm täglich ein Kanonenschuss abgefeuert. Wer wissen will, weshalb, sei an das Stadtmuseum am anderen Ende der Oberstadt verwiesen, das museumsdidaktisch hervorragend die Geschichte der Stadt vermittelt, sieht man von der dunklen Ustaša-Zeit 1941 bis 1945 ab. Hier besteht Nachholbedarf.

Diese Seite ist das Resultat einer von Zagreb Tourismus organisierten individuellen Pressereise. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 14.06.2016, 12:02 Uhr

Das grüne Hufeisen

Ein spät einsetzendes modernes Wirtschaftswachstum und ein schlimmes Erdbeben 1880 machten es möglich: Zagrebs Unterstadt ist das Ergebnis einer klaren Stadtplanung fast auf dem Reissbrett. Blockbildung nach einem geometrischen Strassenraster und auch in der Höhe normierte Gebäude ergaben ein von seiner Umgebung deutlich abgehobenes Quartier. Das Besondere daran ist das «Grüne Hufeisen», das vom Architekten Milan Lenucci wie ein rechtwinkliger Rahmen um das neue Stadtviertel gelegt wurde. Es besteht aus einer­ ­Kette von Parkanlagen mit Brunnen, Pavillons und Denkmälern, in denen fast alle wichtigen Kulturbauten quasi ausgestellt werden: Ausgehend vom Zrinjevac-Platz (Bild) mit ­seinen aus Triest eingeführten Platanen und einer Wettersäule gelangt man zum Palast der ­Akademie im Neurenaissancestil und gleich daneben zur ­Galerie für moderne Kunst.



Es folgen der an der ­Millenniumsausstellung in ­Budapest 1896 präsentierte und anschliessend in Zagreb wieder aufgebaute Kunstpavillon, der Hauptbahnhof und das Espla­nade mit dem benachbarten ­Botanischen Garten. An der Westachse des Grünen Hufeisens ­befinden sich das ­Kroatische Staatsarchiv, ein ­Jugendstilbau von 1913 wie das Ethnografische Museum, und schliesslich das Kroatische National­theater auf dem ­Tito-Platz, mit dem sich die ­berühmten Wiener Architekten Ferdinand Fellner und ­Hermann Helmer auch in ­Zagreb ver­­ewigt haben.

Die Oktogon-Ladenpassage erinnert an Zagrebs goldene Zeiten. (Bild: Peter Granwehr)

Auf dem Blumenplatz finden seit dem 14. Jahrhundert Märkte statt. (Bild: Peter Granwehr)

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