Nürensdorf

Älteste Höchstspannungsleitung der Schweiz führt ins Zürcher Unterland

Auf einem Hochplateau beim Nürensdorfer Weiler Breite stehen gigantische Strominstallationen. Bis hierher ist vor etwas mehr als 50 Jahren die erste Hochspannungsleitung der Schweiz gebaut worden.

Der 3-teilige Transformator von Breite mit der zuständigen Technikerin Rebai Hela von Swissgrid.

Der 3-teilige Transformator von Breite mit der zuständigen Technikerin Rebai Hela von Swissgrid. Bild: cwü

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist ein spezieller Ort, an dem die Luft wie elektrisiert zu sein scheint. Tatsächlich fliesst hier eine Menge Energie. Das leicht hörbare Surren kommt allerdings nicht einfach so aus der Landluft über dem Glattal, sondern stammt von den Leitungskabeln, die hoch über dem Boden an den elektrischen Installationen hängen. Und solche gibt es im Unterwerk Breite bei Nürensdorf in grosser Menge und hoher Dichte. Buchstäblich auf der grünen Wiese steht hier das bei seiner Erstellung grösste Unterwerk der Schweizer Stromwirtschaft. Auf rund 600 Metern über Meer breitet es sich auf einer Fläche von rund 125?000 Quadratmetern aus. Darauf hätten gleich drei Letzigrund-Stadien oder rund 17 Fussballfelder Platz.

Hände in die Jackentasche

Die Anlage gehört heute noch zu den wichtigsten Einrichtungen dieser Art im Land, auch wenn es inzwischen noch grössere gibt – etwa in Laufenburg. Dort befindet sich auch der Hauptsitz von Swissgrid, der neuen Besitzerin des Unterwerks Breite. Scheinbar menschenleer, aber voller Metallträger und einem Gewirr von Leitungen breitet sich das energiegeladene Feld an diesem warmen Märzmorgen aus. Am Zugangstor warten zwei Personen. Mit Patrick Mauron, Medienverantwortlicher von Swissgrid, und Elektroingenieurin Rebai Hela, der Anlagenverantwortlichen, gehts mitten auf das Areal. Aus Sicherheitsgründen sagt sie: «Halten Sie die Hände dicht am Körper, am besten in der Jackentasche.» Währenddessen wird das Surren immer lauter. Mitten auf dem Gelände steht das einzige grössere Gebäude, ein schmuckloser Betonkubus. Über den Köpfen verlaufen die Hochspannungskabel, wo der Strom mit 380?000 Volt fliesst, was bei hoher Leistungsübertragung hörbar ist. «Das ist der alte Transformator, der mit einem Ersatz-Pol zur Verfügung steht», sagt die Spezialistin und deutet auf einen überdimensionalen Metallklotz auf Schienen. Zu Wartungszwecken könne dieser ganz abgehängt werden und ins Betongebäude gerollt werden. Angeschrieben ist der Transformator mit einem Schild, worauf «Oerlikon» prangt. «Er hat das Baujahr 1964», sagt die gebürtige Tunesierin mit ETH-Abschluss. Am Unterländer Standort in Nürensdorf wurde nämlich damals wie heute die Umwandlung grosser Strommengen von der 380- auf 220-Kilovolt-Netzebene vorgenommen.

Erste Leitung mit 380 Kilovolt

Gebaut wurde die Anlage von der NOK (Nordostschweizer Kraftwerke) und ging später an die Axpo über, die sich im Besitz mehrerer Kantone befindet, grösstenteils jedoch dem Kanton Zürich und der EKZ gehört (je ~18 Prozent Aktienanteil).

Am 20. November 1964 war in Breite die erste Stromleitung im Höchstspannungsbereich in Betrieb genommen worden. Aus einem Bericht der «Schweizerischen Bauzeitung» von damals geht hervor, dass die erste Leitung von Tavanasa GR über 113 Kilometer via Kunkelspass zum Walensee und bis nach Breite geführt wurde. Heute ist Breite Knoten von neun 220-Kilovolt- und fünf 380-Kilovolt-Leitungen.

Grund für den Bau der ersten Schweizer Höchstspannungsleitung war der effizientere Transport grösster Strommengen vom Entstehungsort an den Stauseen in den Grossraum Zürich. Dies samt einem Netzanschluss ans 1969 eröffnete Atomkraftwerk Beznau und einer kompatiblen Überleitung nach Deutschland. Denn international hatte man bereits damals ein Höchstspannungsnetz mit 380 Kilovolt (entspricht 380?000 Volt). Wurde in den 1960er-Jahren erkannt, dass der internationale Stromhandel eine immer grössere Rolle spielen würde, findet sich die Swissgrid heute mitten in einem eng verflochtenen Europa wieder, wo die Schweizer Axpo als grösster internationaler Stromhändler auftritt.

«Für uns ist die Versorgungssicherheit und Netzstabilität von zentraler Bedeutung», betont Swissgrid-Sprecher Mauron vor Ort. Genau hierfür sei man auf solche Anlagen wie Breite angewiesen. «Hier sind wir dafür bereits bestens aufgestellt», erklärt die zuständige Technikerin und zeigt nun auf einen noch viel grösseren Kuppeltransformator. Dreiteilig steht dort ein Ungetüm, das 1000 Megawatt leistet. «Davon gibt es nur 18 Stück in der Schweiz», erklärt Mauron. Der kleine Trafo nebenan steht als Ersatz zur Verfügung, damit beim Ausfall eines fest installierten Pols die Kuppelleistung kurzfristig wieder zur Verfügung steht. «Wir haben hier aber noch nie einen Totalausfall gehabt», gibt Hela zu verstehen.

Keine Ausbaupläne für Breite

Heute gehört die riesige Anlage der noch relativ jungen Stromnetzbetreibergesellschaft Swissgrid und wird noch aus Baden ferngesteuert. Ab 2017 wird Swissgrid für die komplette Steuerung der Anlage verantwortlich sein. Breite wurde im Jahr 2013 übernommen. Nur das Büro- und Werksgebäude am Rande des Feldes gehört noch der Axpo. Seit kurzem speist das neue Pumpspeicherkraftwerk Linth-Limmern im Glarnerland auch über eine 380-Kilovolt-Leitung in das Netz Breite ein. Aktuell ist hier kein weiterer Ausbau vorgesehen. Unter dem Begriff «Strategisches Netz 2025» treibt die einzige Schweizer Netzbetreibergesellschaft jedoch bereits jetzt die Modernisierung und den Ausbau ihrer Infrastruktur voran. Dazu sind in der ganzen Schweiz 13 Projekte am Laufen, um letztlich die Versorgungssicherheit gewährleisten zu können und das Netz für die «Energiezukunft» fit zu machen. ()

Erstellt: 22.03.2016, 21:38 Uhr

Im Schweizer Hochspannungsnetz von 1964 endete die fette Linie für die erste 380'000-Volt-Stromleitung aus dem Bündnerland in Breite. (Bild: ETH-Bibliothek)

Das heutige Hochspannungsnetz ist viel dichter, wird an den eingefärbten Stellen aber bis 2025 weiter ausgebaut. Breite ist nicht betroffen. (Bild: Swissgrid/ZU)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Die Woche in der Region.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!