Flughafen

Aeropers bricht GAV-Verhandlungen ab

Der Pilotenverband Aeropers hat die Verhandlungen mit der Swiss über einen Gesamtarbeitsvertrag abgebrochen. Dies, weil die Swiss gemäss dem Verband kein Entgegenkommen zeigte.

Piloten müssen heute vermehrt selbst entscheiden, ob sie fit genug für einen Flug sind. Früher wurde ihnen von den Fluggsellschaften mehr Erholungszeit einberaumt.

Piloten müssen heute vermehrt selbst entscheiden, ob sie fit genug für einen Flug sind. Früher wurde ihnen von den Fluggsellschaften mehr Erholungszeit einberaumt. Bild: Madeleine Schoder

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Der fusionierte Pilotenverband Aeropers Airline Pilots Association zog mit seiner erstarkten Verhandlungsmacht in den Gesprächen mit Swiss klare Grenzen. «Wir mussten die GAV-Verhandlungen letzten Freitag abbrechen, weil die Swiss kein Entgegenkommen zeigte», sagte Aeropers-Geschäftsführer Henning Hoffmann gegenüber der Schweizerischen Depeschenagentur (sda). Laut Henning muss sich die Swiss bewegen, wenn der neue GAV für 2018 wie geplant bis Mitte August stehen soll. Er forderte, die Löhne für Neueinsteiger und die Pensionskassenkonditionen dürften sich nicht weiter verschlechtern.«Wir wollen Bedingungen, die auch für Leute, die in der Schweiz leben, attraktiv sind», betonte Thomas Steffen, Aeropers-Sprecher und Captain auf dem Flugzeugtyp Airbus A320. Die Attraktivität der Swiss sei schon heute so tief, dass 80 Prozent der neuen Piloten aus den Nachbarsländern und nur gut 10 Prozent aus der Schweiz stammen.

Swiss überraschtüber Verhandlungsabbruch

«Es gibt keinen Pilotenmangel, aber fast keine neuen Schweizer Piloten mehr», sagte Steffen. Würden die Arbeitsbedingungen weiter verschlechtert, laufe Swiss die Gefahr nur noch Piloten anzuziehen, die jegliche Bedingungen akzeptierten, nicht aber unbedingt die geeignetsten seien.

Aeropers bleibe offen für neue Gespräche mit Swiss, führte Hoffmann aus. «Swiss bedauert den Abbruch der GAV-Verhandlungen», teilte Swiss-Sprecherin Karin Müller auf Anfrage mit. Der Schritt sei überraschend gekommen, insbesondere da sich Swiss für eine nachhaltige Vertragslösung eingesetzt habe.

Swiss biete zudem unverändert attraktive Cockpit-Arbeitsplätze mit guten Konditionen an. Die Attraktivität einer Anstellung bei Swiss sei nicht gefährdet, sagte Müller weiter. Der derzeit hohe Bedarf an Piloten könne mit Bewerbungen aus der Schweiz allein nicht gedeckt werden, kontert sie die Vorwürfe des Piloten-Verbands.

Piloten stehen vor Herausforderungen

Die GAV-Verhandlungen sind indes nur eines der Themen, mit welchen sich die Aeropers im Einzelnen und die Piloten allgemein derzeit befassen. Hoffmann und Steffen informierten am Dienstag über weitere Herausforderungen, mit welchen sich Piloten in der ganzen Welt heute auseinandersetzen. Zuerst die gute Nachricht: «Fliegen ist immer noch sicher», sagte Steffen.Die schlechte Nachricht hingegen: «Es könnte sein, dass wir die sichersten Zeiten der Luftfahrt hinter uns haben.»

Der im Zürcher Unterland wohnhafte Pilot erklärte, wie er zu dieser Einschätzung kommt. Gemäss Statistik hat die Zahl der Todesopfer pro 1 Million Passagiere seit den 70er-Jahren abgenommen. Wurden 1973 noch 69 Unfälle und 2028 Todesopfer auf 402 Millionen Passagiere gezählt, waren 2013 – rund 40 Jahre später also – noch 265 Todesopfer registrierst worden. Und dies bei über 3 Milliarden Passagieren. Die Zahl der Toten hat also abgenommen, während die Zahl der Passagiere zugenommen hat.

Trotz gegensätzlicher Studie Nachtdienstzeit erhöht

Verschiedene Faktoren hätten nun aber das Potenzial, dass die Sicherheit in Zukunft weniger hoch sein könnte. «Die Gesetzgebung ist einer dieser Faktoren», sagte Steffen. So hätte etwa die European Aviation Safety Agency (EASA) ihre Regeln bezüglich der gesetzlich erlaubten Flug- und Dienstzeiten in den letzten Jahren immer mehr zugunsten der Industrie angepasst statt im Sinne der Konsumenten. Ein Beispiel: Eine von der EASA selbst in Auftrag gegebene Studie hat festgestellt, dass die Konzentration der Piloten bei Nachtflügen ab 10 Stunden Dienstzeit abnimmt. Doch nachdem die Fluggesellschaften lobbyiert hätten, hat die EASA die Beschränkung trotzdem auf 12 Stunden und 30 Minuten festgesetzt.

Mehr Arbeitszeit, weniger Erholungsphasen

Generell hätten sich die Arbeitsbedingungen für Piloten in den letzten Jahren verschärft. Das Pensionsalter wurde vielerorts 60 Jahren erhöht (zum Vergleich: Fluglotsen gehen mit 56 Jahren in Rente). Wenn ein Pilot heute pensioniert wird, hat er rund doppelt so viele Flugstunden hinter sich, wie ein Pilot vor gut zwanzig Jahren bei seiner Pensionierung angehäuft hatte. «1995 hatte ein Pilot 10 000 Flugstunden absolviert, als er pensioniert wurde. Heute sind es 20 000. Und wenn ich pensioniert werde, werden es wohl etwa 30 000 sein», sagte Steffen.

Doch nicht nur das Pensionsalter hat sich erhöht, auch das Verkehrsaufkommen in der Luft hat massiv zugenommen. Und auch das Wetter wird mit Klimaerwärmung, vermehrten Stürmen und Gewitterzellen immer extremer. Dies alles, während Piloten die schon immer geltenden Nachteile ihres Berufs in Kauf nehmen müssten. Darunter etwa die unregelmässigen Arbeitszeiten inklusive zahlreicher Nachtschichten, die ständige Lärmbelastung oder auch eher weniger bekannte Faktoren wie etwa die Strahlung. «Ein Nordatlantikflug entspricht etwa der Strahlendosis einer Lungenröntgung», sagte Steffen. Ein Thema, das bisher noch wenig diskutiert werde.

«Allgemein lässt sich sagen, dass in der Luftfahrt der Druck auf den Arbeitnehmer steigt und die Wirtschaftlichkeit immer häufiger in Konkurrenz zur Flugsicherheit steht», hielt Steffen fest. Der Druck nimmt dabei vermehrt auf den Arbeitnehmer über. Statt der im Vergleich zu heute grösseren Erholungszeit, welche den Piloten früher per Vertrag zur Verfügung stand, müssten sie nun selber entscheiden, ob sie fit genug sind, einen Flug zu absolvieren oder nicht. Was die Piloten in eine Zwickmühle bringen könne: Fliegen sie müde, gehen sie ein erhöhtes Risiko ein, geben sie aber zu oft an, dass sie müde sind, werden sie früher oder später deswegen vom Arbeitgeber zitiert. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 20.06.2017, 18:52 Uhr

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