Bülach

Anekdoten aus der Luft

Eine Flugbegleiterin und ein Pilot der Swiss(air) geben nach ihrer Pensionierung ein Buch heraus. Es gewährt persönliche Einblicke in das Leben der Besatzungen.

Heiner «Henry» Lüscher und Christine Hüssy haben die Erlebnisse ihrer Kolleginnen und Kollegen gesammelt.

Heiner «Henry» Lüscher und Christine Hüssy haben die Erlebnisse ihrer Kolleginnen und Kollegen gesammelt. Bild: Balz Murer

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Ein Flug von Basel nach Hamburg: Das ist eigentlich Alltag für die erfahrene Maître de Cabine Christine Hüssy. Und doch läuft es ihr an diesem Morgen im Oktober 2010 eiskalt den Rücken herunter. Auf dem Frühstückstablett, das sie einem Passagier hinstellen will, liegt statt Gipfeli und Konfi ein höchst verdächtiges Paket.

Hüssy zögert keine Sekunde. Sie meldet das «fremde Objekt» den Piloten. Von dort kommt zu ihrem grossen Erstaunen die Anweisung, mitsamt Päckli ins Cockpit zu kommen und dieses vor den Augen der Piloten auszupacken. Hervor kommt ein Notizbuch. Wie sich herausstellt, ist es eine Überraschung des Co-Piloten. Er verbindet sein Geschenk mit dem Wunsch, Hüssy möge darin nach ihrer Pensionierung Geschichten aufschreiben, die sie während ihrer langen Berufsjahre bei der Swissair und der Swiss erlebt hat.

Eine Mail mit ungeahntem Echo

Bis zur Pensionierung sind es zu diesem Zeitpunkt noch acht Jahre. Hüssy füllt das Büchlein fortlaufend mit Stichworten vergangener und aktueller Erlebnisse. Die Idee eines Buchs voller Erinnerungen, Erlebnisse und Anekdoten aus der Fliegerei lässt sie nicht los. Bloss: Es sollte kein reines Hüssy-Buch werden. «Weil ich schon immer sehr gerne im Team gearbeitet habe, kam mir die Idee eines Crew-Buchs.» Die frisch Pensionierte denkt an ein kleines Büchlein, mit zwanzig oder dreissig Geschichten, das man an Familie und Freunde verschenken könnte.

Gemeinsam mit einer Kollegin setzt sie eine Mail an fliegerische Weggefährten auf. Darin stellt Hüssy ihr Projekt vor. Das Echo überwältigt sie: «Innert zweier Monate versprachen gut fünfzig Kolleginnen und Kollegen aus Kabine und Cockpit eine Geschichte beizusteuern.»

In der Person des ehemaligen Captains Heiner Lüscher findet Hüssy einen Mitherausgeber. Der Titel des Buchs ist dann schnell gefunden: «Geschichten, die das Fliegen schrieb». 120 dieser Kurzgeschichten werden den beiden innert nur sechs Monaten zugetragen – traurige, amüsante, aufregende und philosophische.

Von Sturzgeburten und Bischofsringen

Es sind Erlebnisse und Anekdoten, wie sie sich die Besatzungen zum Beispiel früher am Lagerfeuer am Strand des Regierungssitzes von Tansania erzählten. Damals dauerte der Aufenthalt dort noch fast eine Woche. Ein Kapitel trägt denn auch den Titel «Im Pfadilager von Dar es Salaam». Die Leser erfahren aber auch, wie ein Pilot reagiert, wenn sein Flugzeug überfallen wird, was ein Flight Engineer mit Golfausrüstung auf einer Mini-Insel der Malediven sucht, wie eine Flight Attendant überraschenderweise zur Geburtshelferin wird oder wie ein Bischof reagiert, wenn man seinen Ring nicht küsst. «Jeder, der sich dafür interessiert erhält dank des Buchs einen Einblick in das abwechslungsreiche Arbeitsleben der Cockpit- und Kabinen-Crews», sagt Hüssy.

Vor dem Erscheinen mussten die Herausgebenden die Geschichten in eine sinnvolle Reihenfolge bringen. Sie entschieden sich für den chronologischen Aufbau: fünf Kapitel, eines zu jeder Dekade. Eine ehemalige Maître de Cabine und Historikerin stellte die zwischen 1970 und 2018 spielenden Geschichten in den historischen Kontext, ein Pilot übernahm die Illustration. Die Autoren, die allesamt mit Foto gezeigt werden, haben viel Freiheit genossen: «Man darf den Geschichten anmerken, dass sie nicht von Profis geschrieben wurden», sagt Hüssy.

Fortsetzung durchaus denkbar

Die beiden Herausgeber haben finanziell einiges investiert. Wie viel genau, wollen sie nicht verraten. Nur so viel: Wenn sie 750 Exemplare verkaufen, müssen sie nichts drauflegen.

Hüssy und Lüscher verstehen ihr Buch nicht als Hommage an vergangene, «bessere» Zeiten. Im Gegenteil, Hüssy ist überzeugt, dass das Fliegen auch heute noch laufend spannende und vor allem vielseitige Geschichten schreibt: «Vielleicht gibt es ja bald eine Fortsetzung.»

Das Buch «Geschichten, die das Fliegen schrieb» (ISBN 978-3-7497-3626-3) gibt es als Taschenbuch zum Preis vom 26.50 Franken. Die gebundene Ausgabe kostet 35, das E-Book 12 Franken. Es ist in der Altstadt-Buchhandlung Bülach und bei Hibou Kloten erhältlich.

Erstellt: 09.11.2019, 10:38 Uhr

Eine der 120 Kurzgeschichten

«Ein Besuch im Cockpit», von Werner Fisler. «Später Abendflug von Rom über Genf nach Zürich, es ist der ‹Lumpensammler›, wie er bei den Besatzungen damals hiess. Vollmond, schönes Wetter von Rom bis Genf, hervorragende Sicht. Zwischen Elba und Genua mache ich eine Ansage und erkläre ausführlich die Lichter und die Geographie Norditaliens. Es folgt ein problemloser, pünktlicher Zwischenstopp in Genf. Beim Spaziergang durch die Kabine komme ich ins Gespräch mit zwei Damen mittleren Alters. Sie seien zum ersten Mal mit dem Flugzeug unterwegs, erklärten sie mir. Sie seien einfach begeistert von diesem Erlebnis. Ich offeriere ihnen einen kurzen Besuch im Cockpit während des Flugs nach Zürich. Kurz vor Bern führte der Maître de Cabine die beiden Ladies nach vorne. Es ist schön dunkel im Cockpit. Der First Officer und ich drehen instinktiv unsere Köpfe, schauen nach hinten, um die beiden Damen zu begrüssen. Und wie aus einem Mund kommt ein Schrei: ‹Lueget Su füre, lueget Si füre›! Was soll man da noch sagen» (red)

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