50 Jahre nach 1968

Argumente statt Pflastersteine

Als sich in Zürich Jugendliche und Polizei Strassenschlachten liefern, sammelt Gymnasiast Ruedi Lais Pflanzen. Später wird auch er für seine Überzeugungenkämpfen, als «resultatorientierter 68er», wie der Kantonsrat sich selber bezeichnet.

Die eher raren ruhigen Momente verbringt Ruedi Lais am liebsten in seinem Garten. Dort wächst neben ungefähr 200 Arten von Wildpflanzen und auch viel Essbares.

Die eher raren ruhigen Momente verbringt Ruedi Lais am liebsten in seinem Garten. Dort wächst neben ungefähr 200 Arten von Wildpflanzen und auch viel Essbares. Bild: Paco Carrascosa

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Ende Juni 1968. In Zürich toben die Globuskrawalle. Sie markieren den Auftakt zur 68er-Bewegung in der Schweiz. Keine zehn Kilometer von dort, wo die Pflastersteine fliegen, lebt der damals knapp 15-Jährige Ruedi Lais. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Walliseller Gymnasiast mit dem ausgeprägten Gedächtnis seine grosse Leidenschaft für politische und gesellschaftliche Themen entdeckt. 1968 investiert der Gymischüler seine ausgeprägte intellektuelle Energie, seine Merkfähigkeit und sein Interesse für Botanik jedoch noch in den Aufbau eines Herbariums. Heute umfasst diese Sammlung 2500 Pflanzen, die er selbstredend alle benennen kann. Daneben betreibt er Leistungssport, entdeckt den Orientierungslauf. Auch dies ein Hobby, das er noch fünf Jahrzehnte später intensiv pflegen wird. Prägend für ihn ist auch die Junge Kirche in Wallisellen: «Diese Gruppe und ihr gesellschaftliches Engagement waren mir sehr wichtig, obwohl ich nicht religiös war.»

Demo, aber nicht in Zürich

Knapp zwei Monate nach den Globus-Krawallen nimmt dann auch der junge Ruedi an seiner ersten Demo teil. Die friedliche Kundgebung wird von einem Lehrer am Gymi Wetzikon organisiert und richtet sich gegen den Einmarsch der Sowjets in Prag, am 21. August.

Gymasiast Ruedi Lais entdeckte früh sein Interesse für die Natur. Foto: PD

Die Zeit an der Kantonsschule prägt den jungen Walliseller. Er hate als einziger seiner Primarschulklasse die Aufnahmeprüfung geschafft: «Meine Mitschüler in Wetzikon gehörten einer Elitegesellschaft an und liessen mich das manchmal auch spüren.» Die Lehrer fördern das politische Denken der Schüler. Gymnasiast Ruedi verfasst Beiträge für die schulinterne Abstimmungszeitung.

In Opposition zum Vater

«Mein politisches Interesse entsprang aber vor allem der Opposition zum Elternhaus», erinnert sich Lais heute. Dabei kam dem Vater eine zentrale Rolle zu. «Ich wuchs in einer Familie auf, die man als puritanisch reformierten Mittelstand bezeichnen kann.»

Der Vater, von Beruf Ingenieur bei den SBB, stürzt sich 1970 in die Gemeindepolitik, zuerst für die Demokraten, nach deren Auflösung wird er Mitglied der FDP. Vor allem aber ist er ein begeisterter Autofahrer und Schütze. «Ich entwickelte ähnlich rigide Moralvorstellungen wie mein Vater, bloss in die entgegengesetzte Richtung», sagt der spätere Vollblutpolitiker Lais. Und so wird der Sohn des Walliseller Gemeinderats nie etwas mit Schiessen am Hut haben und nie ein Auto lenken. Dass seine Mutter in erster Linie ihrem Mann den Rücken frei halten muss, lässt sich mit seinem Sinn für Gerechtigkeit nicht vereinbaren. Es macht aus ihm einen vehementen Verfechter des Frauenstimmrechts.

Ruedi Lais im Jahr 1969: Sein politisches Interesse ist geweckt.

Kommt sein Vater damals spätabends von der Gemeinderatssitzung, liefern sich die beiden kontroverse Diskussionen. «Unsere Haltung zu Umwelt- und Ausländerfragen war diametral verschieden.» Teilt Lais senior die zeittypischen Vorurteile gegenüber Italienern, meldet sich der Sohn für den Italienischunterricht an und reist demonstrativ regelmässig nach Italien. «Ich wollte ihm beweisen, dass das Leben dort Qualität hat.» Der Sohn eines Kettenrauchers ist noch heute «ein geborener Nichtraucher».

Sein ausgeprägtes Interesse für Natur und Umwelt führen Lais zu einem Geographiestudium an der Uni Zürich. Er engagiert sich im Studentenrat. Heute kann er über dessen Bemühungen, die zweite Zürcher Universität «Karl Marx Universität» zu nennen, schmunzeln. «Nun heisst sie Uni Irchel, und ich habe damals gemerkt, dass ich nicht linksdogmatisch bin. Auch die Freude am symbolhaften Streit ist nicht mein Ding.»

Mit Verhandeln zum Ziel

Das habe ihn von den revoltierenden 68-ern und deren teils rabiaten Mitteln unterschieden. «Die bürgerlichen Sekundärtugenden und der Verhandlungswille sind tief in mir drin.» Dass er sich aber durchaus in ein sachpolitisches Thema verbeissen kann, wird Student Lais früh beweisen. In seinem Wohnort Wallisellen soll in den 1970er-Jahren das Naherholungsgebiet Hörnligraben überbaut werden. Lais, damals 24 Jahre jung, druckt 1977 Flugblätter «gegen die Verschandelung der Natur» und verteilt sie vor der Gemeindeversammlung. Dort wird sein Vater die Überbauung befürworten. Die Mehrheit findet aber der Sohn.

«Ich wurde als talentierter Jungpolitiker wahrgenommen», erinnert sich Lais. Und weil alle, die sich für die Umwelt engagierten, zur SP gingen, wird auch Lais 1977 Mitglied der Sozialdemokraten. Er bleibt der Partei bis heute treu, auch als ihn die Grünen 1983 abwerben wollten. Seit 18 Jahren ist er mittlerweile Mitglied des Zürcher Kantonsrats (siehe Kasten). Seine politische Leidenschaft gilt den Themen Verkehr und Umwelt. Vor allem bei letzterem kann sich der zweifache Vater und Grossvater in Fahrt reden: «Im Jahr 2100, wenn meine jüngste Enkelin 82 Jahre alt sein wird, gibt es keine Gletscher mehr und wir werden unter Wassermangel leiden.»

Wäre eine Bewegung wie die 68er mit der heutigen Jugend denkbar? «Kaum», findet Lais. Heute würden die Jugendlichen in Interessengruppen unter Gleichgesinnten zusammenfinden: «Dort leben sie dann in kleinen Meinungsblasen».

Am meisten Energie spüre er unter den jungen Migranten. «Sie kämpfen dafür, ihre Chancen wahrzunehmen.»

Und wieviel 68er steckt noch in ihm, der dieses Jahr die erste AHV beziehen wird? «Verinnerlicht habe ich sicher den Konsumverzicht. Den habe ich auch an meine Kinder weitergegeben. Dieser Verzicht ist für Lais eine der positiven Errungenschaften der damaligen Zeit, nebst dem Fall der gesellschaftlichen Schranken. Die 68er hätten viel erreicht, attestiert Lais ihnen. Aber etwas hätte seine Generation nicht geschafft: Die Menschen dazu zu bringen, die Welt zu retten. Viele der einst so kämpferischen Jungen hätten sich heute ins Privatleben zurückgezogen. Etwas, das für Lais derzeit undenkbar scheint.

Erstellt: 15.08.2018, 16:47 Uhr

Zur Person

Ruedi Lais (1953) studierte Geografie und arbeitete als System-Ingenieur. Von 1994 bis 1998 war er Mitglied des Walliseller Gemeinderats. Er sitzt seit 2000 für die SP im Kantonsrat. Neben zahlreichen weiteren politischen Mandaten engagiert sich Lais seit 22 Jahren als Verwaltungsrat der Verkehrsbetriebe Glattal, seit 2013 ist er Mitglied des Bülacher Bezirksrats. Lais lebt mit seiner Partnerin in Wallisellen und ist in seiner Freizeit ein begeisterter Orientierungsläufer, interessiert sich für Botanik und pflegt Sprachen. Er hat einen Sohn (1982) und eine Tochter (1984) aus erster Ehe. dsh

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