Wil

«Die Arbeitgeber denken wohl, ich sei zu teuer»

Jahrelang war Lorenz Bertschmann in Führungspositionen tätig, auch international. Mit 52 Jahren verlor der Finanzfachmann seinen Job. Seither sucht er vergeblich nach einer Stelle.

Der 53-jährige Finanzfachmann Lorenz Bertschmann ist seit über eineinhalb Jahren auf Stellensuche.

Der 53-jährige Finanzfachmann Lorenz Bertschmann ist seit über eineinhalb Jahren auf Stellensuche. Bild: Johanna Bossart

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Seit eineinhalb Jahren ist Lorenz Bertschmann arbeitslos. Mittlerweile ist er ein Profi in Sachen Bewerbungen – und kennt sich mit Absagen aus. Diese teilt er in drei Kategorien ein: «Man schreibt mir entweder, ich sei überqualifiziert, man habe einen passenderen Kandidaten, oder aber man gibt an, dass sich der Bewerbungsprozess verzögere, und dann höre ich gar nichts mehr.» Bloss eines sei bei den Absagen nie ein Thema: sein Alter. Bertschmann ist 53. Das, so kann er nur vermuten, ist der Hauptgrund, weshalb bis heute keine seiner über 300 Bewerbungen erfolgreich war.

«Man denkt wohl, ich sei zu teuer, wolle zu viel Lohn», sagt der Finanzfachmann. Und dies, bevor man ihn nach seinen Lohnvorstellungen gefragt hat. «Oder man findet vielleicht, ich passe nicht in ein jüngeres Team.» Es interessiere niemanden, dass er in seiner Freizeit mit 18-Jährigen Eishockey spiele.

Der Altersfilter

Bertschmann weiss, dass auf Stellen, die für ihn infrage kommen, schon mal über 100 Bewerbungen eingehen. Kaum eine Firma könne es sich leisten, all diese Dossiers ausführlich zu sichten. «Man stellt dafür Studenten an oder lässt eine Software drüberlaufen.» Arbeitssuchende über 50 oder Bewerber ohne Masterabschluss könnten so gleich zu Beginn herausgefiltert werden.

Einen Masterabschluss hat Bertschmann zwar nicht, er bringt aber über 25 Jahre Führungserfahrung bei verschiedenen Unternehmen mit. Seine berufliche Laufbahn begann er als Student der Betriebswirtschaft bei Siemens-Nixdorf. Das Unternehmen bot ihm auch, als er durch einen unglücklichen Prüfungsverlauf vorerst ohne Abschluss in die Berufswelt einstieg, eine erste Festanstellung an. Es war vor allem ein Zeitverlust, da er später über ein erneutes Studium an der Fachhochschule seinen Abschluss nachholen musste. Bertschmann wurde zudem von seinem Arbeitgeber rasch in ein internationales Förderprogramm aufgenommen. Als das Unternehmen zu wenig Aufträge hatte, kam es zur Restrukturierung.

Schnell steil bergauf

Bertschmann verlor seine Stelle, fand aber problemlos eine neue in einer Telekommunikationsfirma. Ab dann ging es steil bergan, Bertschmann wurde von einem französischen IT-Dienstleister abgeworben, arbeitete erst als Finanzchef, später war er im globalen Management für sechs Länder verantwortlich. Ab 2013 arbeitete er als Financial Architect mit Vorgesetztenfunktion. «Eine harte, aber spannende Zeit», sagt er. Feiertage oder Ferien ohne Notebook? Undenkbar. Als auch dieser Arbeitgeber restrukturierte, bot man ihm eine Stelle in Frankfurt an. Bertschmann, der mit seiner zweiten Frau und deren zwei Söhnen erst vor ein paar Jahren ins Eigenheim nach Wil gezogen ist, wollte nicht nur am Wochenende zu Hause sein. Er lehnte ab und erhielt die Kündigung.

Zuversicht weicht Realität

«Anfänglich sah ich das auch als Chance.» Leute wie er, die arbeiten wollen, würden schon etwas finden, dachte er. Die Betreuung durch seinen Sachbearbeiter bei der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) sei engagiert gewesen, man hat ihm sogar einen Mentor zur Seite gestellt. Sein Bewerbungsdossier hat Bertschmann laufend perfektioniert und dafür auch finanziell einiges investiert. Der Erfolg blieb bescheiden. Zehnmal wurde er zu einem Vorstellungsgespräch geladen, einmal schaffte er es in die Endrunde. Längst bestimmt die Stellensuche seinen Tag. «Ohne das hier geht gar nichts», sagt er und zeigt auf sein Smartphone. Frühmorgens sichtet er Jobangebote. Beim Hundespaziergang feilt er gedanklich am Motivationsschreiben. Ferien macht er keine, aus Angst, das entscheidende Angebot zu verpassen.

Zu Kompromissen bereit

Mittlerweile bewirbt er sich nicht mehr nur auf Stellen, die seine Kernkompetenz, das Finanzwesen, betreffen. «Ich könnte mir auch eine Tätigkeit im Marketing oder Verkauf vorstellen.» Bertschmann beschreibt sich als vielseitig einsetzbar, analytisch und unternehmerisch denkend. «Ich bin alles andere als ein Buchhalter-Typ.» Auch beim Arbeitsort und beim Lohn würde er Kompromisse eingehen. «Ich sehe aber nicht ein, weshalb ich weniger verdienen soll als vor 20 Jahren, bloss weil ich über 50 bin.» Bertschmann weiss, dass viele Stellen nur durch Beziehungen zu bekommen sind. «Viele haben jedoch Bedenken, sich für eine ältere Person starkzumachen, aus Angst, sie könnte nicht genügen.»

Die existenziellen Sorgen verdränge er momentan noch, sagt der Wilemer. Zum Glück stehen seine zwei Kinder aus erster Ehe finanziell auf eigenen Beinen. Seine Arbeitslosigkeit habe er nie verheimlicht, aber anfänglich vielleicht schöngeredet. Heute sagt er vor allem eins: «Ich will wirklich arbeiten – ich will wenigstens die Chance bekommen, mich zu beweisen.»

Erstellt: 22.08.2019, 17:01 Uhr

Arbeitslosigkeit

Über 50-Jährige suchen doppelt so lang

Menschen über 50 sind gegenüber den jüngeren Alterskategorien nicht stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Verliert eine Person über 50 Jahre jedoch ihre Arbeitsstelle, dauert die Stellensuche circa 1,5-mal länger als beim Durchschnitt und mehr als doppelt so lang wie bei den 19- bis 24-jährigen Stellensuchenden. Mit 26 Prozent sind über 50-Jährige überproportional von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen, bei den 25- bis 49-Jährigen liegt dieser Anteil bei knapp 13 Prozent. Das schreibt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in einem Bericht zu den Arbeitslosenzahlen 2018.

Eine Befragung von 48 Unternehmen in der Schweiz zeigt, warum ältere Menschen Mühe haben, eine Stelle zu finden: Die Arbeitgeber befürchten mangelnde Fitness, zu hohe Lohnforderungen und hohe Lohnnebenkosten, tiefe Belastbarkeit, mangelnde Technikaffinität und mangelnde Motivation. Laut Bundesamt für Statistik ist die Sozialhilfequote in dieser Altersgruppe seit 2011 um 28 Prozent gestiegen. Über alle Altersgruppen stieg die Quote um lediglich 10 Prozent.

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