Kloten

«Die meisten Eltern geben sich die Schuld am Tod ihres Kindes»

Der Tod eines Babys bei einem Zugunfall in Kloten am Donnerstag hat grosse Bestürzung ausgelöst. «In solchen Momenten zählt die menschliche Nähe», sagt Petra Zürcher vom Selbsthilfe-Verein Regenbogen Schweiz.

Petra Zürcher: «Es gibt Eltern, die sich ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen. Die meisten schaffen es aber irgendwann, dieses Ereignis anzunehmen.»

Petra Zürcher: «Es gibt Eltern, die sich ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen. Die meisten schaffen es aber irgendwann, dieses Ereignis anzunehmen.» Bild: Keystone

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Wenn Kinder tödlich verunglücken, löst dies immer Betroffenheit aus. Und im Bestreben, solche Ereignisse künftig zu vermeiden, wird meist unweigerlich die Schuldfrage gestellt. Was bedeutet dies für die betroffenen Eltern?
Petra Zürcher: Für die Eltern ist es sehr schwierig, wenn die Schuldfrage aufkommt oder gar Schuldzuweisungen an ihre Adresse gemacht werden. Oft erzeugt es Wut auf jene Leute, die zu wissen glauben, dass sie es besser gemacht und so den Tod des Kindes hätten verhindern können. Betroffene machen sich ohnehin schon genug Vorwürf. Ob durch eine Krankheit oder durch einen Unfall – die meisten Eltern geben sich die Schuld am Tod ihres Kindes.

Was sagen Sie den Eltern in so einer Situation?
Die richtigen Worte in so einem Moment zu finden, ist sehr schwer. Vor allem zählt dann menschliche Wärme. Eine Umarmung kann dann mehr bedeuten als Worte. Ich verzichte auch auf Ratschläge und höre erst einmal einfach zu. Denn letztlich muss jede Mutter und jeder Vater einen eigenen Umgang mit dem Verlust finden.

Kommen sie jemals über den Verlust ihres Kindes hinweg?
Es gibt Eltern, die sich ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen. Die meisten schaffen es aber irgendwann, dieses Ereignis anzunehmen.

Was bedeutet es für das Paar, wenn das eigene Kind stirbt?
Die Beziehung wird auf den grössten Prüfstein gestellt, den man sich nur vorstellen kann. Aber ich hüte mich davor, irgendwelche Zahlen zu nennen, die belegen wollen, wie viele Beziehungen nach dem Tod eines Kindes in die Brüche gehen. Wie ein Paar eine solche Situation übersteht, ist vor allem davon abhängig, ob und wie die Kommunikation funktioniert und ob sie es schaffen, auf gegenseitige Vorwürfe zu verzichten.

Gerade wenn ein Kind in Anwesenheit nur eines Elternteils verunfallt, dürfte dies aber sehr schwierig sein.
Es ist menschlich und verständlich, dass derjenige Elternteil, der beim Unfall nicht anwesend war, dem anderen Vorwürfe macht. Das erschwert natürlich, dieses Ereignis gemeinsam zu verarbeiten.

Verunglückt ein Kind tödlich, berichten in der Regel die Medien darüber. Ist diese Berichterstattung gerechtfertigt, wenn man bedenkt, wie schwer das Ganze für die Eltern ohnehin schon ist?
Als Journalistin und Mutter, die selber ein Kind verloren hat, ist diese Frage nicht einfach zu beantworten. Den meisten Betroffenen wäre es am liebsten, wenn nicht über den Tod ihres Kindes berichtet würde. Grundsätzlich aber ist es ein Recht der Öffentlichkeit zu erfahren, was passiert ist, wenn sie vom Unfall oder seinen Folgen betroffen ist – etwa durch abgesperrte Strassen oder Züge, die ausfallen.

Und auf welche Informationen hat die Öffentlichkeit in so einem Fall Anrecht?
Dies ist vom jeweiligen Vorfall abhängig. Neben der Frage, was berichtet wird, ist aber auch die Frage, wie über den Tod eines Kindes berichtet wird, entscheidend. Journalisten sollten sachlich über das Ereignis schreiben und auf einen boulevardesken Umgang verzichten.

Also von reisserischen Titeln und aufwühlenden Bildern absehen?
Unbedingt. Emotionalität hat in solchen Artikeln nichts zu suchen. Wenn ein Kind stirbt, dann ist diese Tatsache schon tragisch genug.

Erstellt: 24.04.2015, 16:32 Uhr

Petra Zürcher, Medienverantwortliche Verein Regenbogen Schweiz und Redaktorin Zürcher Unterländer. Der Regenbogen ist eine Selbsthilfe-Vereinigung von Eltern, die um ihr verstorbenes Kind trauern.

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