Nürensdorf

Ein Schwein auf Bestellung

Was heutzutage auf dem Teller landet, wissen die wenigsten so genau. Das Unternehmen «Mein Schwein» ändert dies.

Fabio Müller betreibt eine Fleischzucht zum Anfassen. Er isst nur noch, was er kennt.

Fabio Müller betreibt eine Fleischzucht zum Anfassen. Er isst nur noch, was er kennt. Bild: pd

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Misstrauen ist der Begleiter vie­ler Fleischkonsumenten beim Einkauf. Kein Wunder: Der Pferdefleischskandal vor zwei Jahren und die Falschdeklarierungen der Bündner Firma Carna Grischa ­vor wenigen Monaten sind nur zwei von zahlreichen Beispielen, die Fleischliebhaber verunsichert haben. Und niemand kann garantieren, dass es in Zukunft nicht zu ähnlichen Fällen kommen wird. Denn letztlich weiss kein Konsument so genau, woher das Hühnchen aus der Kühlvitrine oder das schön abgepackte Bündnerfleisch kommt. Und so manch einer ist gar froh darum, dass das, was letztlich auf dem Teller liegt, nicht mehr an seinen Ursprung erinnert.

Ein studierter Industrie­designer will dies ändern. Vor zwei Jahren hat Fabio Müller «Mein Schwein» gegründet. Beim Unternehmen können Schweine bestellt werden, die eigens für den jeweiligen Kunden auf einer Schweinewiese von «Mein Schwein» aufwachsen, nach vier Monaten geschlachtet und in Form sogenannter Misch­pakete an ihre Besitzer geliefert werden. Die Tiere können jederzeit auf einer der drei Wiesen in Nürensdorf, Henggart oder Kleinandelfingen besucht werden. «So kann jeder sehen, wo sein Essen herkommt», sagt Müller.

«Langjährige Vegetarierin bestellte Fleisch bei uns»

Momentan leben 40 Schweine auf den Schweinewiesen des Unternehmens. 14 davon in Nürens­dorf. Jedes Schwein hat 300 Quadratmeter Platz, es gibt Wühl-, Ruhe- sowie Kot­plätze. Die Tiere stammen von Metzgereien aus der direkten Umgebung und kommen mit einem Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm auf Müllers Schweinewiesen. «Es leben nur so viele Tiere bei uns, wie ­bereits verkauft sind», betont Müller. Auch nach der Schlachtung wird darauf geachtet, dass ­alles verwendet wird: Im Mischpaket sind alle Teile des Schweins enthalten.

Die Rückmeldungen zum Geschäft von «Mein Schwein» sind weitgehend positiv. «Vor allem die art­gerechte Haltung unterstützen ­viele», sagt Müller. Kürzlich ­habe deshalb sogar eine langjährige Vege­tarierin bei ihm bestellt: «Sie sagte mir, dass sie sich freue, nach 15 Jahren endlich wieder einmal Fleisch zu essen.» Müller selbst isst nicht jeden Tag Fleisch. «Seit ich das Unternehmen gegründet habe, esse ich viel bewusster Fleisch. ­ Und lieber nur ab und zu, dafür ein gutes Stück.»

Am Sonntag, 26. April, findet auf der Schweinewiese in Nürensdorf ein Tag der offenen Tür statt. Zwischen 14 und 17 Uhr sind alle Schweinebesitzer und Interes­sierte willkommen, den Betrieb an der Lettenstrasse 10 zu besuchen.

Erstellt: 23.04.2015, 20:26 Uhr

Nachgefragt

Markus Huppenbauer, Ethikprofessor an der Universität Zürich (Bild: pd)

Markus Huppenbauer, was halten Sie von der Geschäftsidee von «Mein Schwein», ist sie ethisch vertretbar?
Markus Huppenbauer: Die Geschäftsidee ist ethisch interessant. Nicht zuletzt auch deswegen, weil alle Teile des Tieres verwendet werden.

Viele Menschen finden es makaber, das Leben eines Schweins mitzuverfolgen, bevor es auf dem Teller landet. Verstehen Sie diese Haltung?
Das kann ich nicht nachvollziehen. Was ist daran makaber? Halten wir es einfach nicht aus, dass diese Tiere geschlachtet werden? Es wird doch nur transparent, was sich hinter dem Fleisch auf dem Teller verbirgt, ein lebendiges Tier.

Gerade für Kinder dürfte es ein prägendes Erlebnis sein, ihr Schwein aufwachsen zu sehen und es danach zu verspeisen. Glauben Sie, dass «Mein Schwein» einen wichtigen pädagogischen Beitrag liefern kann?
Ja. Es ist pädagogisch sicher relevant, zu wissen, woher das Fleisch, das wir auf dem Teller haben, wirklich und konkret kommt. Kinder lernen dadurch, dass Fleisch essen immer bedeutet, ein Tier zu töten.

Bei der Geschäftsidee steht der Besitz des Schweins stark im Vordergrund: Jeder Kunde bestellt sein Freilandschwein. Verletzt dieses Besitzdenken die Würde des Tiers?
Nein, das sehe ich nicht so. Alle unsere Nutz- und auch die Haustiere gehören jemandem. Auch all die anderen Tiere, die geschlachtet werden. Und in all diesen Fällen spricht man ja auch nicht von einer Würdeverletzung. Dass wir von der Würde der Tiere sprechen, bedeutet, dass wir sie nicht wie blosse Sachen traktieren dürfen. Wir müssen sie anständig behandeln und ihre spezifischen Bedürfnisse ernst nehmen.

Es gibt wohl einige Menschen, die ihr Schwein nicht mehr essen können, nachdem sie es über längere Zeit besucht und eine Beziehung zum Tier aufgebaut haben. Dieselben Menschen haben aber kein Problem, schön abgepacktes Schweinefleisch aus dem Supermarkt zu essen. Wie beurteilen Sie dieses ambivalente Verhalten?
Auch wenn wir es für ambivalent halten, ist es in gewisser Weise auch psychologisch nachvollziehbar. Was man nicht sieht, bereitet einem keine Probleme. Aber als Ethiker vertrete ich das Ideal eines mündigen und aufgeklärten Konsumenten. Dazu gehört auch, dass man weiss, was man isst. Zur harten Realität des Fleischkonsums gehört es, dass dafür Tiere geschlachtet werden. Wer Probleme mit dem Töten konkreter Tiere hat, sollte ehrlicherweise auf den Konsum von Fleisch verzichten. (ori)

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