Rorbas

Ein Stück Heimat mit Freunden und Familie teilen

Stacy und Oliver Streuli stammen aus den USA, seit 2005 leben sie in der Schweiz. Jedes Jahr tischen sie das traditionelle Thanksgiving-Menu auf, in dessen Zentrum der Truthahn steht.

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Thanksgiving ist in den USA ein offizieller Feiertag. Am vierten Donnerstag im November treffen sich Familie und Freunde zum gemeinsamen Festmahl. Da dieser Tag in der Schweiz nicht arbeitsfrei ist, verschieben Stacy und Oliver Streuli, beide in Amerika aufgewachsen, das Fest jeweils auf das darauffolgende Wochenende.

So hatten sie vergangenen Sonntag Freunde und Familienmitglieder zu sich nach Rorbas eingeladen. Alle Anwesenden sassen um den Esstisch und sagten, wofür sie dankbar sind. «Das gehört zur Tradition», erklärte Gastgeberin Stacy, die mit gutem Beispiel voran ging. Sie sei dankbar, gute Freunde und eine Familie zu haben. «Und ich bin froh darüber, hier eingeladen zu sein und so gute Nachbarn zu haben», sagte Derrin Kennedy, die mit ihrem Mann Michael und Tochter Charlotte nebenan wohnt. Nachdem die Danksagungen abgeschlossen waren, begann das Essen.

Butter unter die Haut

Truthahn, Kartoffelstock, Gemüse und andere Beilagen sowie Desserts gehören zum Menü. Will man all dies selbst zubereiten, sind die Vorbereitungen sehr aufwendig. Bereits am Montag hatte Stacy damit begonnen. «Es muss alles im Voraus fertig sein, weil der Truthahn während dreieinhalb Stunden den Ofen besetzt. Danach ruht er noch etwa eine Stunde unter Alufolie, während alles andere im Ofen aufgewärmt wird.» Die grösste Herausforderung sei das richtige Timing zum Schluss, damit alles gleichzeitig auf den Tisch kommt.

Die Gäste trudelten zwar erst im Laufe des Nachmittags ein, doch Stacy und Oliver waren schon am Sonntagmorgen in der Küche am Hantieren. Als erstes war der «Bourbon and Chocolate Pecan Pie» an der Reihe. Eine Art Wähe gefüllt mit Nüssen und Schokolade. Besonders mit dem Teig war Stacy zufrieden. «Das sieht perfekt aus. Ich glaub es ist der beste Pie-Boden, den ich je gemacht habe», stellte sie erfreut fest, als sie das Blech aus dem Ofen nahm.

Kernstück des Abendessens ist der Truthahn, an dem sich derweil Oliver zu schaffen machte. Er rieb Butter unter die Haut des rund sechs Kilogramm schweren Vogels, der von einer Farm in der Schweiz kommt. «Das ist wichtig für eine knusprige Haut, und um das Fleisch vor dem Austrocknen zu schützen», erklärte er. Traditionell wird der Truthahn mit «Stuffing», das in der Regel aus Brot, Zwiebeln, Sellerie und Gewürzen besteht, gefüllt. Mittlerweile ist es üblich, diese Füllung separat in einer Auflaufform zu backen und als Beilage zu servieren. Für diese zweite Variante hatte sich auch das Ehepaar in Rorbas entschieden. «Wenn das ‹Stuffing› nicht im Turkey gegart wird, nennen wir es in den Südstaaten ‹Dressing›», führte Stacy aus.

Von Los Angeles nach Rorbas

Oliver Streuli ist in den USA geboren und wuchs im Bundestaat Connecticut auf. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Schweizer. Daher hatte er schon immer eine Verbindung zur Schweiz. Stacy Streuli, die in Texas aufgewachsen ist, lernte ihre heutige Wahlheimat erst durch ihren Mann kennen. Zum ersten Mal begegnet sind sich die beiden als Teenager im Internat in New York. Als junge Erwachsene zogen sie gemeinsam nach Los Angeles, wo sie in der Filmbranche tätig waren.

Der Wunsch nach Kindern bewegte das Paar schliesslich dazu, aus der kalifornischen Metropole wegzuziehen. «Wir fanden LA nicht den idealen Ort, um Kinder gross zu ziehen. Deswegen sind wir in die Schweiz gekommen», begründete Oliver den Entscheid. «Die Kinder haben hier ein besseres Leben. Sie können draussen spielen und alleine auf der Strasse gehen», fügte Stacy hinzu. Das sei in den USA nicht denkbar.

«Thanksgiving ist mein liebster Feiertag. Er ist weder religiös noch kommerziell.»Oliver Streuli

2005 gingen Stacy und Oliver zuerst nach Winterthur, da seine Verwandtschaft in der Ostschweiz lebt, und er in Zürich beim Schweizer Fernsehen arbeitet. Nach einem Zwischenstopp im Zürcher Oberland fanden sie schliesslich in Rorbas das passende Heim für sich und ihre beiden Kinder Elodie (9) und Gibson (5) . Im Zweifamilienhaus lebt auch Olivers Mutter Greti Streuli, die ein paar Jahre nach ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter in die Schweiz zog.

In der kleinen Unterländer Gemeinde fühlen sie sich nun rundum wohl. «Wir sind sehr froh, hier zu leben und die Leute sind sehr nett», sagte Stacy. Sie betreibt einen Food-Blog, gibt Kochkurse und bietet Catering an. Spezialisiert hat sie sich auf Tex-Mex-Küche. «Nachdem wir hergezogen waren, mussten wir lernen, alles was wird gerne essen, selber zu kochen.» Neben dem Essen gibt es für die Amerikanerin auch sonst kulturelle Unterschiede. Am meisten aufgefallen sei ihr, dass die Menschen hier etwas reservierter seien im Vergleich zu den USA. «Ich bin sehr freundlich und frage immer gleich ‹Hallo, wie gehts?›, das ist hier nicht üblich.»

Ein Stück Heimat

Thanksgiving ist Olivers und Stacys liebster Feiertag, einer, den sie als Familie gemeinsam haben. Während Stacy aus ihrer Kindheit jüdische Feiern wie Hannukah kennt, feierte Oliver als Kind Weihnachten. «Thanksgiving ist nicht religiös und abgesehen von ‹Black Friday›, den man meiner Meinung nach klar davon trennen muss, nicht kommerziell.» Er geniesse es auch einfach, Menschen, die er liebt, ein üppiges Essen anzubieten.

«Es geht darum, dass Familie und Freunde zusammenkommen und es ist für mich auch einfach ein Stück Kultur aus meiner Heimat», sagte Stacy. Da sie schon als 15-Jährige ins Internat kam und danach in Boston und Los Angeles lebte, habe sie diesen Tag schon früh nicht mehr daheim mit der Familie in Texas verbracht, sondern mit Freunden. Dafür gäbe es in den USA mittlerweile den Begriff ‹Friendsgiving›.»

So war auch das Fest in Rorbas am vergangenen Sonntag ein Zusammenkommen von Familie und Freunden. «Wir sind alles Expats, und ich finde es schön, wenn wir uns gegenseitig an den Festtagen unterstützen», sagte Nachbarin Derrin Kennedy, die aus Irland stammt. Für Lena Forrer die mit Freund Kingdom Karuwo zu Besuch war, war es das erste Thanksgiving: «Das Essen war so lecker.»

Olivers Mutter Gerti Streuli kennt den Anlass von ihrer Zeit in den USA bestens. «Es gibt keine Geschenke, und man verbringt Zeit miteinander. Ich mag auch den sozialen Gedanken. In den USA erhalten nämlich alle Truthahn, auch in Obdachlosenheimen.»

Erstellt: 26.11.2018, 17:18 Uhr

Thanksgiving

Einer der wichtigsten Feiertage in den USA

An Thanksgiving, das jeweils am vierten Donnerstag im November stattfindet, reisen in den USA viele Menschen durchs ganze Land, um den nationalen Feiertag mit ihren Liebsten zu verbringen. Da die Wege zum Teil sehr weit sind, ist es beliebt, den darauffolgenden Tag ebenfalls frei zu nehmen, um ein verlängertes Wochenende zu haben. Dieser Freitag ist im Detailhandel bekannt als «Black Friday». Es gibt unzählige Rabattaktionen und die Saison für Weihnachtseinkäufe wird eingeläutet.

Gemäss der Encylopaedia Britannica fand das erste Thanksgiving im Jahr 1621 statt. Darüber, wie genau es abgelaufen ist, und ob es doch nicht in einem anderen Jahr war, ist man sich nicht ganz einig. Die gemeine Geschichte besagt allerdings, dass damals die englische Kolonialisten (Pilgerväter) ihre erste Ernte in der Neuen Welt mit den Amerikansichen Ureinwohnern zusammen feierten. 1863 erklärte Präsident Abraham Lincoln Thanksgiving als offiziellen Feiertag. Zum traditionellen Essen gehören nebst dem Truthan auch Preiselbeersauce, Kartoffeln und Kürbiskuchen – Speisen die es gemäss dem Thanksgiving-Mythos auch schon an der ersten Feier gab. Üblicherweise wird vor dem Essen gesagt, wofür man dankbar ist.

Thanksgiving ist nicht unumstritten: Für manche ist es vielmehr ein nationaler Trauer- als ein Feiertag. Kritisiert wird, dass die Eroberung des Landes der Ureinwohner durch die Kolonisten gefeiert und die Geschichte des Landes beschönigt werde. (krb)

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