Obergericht

Familie hält zum Vergewaltiger ihrer Tochter

Die Behauptung, seine Nichte lüge, nahm das Gericht einem 27-Jährigen nicht ab. Es verurteilte ihn zu viereienhalb Jahren Freiheitsstrafe wegen Vergewaltigung und mehrfacher sexueller Handlung mit Kindern. Die Familie des Opfers hält dennoch zu ihm.

Nach dem Bezirksgericht Bülach musste sich das Obergericht mit der Vergewaltigung einer 17-Jährigen durch ihren Onkel befassen.

Nach dem Bezirksgericht Bülach musste sich das Obergericht mit der Vergewaltigung einer 17-Jährigen durch ihren Onkel befassen. Bild: Marc Dahinden

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Wer ihn jeweils im Gefängnis besuche, wollte der Richter vom 27-Jährigen wissen. «Mein älterer Bruder und meine ältere Schwester», sagte dieser. Pikant: Die Tochter dieser Schwester, also seine Nichte, hat der Mann vergewaltigt. Unter anderem dafür war er vom Bezirksgericht Bülach im April 2019 zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Dagegen hatte er Berufung eingelegt, weshalb der Fall am Montag am Obergericht verhandelt wurde. Dort bestritt der aus Sri Lanka stammende Mann seine Taten erneut.

Er gab zwar zu, dass er sich im Juli 2018 in der Wohnung seiner Schwester in einer Unterländer Gemeinde aufgehalten hatte. Ebenso wenig stritt er ab, sich zur Nichte ins Bett gelegt zu haben. Und ja, es sei zu sexuellen Handlungen gekommen. Aber er habe die damals 17-Jährige nie zu etwas gezwungen. Auch sei er nicht in sie eingedrungen: «Sie lügt und übertreibt.»

Die junge Frau hatte die Vorkommnisse mehrfach anders geschildert. Ihr Onkel habe sie im Bett erst an den Brüsten, dann im Genitalbereich begrapscht. Sie habe versucht, ihn von sich wegzustossen. Irgendwann habe sie keine Kraft mehr gehabt, habe es über sich ergehen lassen. Auch, weil sie ihren im gleichen Bett schlafenden, sieben Jahre jüngeren Bruder nicht habe wecken wollen.

Tags darauf vertraute sich die Lernende einer Freundin an. Diese riet ihr, zur Polizei zu gehen. Bei den Einvernahmen erzählte sie, dass der Onkel ihr schon früher wiederholt an die Brüste oder zwischen die Beine gefasst habe. Er habe damit begonnen, als sie 14 Jahre alt gewesen sei. Ihre Hände habe er festgehalten, damit sie sich nicht habe wehren können. Der Beschuldigte stritt auch dies ab.

«Konnte es nicht erkennen»

Sein amtlicher Verteidiger forderte erneut einen Freispruch, sowohl vom Vorwurf der Vergewaltigung als auch von jenem der sexuellen Handlungen mit einem Kind. Die Vorinstanz habe sich einzig auf die Aussagen der Frau gestützt. Dabei habe sein Mandant stets beteuert, er sei nicht in sie eingedrungen und habe auch nicht gegen ihren Willen gehandelt. Die junge Frau hätte das Zimmer verlassen oder ihren Bruder wecken können. «Er konnte nicht erkennen, dass sie es nicht wollte.»

Auch Schilderungen der über zwei Jahre dauernden sexuellen Handlungen seien nicht glaubhaft. So gebe es Fotos und Videos, die Onkel und Nichte lächelnd miteinander zeigen. «Sie fühlt sich in seiner Nähe wohl.» Die Nichte habe sogar eine Überraschungsparty für ihren Onkel organisiert. Es sei zudem nicht nachvollziehbar, dass niemand etwas von den Übergriffen mitbekommen habe.

Die Anwältin, welche die Interessen der Frau als Privatklägerin vertrat, machte geltend, diese habe sich sehr wohl gewehrt. Nur so habe sie den Oralsex vermeiden können. «Beim Geschlechtsverkehr gelang ihr das nicht mehr. Das Schlimmste konnte sie nicht verhindern.» Ausserdem habe sie ihren kleinen Bruder schützen wollen. Die junge Frau, die bereits vor diesem Tag unter Depressionen und selbstverletzendem Verhalten litt, habe bei den Fotos nur gute Miene zum bösen Spiel gemacht. «Sie wollte durch ein gutes Verhältnis zum Lieblingsbruder ihrer Mutter wenigstens etwas Anerkennung der Familie erhalten.» Heute würden die Eltern sie für die Anzeige hassen.

«Sie wollte den Sex nicht»

«Wir sind überzeugt, dass Ihre Nichte nicht gelogen hat», erklärte der Richter dem Beschuldigten bei der Urteilseröffnung. Das Gericht sehe keinen Grund, weshalb sie etwas erfinden sollte. «Sie hat von der Anzeige nicht profitiert, sondern sie leidet bis heute darunter, weil man ihr in der eigenen Familie nicht glaubt.» Der Onkel habe sich all das nur erlaubt, weil er gewusst habe, dass sie Probleme bekäme, wenn sie sich der Familie anvertrauen würde. «Sie wollte den Sex nicht und hat das auch gezeigt, soweit sie konnte.» Der Beschuldigte habe sich über diesen Willen hinweggesetzt, das sei rücksichtslos und egoistisch gewesen. Das Gericht verurteilte den nicht vorbestraften Mann, der seit der Tat inhaftiert ist, wegen Vergewaltigung und mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren, hinzu kam eine bedingte Geldstrafe wegen Raufhandels.

«Wir haben eine andere Kultur»

Der Mann, der 2014 als Flüchtling in die Schweiz kam und dem 2015 Asyl gewährt wurde, wird nach der Haftstrafe für acht Jahre des Landes verwiesen. Damit dürften sich die Pläne des Küchengehilfen vermutlich zerschlagen. Er wollte seine langjährige Freundin aus Sri Lanka in die Schweiz holen und eine Familie gründen. Sex wollte er mit ihr erst nach der Heirat haben. Denn, so erklärte er dem Richter: «Wir haben eine andere Kultur.»

Erstellt: 10.02.2020, 17:42 Uhr

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