Dietlikon

«Man kann nicht alles googeln»

Schulpräsident Marcel Looser beendete letzte Woche seinen Einsatz für die Schule Dietlikon. Nach 28 Jahren stellte er sich im Frühjahr nicht mehr der Wiederwahl. Im Gespräch setzt er sich nochmals mit der Schulentwicklung auseinander.

«Die Schulen können es sich nicht mehr leisten, dass ein Teil einer Klasse etwas nicht mehr versteht», sagt Marcel Looser. Fast drei Jahrzehnte war er Schulpräsident in Dietlikon.

«Die Schulen können es sich nicht mehr leisten, dass ein Teil einer Klasse etwas nicht mehr versteht», sagt Marcel Looser. Fast drei Jahrzehnte war er Schulpräsident in Dietlikon. Bild: Paco Carrascosa

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Wie geht es Ihnen damit, nicht mehr Schulpräsident zu sein?
Marcel Looser: Es war der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören. Realisiert habe ich es aber noch nicht wirklich. Emotional waren die Abschiede von den Schuleinheiten mit den Schülern und am Jahresabschlussessen mit den Lehrpersonen von letzter Woche. Als Alt-Regierungsrat Ernst Bu­schor mich verabschiedete, hatte ich schon einen Kloss im Hals.

An was denken Sie gerne ­zurück?
An die sehr guten Kontakte mit den Kolleginnen und Kollegen von der Behörde, der Verwaltung, den Schulleitern, den Lehrpersonen, und das über viele Jahre hinweg. Ich hatte durch meine Tätigkeit als Gymnasiallehrer vor ­allem mit Kindern zu tun, in der Schulpflege mit Erwachsenen. Diese Mischung empfand ich als sehr bereichernd. Wichtig ist auch, dass ich mein Amt in einer Zeit innehatte, in der sich viel geändert hat und man viel bewegen konnte. Die Schule wird in der Gemeinde gemacht. Es ist nicht alles zentralistisch wie in anderen Ländern. Wir haben immer für «unsere» Kinder entschieden, und die Leute waren bereit, Gelder zu sprechen für «ihre» Kinder und «ihre» Schule. Die Bevölkerung hat der Schule Dietlikon immer viel Goodwill entgegengebracht.

Was hat sich im Laufe der Jahre geändert?
Nebst den ganzen neuen Technologien, mit denen wir und unsere Kinder lernen müssen umzugehen, sind wir heute eine andere Gesellschaft als noch vor zwanzig, dreissig Jahren. Es leben heute Menschen aus vielen Ländern und vor allem auch aus vielen verschiedenen Kulturen zusammen. Das ist eine grosse Herausforderung. Viele Kinder sprechen beim Schuleintritt noch kein Deutsch, und gewisse Eltern sind für uns nur schwer erreichbar. In der Schule sind immer viele verschiedene Schichten zusammengekommen. Früher hat ein schwacher Schüler nach der sechsten Klasse die Schule allenfalls auch abgebrochen. Heute können wir es uns nicht mehr leisten, dass ein Teil einer Klasse etwas nicht versteht. Es ist mehr Individualisierung und Zusammenarbeit gefordert. Nach der Sekundarschule muss jedes der Kinder eine Anschlusslösung haben.

«Alle sollten eine bestimmte Allgemeinbildung haben. Mit der ganzen Digitalisierung sollte das nicht vergessen gehen.»Marcel Looser, 
scheidender Schulpräsident,
Dietlikon

Was konnten Sie in der Schule Dietlikon bewegen?
Zu meiner Anfangszeit geschah vieles aus dem Augenblick her­aus. Heute hat die Schule Dietlikon eine klare Struktur mit Schulleitungen, ein Konzept mit Kompetenzzuweisungen und eine Schulpflege, die sich nur noch um die strategischen Aufgaben kümmert. Im pädagogischen Bereich haben wir vieles verändert, zuletzt mit dem Projekt «Gute Schule», wofür die gesamte Schule Dietlikon mit dem Schweizer Schulpreis ausgezeichnet wurde. Die Entwicklung erstreckte sich über einen langen Zeitraum. Früher waren die Lehrer Einzelkämpfer, heute ist Zusammenarbeit Pflicht. Diese Veränderung war nicht immer einfach und konfliktfrei. Ausserdem investierten wir viel in die integrative Förderung, in Sonderpädagogik, Informatik und Qualitätsbewusstsein.

Was erachten Sie für die Schule auch in Zukunft als wichtig?
Nur Auswendiglernen reicht heute nicht mehr. Die Schüler lernen zu lernen und bekommen ein Rüstzeug an Methoden. Eine gute Allgemeinbildung ist aber auch heute noch wichtig. Man kann nicht alles googeln. Die ­Relativitätstheorie verstehen Sie nicht, wenn Sie einfach die Formel aus dem Internet runterladen. Und ja, es braucht auch Menschen, die sich mit alten Sprachen, wie ich sie lernte und lehrte, auseinandersetzen. Gerade für das Verständnis anderer Kulturen. Die westliche Kultur ist eine andere als die arabische oder die chinesische. Der Umgang mit dem Islam zum Beispiel ist ein grosses Problem in Europa. Die wenigsten haben sich damit auseinandergesetzt, was wirklich in den Texten wie dem Koran steht. Wie also kann man mit solchen Texten umgehen, wenn man sie nicht wirklich versteht? Will man etwas, muss man was können. Deshalb bin ich auch klar der Meinung, dass alle eine bestimmte Allgemeinbildung haben sollten. Das sollte mit der ganzen ­Digitalisierung nicht vergessen gehen.

Wie geht es für Sie weiter in Ihrer Nachschulzeit?
Ich habe drei Grosskinder, habe jetzt vermehrt Zeit, um Klarinette zu spielen, zu lesen. Im Herbst übernehme ich eine Reiseleitung nach Griechenland. Und es gibt noch diverse Projekte. Ich werde das grösstenteils auf mich zukommen lassen und mich für Dinge entscheiden, die mich ansprechen und die ich gerne noch machen möchte. Aus den langjährigen Beziehungen in der Schule haben sich auch Freundschaften entwickelt, die bleiben werden. Ansonsten bin ich konsequent. Ich werde mich nicht mehr einmischen.

Erstellt: 05.07.2018, 14:24 Uhr

Zur Person

Marcel Looser war 28 Jahre in der Schulpflege Dietlikon tätig, 12 Jahre als Vizepräsident, 16 Jahre als Schulpräsident. In dieser Zeit hat er die Schulentwicklung der Schule Dietlikon mitgeprägt. Von 1981 an bis 2015 war er hauptberuflich Lehrer für Altgriechisch und Latein an der Kantonsschule Bülach sowie ­anfänglich Dozent an der Universität Zürich. (sra)

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