Kloten

Orchideen stehen über dem Biberschutz

Ausgerechnet die Fachstelle für Naturschutz des Kantons hindert die geschützten Biber am Dammbau im Schutzgebiet Zum Goldigen Tor. Das sorgt für Unmut.

Solche Pet-Flaschensperren mögen Biber nicht, sie sollen verhindern, dass die Tiere hier erneut aktiv werden.

Solche Pet-Flaschensperren mögen Biber nicht, sie sollen verhindern, dass die Tiere hier erneut aktiv werden. Bild: Christian Wüthrich

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Biber sind beliebt und sie geniessen hierzulande auch einen hohen Schutzstatus. Doch nicht in jedem Fall reicht dieser aus, um ungestört Bäume fällen und Bäche stauen zu können. So auch am Flughafen, wo sich seit über einem Jahrzehnt wieder eine stattliche Biberpopulation behauptet. Weder von dröhnenden Triebwerken, noch von ratternden Militärfahrzeugen und schon gar nicht vom Autobahnlärm lassen sich die robusten Schwimmer mit dem schuppigen Schwanz bei der Erschliessung neuer Reviere aufhalten.

Auf der östlichen Flughafenseite, zwischen der Autobahn A51 und der mit 3300 Metern zweitlängsten Piste 16/32 gibt es nun aber einen Interessenkonflikt zwischen den unterschiedlichen Schutzansprüchen, wie die Fachleute es nennen. Die Biber sind nämlich zu aktiv geworden und haben mit ihrem emsigen Dammbauverhalten unterhalb des Goldigen Tors für einen gar hohen Wasserstand im umliegenden Flachmoor gesorgt.

Vorgehen «unglaublich»

Der Damm musste weichen und das löste einige Empörung aus bei Spaziergängern, die sich regelmässig im Gebiet aufhalten. Eine besorgte Beobachterin des wiederholten Dammabbruchs aus Winkel kann nicht verstehen, wieso eine geschützte Tierart wie der Biber in einem Naturschutzgebiet nicht unbehelligt leben darf. «Unglaublich» sei das, sie habe sich «sehr geärgert», meint die Frau. Sie treffe jeden Morgen Leute, die sich ebenfalls ärgern über die Art und Weise wie hier vorgegangen werde. Nicht nur wurde der Damm in den letzten Wochen mehrfach komplett weggeräumt, sondern auch Bibersperren wurden installiert. Das sind einfache Balkenkonstruktionen mit angehängten Pet-Flaschen, die knapp über dem Wasserlauf baumeln. Sowas mögen die Nager offenbar nicht.

Dass es in einem Naturschutzgebiet zu solch rigorosen Eingriffen kommt, erscheint paradox. Tatsächlich gibt es anderswo mehr Konfliktpotenzial, vor allem da, wo der Biber landwirtschaftliche Kulturen abfrisst, unter Wasser setzt oder Strassen und Wege untergräbt.

Lösen die Biberbauten bei Spaziergängern am Flughafen und unter Naturfreunden meistens Bewunderung aus, so bereiten die fleissigen Vierbeiner den Biologen der kantonalen Fachstelle Naturschutz in Zürich in diesem Fall eher Sorgenfalten. Denn der primäre Auftrag der Fachstelle ist es, die Moorgebiete instand zu halten.

Dazu gehört eine jährliche Mahd, was momentan wieder überall im Kanton beobachtet werden kann, auch im Neeracherried. Denn wird ein Moorgebiet nicht mindestens einmal pro Jahr gemäht, wächst es allmählich komplett zu, verbuscht und es bildet sich ein neuer Wald. Davon gibt es im Kanton jedoch schon grosse Flächen, deren Umfang durch das Waldgesetz ebenfalls geschützt ist. Und ohnehin ist der Wald in der Schweiz nicht gefährdet, im Gegenteil. Die Fläche nimmt stetig zu und nicht ab. Vor allem in bergigen Lagen oberhalb von 1000 Metern.

Moorschutz höher eingestuft

Der Flughafen mit den umliegenden Sumpfgebieten liegt zwar nur auf etwas mehr als 420 Metern über Meer, aber auch hier würden die Moore langfristig verwalden. Was früher die Bauern als Einstreu geschnitten haben auf den nassen, für den Ackerbau ungeeigneten Böden, das mähen heute die Angestellten der Fachstelle Naturschutz. Seit Annahme der Rothenthurm-Initiative 1987 ist der Moorschutz in der Schweiz nämlich auf Verfassungsstufe verankert, was die Kantone verpflichtet, die verbliebenen Gebiete aktiv zu pflegen, damit sie «ungeschmälert» erhalten bleiben, wird betont.

Grundsätzlich gelte es zu beachten, dass es neben dem Biber zahlreiche weitere geschützte Tier- und Pflanzenarten existieren, heisst es von den Fachleuten des Kantons auf Anfrage. «Viele dieser Arten haben einen höheren Gefährdungsstatus als der Biber und sind im Rückgang und nicht in Ausbereitung begriffen», gibt Wolfgang Bollack von der Medienstelle der Baudirektion – da ist die Fachstelle Naturschutz angegliedert – zu bedenken.

Auch Flughafen redet mit

«Beim Goldigen Tor hat die Stautätigkeit des Bibers dazu geführt, dass grosse, artenreiche Riedwiesen, welche Flachmoore von nationaler Bedeutung sind, fast bis zur Panzerpiste – teils mehrere Dezimeter hoch – überflutet wurden. Dadurch sind viele gefährdete und geschützte Arten, zum Beispiel sehr seltene Orchideen, vom Aussterben bedroht», erklärt Bollack. Diese Arten seien darauf angewiesen, dass die Riedwiesen gemäht werden, «was mit der Stauung nicht mehr möglich wäre.» Deshalb müsse man in solchen Fällen stets eine differenzierte Interessenabwägung nach objektiven Fachkriterien vornehmen. Dazu gehören gemäss Bollack der rechtliche Schutzstatus, der Gefährdungsgrad, die Seltenheit, Standortgebundenheit und Wiederherstellbarkeit des Bestands einer Art oder eines Lebensraums.

«Ich werde mich mit diesen Argumenten abfinden müssen, aber es fördert nicht gerade das Verständnis für den Naturschutz», findet die Naturliebende Winklerin. Letztlich lässt sich festhalten: Es gibt auch beim Naturschutz Hierarchien. Und die Schutzansprüche sind nicht für alle gleich hoch gewichtet. Zumal in den Gebieten am Flughafen auch noch die Luftfahrt einen gewichtigen Einfluss hat.

Abschüsse soll es nicht geben

Denn nicht Schutzansprüche von Tieren oder Pflanzen, sondern von Menschen sind es, die schon einmal dazu geführt haben, dass weiter nördlich im Gebiet Halbmatt massiv eingegriffen wurde beim Biber. Dort hatte die Flughafenbetreibergesellschaft interveniert: Zu gross war das Risiko eines Vogelschlages geworden bei einem startenden oder landenden Flieger auf der nahen Piste. Denn schaffen die Biber grosse Wasserflächen, zieht das unweigerlich Wasservögel an. Und so eine Ente oder ein Reiher im Triebwerk könnten fatale Folgen für die Passagiere haben. Deren Schutzanspruch spielt letztlich die gewichtigste Rolle, wenn am Flughafen Biber aktiv sind. Immerhin: «Eingefangen oder gar geschossen werden Biber im Übrigen nicht», erklärt Bollack. Das wäre nur im «äussersten Fall» zulässig und bringe auch kaum den gewünschten Erfolg. Denn ein geeigneter Lebensraum würde bald von einem neuen Biber besiedelt.

Erstellt: 16.09.2018, 14:24 Uhr

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