Bassersdorf

Typisch britisch auf Achse

Jörg und Monika Pfiffner aus Bassersdorf bringen seit 30 Jahren britisches Lebensgefühl ins Zürcher Unterland.

Doppeldeckerbusse entstanden im letzten Jahrhundert aus der Notwendigkeit, bei knappem Verkehrsraum mehr Fahrgastkapazität zu schaffen.

Doppeldeckerbusse entstanden im letzten Jahrhundert aus der Notwendigkeit, bei knappem Verkehrsraum mehr Fahrgastkapazität zu schaffen. Bild: David Küenzi

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Berühmte Städte definieren sich touristisch über Sehenswürdigkeiten, aber auch sogenannte Public Elements – Dinge, die es nur an diesen Orten zu sehen gibt. In Zürich sind dies das Grossmünster, der See, der Paradeplatz, aber auch das Sechseläuten oder die Street-Parade. Paris hat den Eiffelturm, New York die Skyline von Manhattan, Rio de Janeiro die Copacabana und den Karneval.

Die britische Hauptstadt London ist weltweit eine der viel besuchtesten Touristenmetropolen. Bauwerke wie Big Ben, Buckingham Palace oder Tower Bridge locken die einen, das Wembley-Stadion, die Pubs und Musikclubs oder die vielen Strassenmärkte die anderen. Allen gemeinsam ist, dass die sich garantiert einmal vor oder in einer roten Telefonkabine ablichten lassen und auf einem der gleichfarbigen Doppeldeckerbusse mitfahren – oder sie lassen sich von einem «Black Cab», einem schwarzen Taxi, herumchauffieren.

Firmengründung durch Zufall

Genau diese Liebe zur britischen Insel haben auch Jörg und Monika Pfiffner vor über 30 Jahren für sich entdeckt. «Eigentlich nur für die Autos und ihre Fahrzeugtechnik», präzisiert Jörg Pfiffner und fügt schmunzelnd hinzu: «Mit den Briten kommen wir zwar gut klar, aber sie sind im Umgang schon ein spezielles Völkchen.» Die Pfiffners haben aufgehört zu zählen, wie viele Male sie geschäftlich schon auf die Insel hinübergefahren sind. «50-mal sind es aber sicher schon», sagt Monika Pfiffner.

Die Gründung der eigenen Unternehmung in den 80er-Jahren, die Doppeldeckerbusse und London-Taxis vermietet, entsprang nicht einem Lebenstraum – Jörg Pfiffner ist gelernter Zimmermann, Monika Pfiffner hat beruflich einen kaufmännischen Hintergrund –, sondern war eher Zufall. «Wir wollten einen Doppeldecker kaufen und diesen in ein Wohnmobil umbauen», erklärt sie. Dann sei ihnen die Einsicht gekommen, dass sich Gesellschafts- und Ausstellungsbusse sowie London-Taxis gut vermarkten lassen. «Die Firmenidee war geboren, das Wohnmobil hat noch einige Jahre warten müssen.»

Inzwischen steht dieses ebenso in einem ehemaligen Flugzeughangar im Bassersdorfer Grindel-Industriequartier wie fünf andere Doppeldeckerbusse und zwei «Black Cabs». Daneben finden sich auf dem Londag-Firmenareal unzählige Dinge mit britischem Flair, die sich in den Jahren dort angesammelt haben. Reklame-, Blech- und Emailschilder von Bus- und Metrostationen, zwei der angesprochenen Telefonkabinen und, und, und ...

Die Pfiffners betreiben ihr Geschäft mit viel Leidenschaft. «Wir haben aus unserem Hobby einen Beruf gemacht, von dem wir leben können, aber abschalten oder zurücklehnen geht nicht, wir arbeiten eigentlich 365 Tage im Jahr», sagt Monika Pfiffner. Busse und Taxis erwirbt das Ehepaar ausschliesslich in Grossbritannien. «Wir kontaktieren Händler und Liebhaber solcher Fahrzeuge, sehen Angebote in Zeitschriften oder dem Internet. Da die alten Busse auch auf der Insel nicht mehr in Betrieb sind, wird es immer schwieriger, gute Angebote zu entdecken. Im Sommer finden praktisch jedes Wochenende irgendwo in England Treffen der Bus-Enthusiasten statt, diese haben wir schon oft besucht. Auch in Museen sind wir schon fündig geworden», klärt Jörg Pfiffner auf.

Die Überführung der Doppeldeckerbusse von britischem auf Schweizer Boden ist immer ein kleines Abenteuer. «Die Originalfahrzeuge sind zwischen 4,12 und 4,40 Meter hoch, in der Schweiz gilt aber eine Höchstgrenze von 4 Metern. Ab Basel-Grenze eskortiert uns deshalb jeweils die Polizei durch die Stadt Basel bis Birsfelden. Ab dort wird eine Strecke vorgeschrieben bis Bassersdorf, auf Strassen, die keine tief liegende Brücken oder Unterführungen aufweisen», sagt er.

Dann geht die Arbeit aber erst richtig los. Die Busse werden bis auf ihre Einzelteile zerlegt, das Dach heruntergesetzt, einzelne Komponenten ersetzt, das gesamte Fahrzeug mechanisch instand gestellt, die 120-PS-Motoren durch neue mit 180 PS ausgetauscht. Dazu wird der Innenraum für Gesellschafts- oder Ausstellungsbusse umgestaltet.

Jörg und Monika Pfiffner erledigen all diese Arbeiten selber. Weil er auch schon Lastwagenladungen von Ersatzteilen aus England herüberholte, wird die Werkstatt in Bassersdorf auch von anderen Anbietern genutzt. «Es gibt neben uns noch ein Vermieter im Aargau und in Winterthur. Letzterer bringt seine Fahrzeuge bei Reparaturen zu uns», sagt Jörg Pfiffner.

Die schwierige Suche nach einem Nachfolger

Sie würden Doppeldeckerbusse und Taxis vor allem für Hochzeiten vermieten, erläutert Monika Pfiffner. Dazu kämen Geburtstage, Geschäftsanlässe oder -jubiläen. «Wir arbeiten aber auch mit dem Schweizerischen Roten Kreuz für ihre Blutspendeaktionen zusammen.»

Die Londag ist rechtlich eine Familien-Aktiengesellschaft. Dazu beschäftigen die Pfiffners acht bis zwölf freiwillige Chauffeure, die beruflich sonst ganz was anderes machen. «Sie haben alle das Car-Brevet und eine Zusatzausbildung, sonst könnten sie diese Ungetüme gar nicht bewegen», versichert Jörg Pfiffner. Die Busse hätten alle ein «Crashboxgetriebe». Heisst für den Fahrer: unsynchronisierte Schaltung, Doppelkupplung, Zwischengas, keine Servolenkung.

30 Jahre leben die Pfiffners ihre berufliche Leidenschaft – und denken deshalb langsam an den Ruhestand. «Da wir keine Kinder haben, ist die Suche nach einem Nachfolger nicht einfach», gibt Jörg Pfiffner zu bedenken. «Es müsste halt jemand sein, der bereit ist, genau so viel Aufwand reinzustecken.» Ihre Zukunft haben die beiden übrigens auch schon beweglich geplant. Schliesslich gibts ja da noch das Wohnmobil ...

Erstellt: 04.06.2015, 13:56 Uhr

Monika und Jörg Pfiffner haben ihr halbes Leben an Bord von Doppeldeckerbussen und London-Taxis verbracht. (Bild: David Küenzi)

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