Bildung

«Vielen Eltern fehlen die finanziellen Mittel ihre Kinder ans Gymnasium zu schicken»

Das Unterland verzeichnet an den Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium erneut ernüchternde Resultate. Eine Lösung lässt sich noch nicht erkennen.

Nicht für alle Schüler ist der Eintritt ins Gymnasium möglich.

Nicht für alle Schüler ist der Eintritt ins Gymnasium möglich. Bild: Sibylle Meier

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Seit Jahren schneiden Schüler aus den Bezirken Bülach und Dielsdorf an den Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium schlechter als der restliche Kanton ab. Auch dieses Jahr liegen sie deutlich unter dem Durchschnitt. Woran liegt das?

«Vielen Eltern in unserem Einzugsgebiet fehlen die finanziellen Mittel, ihre Kinder in bezahlten Kursen auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten zu lassen und auch das Gymnasium selber stellt sie vor finanzielle Herausforderungen», sagt Roland Lüthi, Rektor der Kantonsschule Zürcher Unterland (KZU). Obwohl die zentrale Aufnahmeprüfung für Chancengleichheit an den Zürcher Gymnasien sorgen sollte, ist diese oft nicht gegeben. Es herrschen grosse Unterschiede bei den finanziellen und sozialen Voraussetzungen unter den Schülern.

Fehlende Unterstützung

Diese unterschiedlichen Voraussetzungen zwischen den Gemeinden werden von der kantonalen Bildungsdirektion jährlich im sogenannten Sozialindex erfasst. Dieser setzt sich aus dem Anteil ausländischer Schülerinnen, Kindern aus Familien mit Sozialhilfe und solchen aus einkommensschwachen Familien und wird in einem Wert von 100 bis 120 wiedergegeben. Es gilt, je höher der Index, desto höher die soziale Belastung der Gemeinde.

Mit 115,6 Punkten weist die Gemeinde Opfikon einen überdurchschnittlich hohen Wert auf. «Für 84 Prozent unserer Schüler ist Deutsch nicht die erste Sprache», sagt Caspar Salgò, Gesamtschulleiter in Opfikon. Bei einigen dieser Schüler bestehe deshalb bereits von Anfang an Aufholbedarf. Ein Zeichen fehlender Intelligenz sei dies jedoch nicht. Vielmehr wären diese Schüler öfter mehreren Faktoren ausgesetzt, die den Übertritt ins Gymnasium erschweren.

So komme es vor, dass Schüler aus Familien mit Migrationshintergrund keinen eigenen Arbeitsplatz zur Verfügung haben. Auch seien beide Eltern berufstätig und könnten ihre Kinder nicht genügend unterstützen. Die Aufnahmequote ans Gymnasium erhöhen will man in Opfikon jedoch nicht. «Uns ist es wichtiger, dass die Schüler einen guten Anschluss finden.»

Soziale Faktoren

Anders so in Neerach, einer Gemeinde mit sehr tiefer sozialer Belastung. An der hiesigen Primarschule werden aufgrund der guten Ergebnisse keine besonderen Schlüsse gezogen. Laut Schulleiter Ivo Müller, ist es wegen jährlichen Schwankungen in den einzelnen Klassen schwierig, Aussagen über die Qualität der schulinternen Prüfungsvorbereitung zu machen. Hier ist die Schule auch auf die Kooperation der Eltern angewiesen. Dass viele Familien bildungsnah sind, merkt man auch im Schulgeschehen. «Im Einzelfall ist es nicht so aussagekräftig», erklärt Müller. «Aber grundsätzlich sind die Eltern unserer Schüler sehr interessiert und geben der Schule gute Rückmeldungen, was wir sehr positiv aufnehmen.»

In den letzten Jahren lässt sich jedoch auch ein weiterer Trend wahrnehmen: «Manche sagen, dass die besten Sekundarschüler nicht mehr ans Gymnasium gehen», so Lüthi. Dank der Berufsmatur und der Passerelle sei der Weg an die Universität längst nicht mehr nur den Gymnasial-Schülern vorbehalten. Zudem würden diese Schüler in der Lehre bereits Geld verdienen. Für die Familien stellt das eine weitere Entlastung dar.

Finanzielle Unabhägigkeit

Der KZU läuft zudem ein Ruf voraus, mit dem sich Lüthi nicht gänzlich anfreunden kann. «Über uns sagt man, dass wir uns sehr gut um unsere Schüler kümmern und dass wir überdurchschnittlich streng sind.» Dass die Aufnahmeprüfungen an der KZU strenger bewertet werden, weist Lüthi ab. Die zentrale Aufnahmeprüfung sehe genaue Regeln zur Bewertung vor, weshalb diese im ganzen Kanton gleich benotet werden. Neu bietet die KZU während der Probezeit auch Zusatzlektionen für Schüler mit ungenügenden Noten in Deutsch oder Mathematik an der Aufnahmeprüfung an. So will man die Ausfallquote weiter senken und äussere Faktoren mildern.

Lüthi ist weiterhin von der Qualität der Aufnahmeprüfung überzeugt, die Kritik lasse sich jedoch nicht ignorieren. Eine Abschaffung sei durchaus denkbar: «Ich kann mir eine Zukunft ohne Aufnahmeprüfung vorstellen.» Primarschullehrer seien statistisch gesehen nachweislich gut darin, die Gymi-Tauglichkeit ihrer Schüler zu bewerten.

Durch eine allfällige Abschaffung der Aufnahmeprüfung würde jedoch der Druck auf die Volksschullehrerinnen und -lehrer weiter steigen. «Besonders junge Lehrer wären einem immensen Druck ausgesetzt», stimmt Ivo Müller zu. Diese müssten ihre Notengebung noch vehementer verteidigen, als dies heute bereits der Fall ist. Die Aufnahmeprüfung für das ins Gymnasium wirkt so quasi als indirekter Schutz sowohl für Lehrer als auch Schüler.

Erstellt: 20.05.2019, 18:40 Uhr

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