Kloten

Asylheim mobilisiert die Anwohner

Im Mai steht in Kloten ein besonderer ­Zügeltermin an. Mindestens 30 Asylsuchende sollen aus dem Industriegebiet in ein Wohnquartier umziehen. Am Donnerstag lud der Stadtrat zu einer Info und die Klotener kamen in Scharen.

Die alte Containersiedlung bei der Pigna gehört der Stadt Kloten und steht frei. Ab Mai werden hier rund 30 Asylsuchende einquartiert.

Die alte Containersiedlung bei der Pigna gehört der Stadt Kloten und steht frei. Ab Mai werden hier rund 30 Asylsuchende einquartiert. Bild: Madeleine Schoder

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Klotens Stadtpräsident René ­Huber (SVP) unterstrich gleich zu Beginn, dass das Thema Asylunterbringung höchste Priorität geniesst in der Flughafenstadt. «Am liebsten hätte ich zwar gehabt, wenn niemand zu diesem Infoabend gekommen wäre – das hätte gezeigt, dass niemand Bedenken hat und es kein Diskussionsbedarf gibt», meinte er in überraschend lockerer Art. «Aber es ist gut, dass nun doch so viele gekommen sind», sagte er vor fast vollen Reihen im reformierten Kirchgemeindehaus. Gegen 100 Augenpaare blickten gebannt nach vorn. Umgehend fügte Huber sodann an, der Grossaufmarsch zeige ihm auch, dass eben doch gewisse Ängste und Sorgen vorhanden seien vor dem geplanten Zuzug von Asylsuchenden an die Rankstrasse. «Es gilt Fragen zu klären, und wir vom Stadtrat sind deshalb vollzählig da und wollen Sie auch informieren.»

In einer bereits bestehenden Containersiedlung – am Stadtrand zwar, aber in einem beliebten Wohnquartier – sollen fortan nämlich 30 Eritreer und Afghanen untergebracht werden. Sie waren in der ersten Januarwoche im Zuge der letzten grossen Welle mit einem Bahnbillett und ihrem Gepäck in den Händen aus verschiedenen kantonalen Asylzentren in die Flughafenstadt gekommen. Für Kloten – wie auch alle übrigen Zürcher Gemeinden bedeutet dies – pro 1000 Einwohner zwei Asylsuchende mehr aufnehmen zu müssen. «Das haben wir uns nicht ausgesucht», machte der Stadtpräsident klar, «un­sere Aufgabe ist aber nun, diese Herausforderung zu bewältigen.» Dann verwies Huber darauf, dass die Ursache für die momentane Zunahme solcher Unterbringungen in viel grösseren Zusammenhängen liege. «Letztlich ist es ein Problem, dass die ganze Welt zu verantworten hat», meinte er in Anspielung auf Kriege und Ausbeutung.

Hubers Stadtratskollegin Gaby Kuratli (CVP) übernahm und zeigte auf, dass Kloten mit der Zahl von 30 zusätzlichen Asylsuchenden noch verhältnismässig gut bedient sei. Denn beim Ausschaffungsgefängnis, ennet dem Flughafen bei Rümlang, bestünde schon ein Durchgangszentrum des Kantons. Da es auf Klotener Boden liege, werde es der Stadt fürs Gesamtkontingent angerechnet. «Sonst müssten wir noch viel mehr Leute selber aufnehmen».

Nähe zu Pigna als Sorge

Das vermochte manchen Anwohner aus dem neuerdings betroffenen Quartier Graswinkel/Geissberg nicht zu besänftigen. Ein Mann aus der Nachbarschaft der Containersiedlung meinte denn auch unverblümt: «Ich finde, die bisherige Unterbringung in der Zivilschutzunterkunft Dorfnest optimal, die Container an der Rankstrasse sind dafür unnötig.» Damit stand er nicht alleine da.

Viele Anwesende zweifelten, ob die Lage einer Asylunterkunft gleich neben der Pigna – einer Stiftung für Menschen mit Behinderung – sowie in der näheren Umgebung zweier Kindergärten wirklich geeignet ist.

Stadträtinnen auch betroffen

Ein Vertreter der Pigna erinnerte die Kritiker daran, dass die Ankündigung des Zuzugs von geistig Behinderten im Quartier vor bald 25 Jahren auch Kritik und Ängs- te ausgelöst hatte. Aus heutiger Sicht kaum verständlich, inzwischen ist die Pigna voll akzeptiert und bereichert die Stadt wie auch das Quartier. Auch die Kindergärten in der Nähe seien nicht gefährdet, versuchten die Verantwortlichen zu beruhigen. «Wir haben die neue Asylunterkunft nicht einfach so aus Spass irgendwohin platziert, wo es den Stadtrat nicht stört», gab Stadträtin Gaby Kuratli zu bedenken. «Ich wohne ja selber auch im Quartier und mit Priska Seiler Graf wohnt sogar noch eine zweite Stadträtin mit ihrer Familie dort.»

Für Verwirrung sorgte die unglückliche Erklärung, wie man die Betreuer der Asyl-Organisation Zürich (AOZ) in der Klotener Unterkunft erreichen kann. Ein Bürger ärgerte sich, dass die Nummer nur schwer zu finden sei im Internet, worauf ein Raunen durch den Saal ging. Als die Stimmung gehässiger zu werden drohte, sprang Stadtpräsident René Huber auf, denn er hatte die ­Kontaktnummer der AOZ in Kloten inzwischen über sein Smartphone im Internet heraus­ge­sucht. «Notieren Sie die Telefon­nummer doch gleich mit: 044 733 70 40», rief er in den Raum. Das beruhigte die Gemüter merklich, aber weitere Kritik folgte.

Betreuerin 24 Stunden dort

«Wer gibt mir die Sicherheit, wenn ich spätabends heimkehre?», wollte eine jüngere Angestellte aus dem Gastgewerbe ­wissen. «Und was tun Sie, wenn es sexuelle Übergriffe gibt?», rief wenig später eine andere Frau empört nach vorne. Ein Quartierbewohner fragte sodann: «Darf ich einer Frau überhaupt helfen oder wird dann alles wieder umgedreht und am Ende bin ich noch der Schuldige?» In betont nüchterner Art begegnete der Polizeichef von Kloten solcherlei Bedenken und schaffte es damit auch, die zeitweise etwas emotionalere Stimmung zu entspannen. «Sie wohnen in einem sicheren Quartier, Angst müssen Sie keine haben. Dank des Flughafens haben wir in Kloten immer einige Polizeibeamte mehr in der Nähe.» Die AOZ-Vertreterinnen – allesamt Frauen – wiesen dar­auf hin, dass auch die neue Unterkunft weiterhin 24 Stunden betreut sei.

In Kloten schläft sogar eine junge Frau in der Unterkunft und schaut zum Rechten. Sie und ihre Kollegin mit der Erfahrung aus einem Grosszentrum, wo Asyl­suchende aus elf Gemeinden betreut werden, versicherten unisono, dass in ihren Unterkünften noch gar nie ein Fall von sexuellen Übergriffen aufgetreten sei. Und in Kloten seien bislang auch sonst keinerlei nennenswerte Probleme mit den Asylsuchenden auf­getaucht, erklärte die zuständige Stadträtin Kuratli unterstützt von ihren Begleitern vorne am Tisch, während der Polizeichef neben ihr zustimmend nickte.

Erstellt: 19.03.2016, 08:19 Uhr

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