Nürensdorf

Aussen Unscheinbar – innen ein Bijou

Im Weiler Breite, zwischen Nürensdorf und Brütten gelegen, findet man die Kapelle St. Oswald. Das Kirchlein hat seinen Ursprung im 12. Jahrhundert und ist somit wohl das älteste Gebäude der Gemeinde.

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Auf den ersten Blick ist die Kapelle St. Oswald ein Kirchlein wie viele: Weisse Mauern, eine verschlossene Türe, ein rotes Dach, ein Türmchen mit Zifferblatt. Doch betrachtet man dieses Bauwerks näher, so findet man Interessantes, wie zum Beispiel die Bänke oder das Geläut.

Roland Böhmer vom Ressort Dokumentation der Kantonalen Denkmalpflege hat 2010, in Zusammenarbeit mit der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde, den politischen Gemeinden Bassersdorf und Nürensdorf sowie der Baudirektion Kanton Zürich, eine Broschüre über die Kapelle St. Oswald herausgebracht. Darin beschreibt er auf 32 Seiten, illustriert mit vielen Fotos, dieses in der Region einmalige Bauwerk.

Gleich auf den ersten Seiten erfährt man, dass die Kapelle von Breite erstmals 1370 als Filiale der Marienkirche von Kloten erwähnt wird. Auf Wunsch der Menschen von Breite teilte der Zürcher Rat den Weiler 1550 der Kirchgemeinde Bassersdorf zu, die sich erst dreissig Jahre zuvor von Kloten losgelöst hatte.

Zweistimmiges Geläut

Die Kapelle zeigt heute noch Stilmerkmale der romanischen Epoche. Im 14. Jahrhundert brannte sie nieder und wurde wieder aufgebaut. An den Brand erinnern noch heute Hitzeschäden wie Schalenbildung und Brandrötung an den Steinen des Mauerwerks.

Hoch oben im Türmchen hängen zwei Glocken. Dieses zweistimmige Geläut ist eine Rarität, weil vergleichbare Geläute meistens später erweitert wurden. Aktuell hörbar sind die Glocken zwei Mal am Tag. Um 11 und um 18 Uhr schlagen sie erst kurz die Stunde und legen anschliessend für einige Minuten so richtig los.

Früher wurden die Glocken durch zwei Seile in Bewegung gesetzt, heute geschieht das elektrisch. Über eine Treppchen gelangt man vom Innenraum der Kapelle zum Dachboden. Dort schlummert hinter einer Holztüre die 1970 stillgelegte Uhr aus dem Jahre 1775. Auch die Gewichte aus Sandstein und das Seil an welcher der Sigrist früher gezogen hat, stehen noch so bereit, als könnte man sie sofort wieder benutzen. Speziell an der Uhr ist auch, dass sie nur über einen Stundenzeiger verfügt.

Die Bänke

Den Innenraum der Kirche zieren Fresken mit Szenen aus dem Leben Christi. Doch die stimmungsvolle Ausmalung ist kein unberührtes Original aus dem Mittelalter, sondern wurde im Jahr 1920 von einem Restaurator übermalt und teilweise sogar nachempfunden. «Es war keineswegs selbstverständlich, dass die damalige Einwohnerschaft von Breite der Erhaltung der Wandbilder zustimmte. Die reformierte Zürcher Landbevölkerung stand nämlich kirchlichen Malereien aus dem katholischen Mittelalter skeptisch gegenüber», heisst es im Büchlein von Roland Böhmer.

Bis 1970 hatte die Kapelle St. Oswald eine Kanzel. Diese trug die Jahreszahl 1584 und war damit die zweitälteste Kanzel des Kantons. Sie stand mitten im Chor. Bei der Renovation 1969/70 wurde sie entfernt und durch den Abendmahltisch ersetzt. Sie behinderte die flexible Nutzung des Chors. Heute ist sie im Ortsmuseum Nürensdorf eingelagert.

Eine Besonderheit sind auch die Kirchenbänke. Das für sie verwendete Holz wurde 1647 geschlagen. Jedes der beiden Gestühle besteht aus zwei 5,4 Meter langen und aus einem einzigen Brett gefertigten Seitenwangen, in welche die Sitzbretter eingelassen wurden. Will man Platz nehmen, so muss man erst eine kleine Fitnessübung absolvieren, denn der Einstieg liegt knapp 40 Zentimeter über dem Boden.

Auf der Männerseite trifft man ziemlich komfortable Sitzgelegenheiten an, die zur aufrechten Haltung zwingen. Links, auf der Damenseite, sitzt es sich noch bequemer, weil das Brett der Lehne genau die Lendenwirbel stützt. Diese Art von Bestuhlung ist extrem selten. Im Kanton Zürich finden sich Vergleichbares nur noch in den Kirchen von Kyburg und Hausen bei Ossingen.

Die Kapelle St. Oswald heute

Dank eines Legates kann die Kirchgemeinde Bassersdorf-Nürensdorf in der Kapelle St. Oswald Serenaden ohne Eintritt und Kollekte durchführen. Viermal im Jahr lädt der Organist Christoph Schönenberger mit kreativen und witzigen Themen zum Konzert ein. Die Abende werden durch ein Rezitat von der Pfarrschaft begleitet.

Einmal im Jahr findet traditionsgemäss die GV des Waldhüttenvereines Breite-Hakab statt. Einmal im Monat ist Gottesdienst. Menschen aus Bassersdorf und Nürensdorf steht die Kapelle für Hochzeiten, Taufen und Abdankungen zur Verfügung. Auswärtige dürfen sie gegen eine Gebühr benutzen.

Janine Zemp, die ehemalige Anwaltssekretärin aus Kloten, ist seit zwei Jahren Sigristin der Kapelle. Die 49-Jährige schmückt beispielsweise das Gotteshaus vor Hochzeiten, tröstet Trauernde, arrangiert die Sitzkissen, wirft die Heizung an, sorgt für die Bepflanzung vor dem Eingang und dreht den alten Schlüssel für Interessierte auch schon mal ausserhalb der Öffnungszeiten. Vom Traumjob im Stundenlohn hat sie vor gut zwei Jahren in einem Inserat im «Zürcher Unterländer» erfahren.

«Mir gefällt der Kontakt zu den Menschen und meine Tochter Liv unterstützt mich mit Freude», sagt sie und erzählt, dass die Primarschülerin gerne im Sonntagskleid mit einem grossen Besen die Blätter von den Treppen fegt. Janine Zemp sagt: «Mir macht der Job Freude. Nur eines stimmt mich traurig: Selbst die Kapelle St. Oswald ist Ziel von Vandalen die Fenster zerschlagen und die Wände beschmieren.»

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 14.06.2017, 16:08 Uhr

MÄRTYRER ST. OSWALD

Die Kapelle ist dem frühchristlichen Märtyrer St. Oswald geweiht. An der Laibung des Chorbogens ist sein Brustbild zu sehen. St. Oswald lebte anfangs des 7. Jahrhunderts und war König von Northumbien im heutigen England. Mit ihm auf dem Bild ist immer auch ein Rabe. Bei Oswalds Krönung stelle sich nämlich heraus, dass das für die Salbung nötige Öl ranzig war. Der Rabe brachte darauf ein Gefäss mit neuem Öl und einen Brief des heiligen Petrus, aus dem hervorging, dass dieser das Öl selbst geweiht hatte. Oswald ist Schutzpatron der Schnitter und des Viehs und man rief ihn zum Schutz vor der Pest an. beb

Infobox

Die nächsten Gottesdienste in der Kapelle St. Oswald finden am Sonntag, 2. Juli und Sonntag, 6. August jeweils um 14.15 Uhr statt. Serenaden sind am Freitag, 8. September und Freitag, 8. Dezember jeweils um 20.15 Uhr.

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