Winkel

Bedrohte Kiebitze brüten beim Flughafen

Der Kiebitz ist vom Aussterben bedroht: Landesweit zählte man 2018 nur noch 206 Paare. Birdlife Schweiz hat den Kiebitz darum zum Vogel des Jahres gekürt. Erfreulicherweise brütet der Vogel noch alljährlich auf einer geschützten Fläche in Winkel.

Ein Federbällchen auf zwei Beinen wuselt übers Kies und verschwindet flugs im hohen Gras. Ein zweiter kleiner Kiebitz trippelt einen Tümpel entlang, pickt da und dort im Schlamm, gefolgt von zwei weiteren Küken.

Mathias Ritschard beobachtet die vier Vogelbabys durchs Fernrohr. Sie sind erst vor drei Tagen geschlüpft und noch so klein, dass man sie von blossem Auge übersehen würde. Im Fernrohr aber sieht Ritschard die schwarz-braun gesprenkelten Küken auf dem erdfarbenen Boden genau.

Kiebitz-Küken fressen schon kurz nach der Geburt selbstständig.

Perfekt getarnt

Der Biologe ist begeisterter Ornithologe und weiss, was kleine Kiebitze brauchen, bis sie nach rund vier Wochen flügge sind: kleine Spinnen, Käfer und vor allem Insektenlarven, die auf feuchten Stellen im Frühsommer zahlreich vorkommen. Denn Kiebitzeltern füttern ihre Jungen nicht.

«Sobald ein Greifvogel angeflogen kommt oder ein Fuchs sich anschleicht, warnt die Mutter ihren Nachwuchs mit Rufen»

Die Küken müssen, kaum geschlüpft, selbstständig nach Nahrung suchen. «Die Eltern führen sie aber zu nahrungsreichen Stellen», sagt Ritschard und zeigt auf einen erwachsenen Kiebitz, der einige Meter entfernt von den Kleinen steht.

Es ist die Mutter, die über ihren Nachwuchs wacht. «Sobald ein Greifvogel angeflogen kommt oder ein Fuchs sich anschleicht, warnt sie ihren Nachwuchs mit Rufen», weiss Ritschard. Dann würden sich die Kleinen auf den Boden ducken und reglos warten, bis die Gefahr vorüber ist. «Solange die Küken nicht fliegen können, sind sie leichte Beute für Jäger aus der Luft und am Boden.»

Die Kiebitz-Mamma wacht aufmerksam.

Vogel des Jahres

Ritschard arbeitet beim Oekobüro Orniplan und sammelt im Auftrag von Birdlife Schweiz die Daten zu den Kiebitzbruten im Land, führt Statistik und verfasst alljährlich den Bericht dazu.

Die vier Küken sind aber auch für ihn ein aussergewöhnliches Erlebnis. Denn der Kiebitz ist hierzulande so selten geworden, dass er vom Aussterben bedroht ist. Nur noch 206 Paare brüteten vergangenes Jahr in der Schweiz.

Um 1975 wurde der Bestand noch auf über 1000 Paare geschätzt. Um die Bevölkerung auf das Tier mit dem kecken Federschopf aufmerksam zu machen, hat es Birdlife Schweiz zum Vogel des Jahres ernannt.

Plötzlich waren sie alle weg

Erfreulicherweise brütet der Kiebitz noch in Winkel. Die vier Küken sind auf einer geschützten Fläche namens Grabenwis geschlüpft. Diese erstreckt sich auf drei Hektaren zwischen Flughafenzaun und Autobahn.

Diesen Frühling haben da elf Kiebitze gebrütet. Ritschard und sein Team von freiwilligen Helfern konnten an einem Tag über dreissig Küken zählen – ein Rekord für die Grabenwis.

«Vom Bruterfolg her ist die Grabenwies eines der besten Gebiete der ganzen Schweiz.»

Doch zwei Tage nach der Zählung waren bis auf zwei grössere alle Küken weg. «Die Freiwilligen, die alle paar Tage die Kiebitze gezählt haben, waren fassungslos», erzählt Ritschard. Ob das nasskalte Wetter schuld war, ob ein Fuchs über den Elektrozaun gesprungen und die Küken gefressen hat, ob ein Mäusebussard abgeräumt hat: Die Ursache für das Verschwinden der Küken wird man nie wissen.

^ Ein Elektrozaun schützt die Kiebitze vor Räubern. Doch möglicherweise hat ein Fuchs das Hindernis übersprungen.

«Es ist nicht ganz aussergewöhnlich», sagt Ritschard. «Der Kiebitzbestand ist immer schwankend.» In einigen Jahren werden viele Jungvögel flügge, in anderen jedoch nur wenige. Laut Vogelwarte müssen pro Brutpaar 0,8 Küken flügge werden, damit der Kiebitzbestand erhalten bleibt. «In der Grabenwis waren es im Jahr 2018 pro Kiebitzpaar 1,33 flügge Küken. Vom Bruterfolg her war es eines der besten Gebiete der ganzen Schweiz.»

Auf Hilfe angewiesen

Was macht die Grabenwis denn so attraktiv für den Kiebitz? «Hier finden sie Feuchtstellen und offenen Boden zur Nahrungssuche. Das gibts nur, weil der Kanton die Vegetation regelmässig zurückbindet und die Flächen offen hält. Und weil man die Nester mit einem Elektrozaun schützt.»

Früher hat das Militär die Fläche für Fahrübungen genutzt. Der Kanton hat sie danach mit Kies aufgeschüttet und umzäunt. Tierarten wie der seltene Flussuferläufer, die Kreuzkröte oder eben der Kiebitz haben den neu geschaffenen Lebensraum dann rasch besiedelt.

Jungvögel ziehen ab

«Ich kenne keinen anderen Ort, wo auf so kleinem Raum so viele Kiebitze brüten.» Kiebitze seien allgemein sehr standorttreu. «Fast alle Altvögel kommen wieder in das Gebiet zurück, wo sie im Vorjahr gebrütet haben», sagt der Vogelexperte.

«Die Jungvögel aber streifen umher. Später lässt sich etwa die Hälfte im Umkreis von fünf Kilometern um den Geburtsort nieder.» Die vier Küken aus Winkel werden also – sofern sie denn überleben – wahrscheinlich woanders brüten.

Flughafen als Brutort

Um den Flughafen sind seit Jahren Bruten bekannt. Im Areal Grabenwis geht die Datenreihe auf das Jahr 2000 zurück. Damals notierte man drei Bruten. Ältere Neststandorte sind innerhalb des Flughafenareals bekannt, im 2007 zählte man elf Paare im umzäunten Gelände. Doch seit 2014 hat der Kiebitz das Flughafengelände verlassen.

Wenn Ritschard die Kiebitze in der Grabenwis oder einem anderen der 34 Brutplätze landesweit zählen will, so sucht er den Boden geduldig mit dem Feldstecher oder dem Fernrohr ab.

Mathias Ritschard auf Kiebitzsuche.

Wenn er dann kleine Federbällchen entdeckt, die über offene Flächen trippeln, so weiss er: Der Aufwand zum Schutz des Kiebitzes lohnt sich. Er ist überzeugt: Solange der Mensch den Kiebitzen noch geeigneten Raum überlässt, wird der bedrohte Vogel hierzulande überleben. (Anna Bérard )

Erstellt: 19.07.2019, 11:53 Uhr

Sommerserie

Der heutige Artikel über Kiebitze ist Teil 3 der Serie, in welcher der ZU sich mit der Beziehung von Mensch und Tier befasst.

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