Nürensdorf

«Beim Stein gibt es keinen zweiten Versuch»

Mit 14 Jahren wusste Melanie Sterba bereits, dass sie Steinbildhauerin werden will. Als Ausnahmetalent aus Oberwil überzeugte die junge Frau ihren Lehrmeister.

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Der Anblick einer jungen Frau in traditioneller Handwerkskluft aus schwerem Leder ist ungewohnt. Für die selbständige Steinbildhauerin Melanie Sterba ist die derbe Kleidung jedoch ein Muss: «Etwas anderes würde der Arbeit gar nicht standhalten.» Das Atelier an der Brüttener Strasse in Oberwil teilt sich die 21-jährige mit ihrem ehemaligen Lehrmeister Ralph Höck.

In der einstigen Schmitte von 1840 sorgt ein alter Holzofen für heimelige Wärme. An einer Barockkonsole, die Sterba nach dem Vorbild eines hölzernen Originals aktuell in Sandstein anfertigt, erläutert sie den Umgang mit dem Punktiergerät: «Man fixiert es an drei Stellen, so lässt sich jedes Gipsmodell millimetergenau auf den Stein übertragen». Was übersteht, schlägt sie konzentriert mit dem geeigneten Eisen ab. «Fehler kann man sich nicht leisten –beim Stein gibt es keinen zweiten Versuch.»

Unbeirrt zur Perfektion

In der Schule glänzte Sterba vor allem im Zeichenunterricht. Grafikerin zu werden lag nahe, doch die Arbeit am Computer langweilte sie während des Schnupperpraktikums. Auf der Suche nach Alternativen stiess sie auf die Steinbildhauerei. Viel Draussen sei man da, die Arbeit sei kreativ, aber hart – doch gerade die Körperlichkeit des Berufes reizte sie.

Als ihren Lehrmeister hatte sie Ralph Höck ausgewählt, doch erwies dieser sich als «harter Brocken»: Mit Kindern und Jugendlichen könne er nichts anfangen, auch hätte er weder Kantine noch WC im Atelier. Melanie Sterba liess sich nicht beeirren und konnte Höck beim Zeichnen, Modellieren und Gipsen von ihrem Talent überzeugen. Als sie den ersten Stein hauen durfte, war klar: «Ich hatte meine Berufung gefunden.» Das bemerkten auch die Lehrer an der Berufsschule in St. Gallen, wo sie bald Narrenfreiheit genoss. «Ich brauchte mich nicht gross mit Papierkram rumzuschlagen.» Die praktische Arbeit lag ihr umso mehr.

Während der vierjährigen Ausbildung spezialisierte sie sich auf die figürliche Bildhauerei. Gemeinsam mit Höck fertigte sie die lebensgrosse Skulptur einer liegenden Frau aus Carrara-Marmor. Eine «superspannende Arbeit», die sie in diesem Jahr auf die Titelseite des deutschen Fachmagazins «Naturstein» brachte. «Anatomie, Faltenwurf, Gesichtsausdruck – alles musste stimmen», betont sie ihren Anspruch auf Perfektion. Doch erst einmal war ihr Durchhaltevermögen gefragt: «Bei drei Tonnen Stein dauert es Wochen, bis man überhaupt etwas sieht.»

Arbeiten vor Publikum

Die Ausbildung schloss sie 2014 mit Bestnoten ab. Seither arbeitet sie sechs Tage pro Woche und hat auch ohne Werbung und Webseite Aufträge genug für das kommende Jahr. «Unter Zeitdruck bringe ich die besten Ergebnisse.» Bereits 2013 gewann sie den europäischen Nachwuchswettbewerb auf der Messe Stone + Tec in Nürnberg. «Das Arbeiten auf der Bühne vor hunderten von Zuschauern war speziell», erzählt sie. Doch Präsentieren gehört für sie zum Job. «Auch ein Superprodukt muss man verkaufen können, wenn man davon leben will.»

Körper als Instrument

Ihre Kunden kommen vorwiegend von der rechten Zürichseeküste, doch fertigt sie auch für die Region. So demonstrierte die Bassersdorferin ihr Handwerk auf dem diesjährigen Gwerblerfäscht und begann auf dem Stand eines Sanitärgeschäfts mit einem überdimensionalen Wasserhahn aus Stein. Während des Nürensdorfer Martinimärts widmete sie sich der Renovierung des Dorfbrunnens und beantwortete Fragen aus der Bevölkerung. «Seitdem werde ich sogar beim Einkaufen auf meine Arbeit angesprochen.»

Sterbas Traum ist es, eine monumentale Figur, drei oder gar fünf Meter hoch, aus einem Block zu schaffen. Momentan wartet das Gipsmodell eines gut zwei Meter hohen Frauenakts darauf, in Stein übertragen zu werden. Der Übergang von Handwerk zu Kunst sei fliessend, doch schätze sie auch ihren «Brotberuf», dazu gehört die Arbeit auf Friedhöfen. «Für die Zweitbeschriftung von Grabsteinen bin ich bis ins Bündnerland unterwegs.» Nur wenige Kollegen verfügen über Technik und Kondition, dies vor Ort vorzunehmen. Drohenden Rückenproblemen beugt sie mit täglichem Krafttraining vor. Der Körper sei schliesslich ihr wichtigstes Instrument: «Ich möchte noch mit 80 in der Werkstatt stehen können.»

Die Freizeit verbringt sie mit Zeichnen und dem Sammeln von antiken Möbeln und Tierschädeln. Letztere findet sie in Nordafrika, durch das sie jedes Jahr mit dem Geländewagen reist. Die Leidenschaft zu alten Land Rovern teilt sie mit Ralph Höck und Karin Fiechter, der dritten Kraft im Atelier in Oberwil.Martina Kleinsorg Alleine das Werkzeug zeigt schon, dass die Steinbildhauerei nichts für zarte Hände ist.

Erstellt: 04.12.2015, 13:35 Uhr

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