Bülach

Das fast tödliche Glas Bier

Seine Erinnerungslücken halfen einem 29-jährigen Kosovaren nichts. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er einen Mann mit einem Bierglas lebensgefährlich verletzte.

Weil er mit einem Bierglas einen Mann lebensgefährlich verletzte, kassiert ein 29-Jähriger eine mehrjährige Freiheitsstrafe.

Weil er mit einem Bierglas einen Mann lebensgefährlich verletzte, kassiert ein 29-Jähriger eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Bild: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es muss ein schlimmer Anblick gewesen sein. Vor einer Bar liegt ein Mann in seinem eigenen Blut am Boden und schreit: «Ich sterbe, ich sterbe.» Wie sich später im Spital herausstellen wird, ist der 36-jährige Slowake tatsächlich nur knapp dem Tod entronnen. Der Mann weist an vier Stellen im Kopf- und Halsbereich Schnittwunden auf. Seine Wirbelsäulenarterie muss genäht werden, dabei verliert er zusätzlich zweieinhalb Liter Blut.

«Ohne notärztliche Versorgung führt eine solche Verletzung zu einer Schädigung des Gehirns oder zum Tod», bestätigte denn auch eine Fachärztin für Rechtsmedizin bei der Verhandlung, die am Dienstag am Bezirksgericht Bülach stattfand. Der Medizinerin kam bei diesem Fall eine wichtige Rolle zu. Der 29-jährige Kosovare, dem vorgeworfen wurde, für die lebensgefährlichen Verletzungen des Slowaken verantwortlich zu sein, wollte sich nämlich nur noch sehr bruchstückhaft an jenen Abend im September 2018 erinnern. Wenn doch Erinnerungen auftauchten, unterschieden sich diese wesentlich von den Schilderungen des Opfers, das vor Gericht als Privatkläger erschien.

Angriff mit Vorspiel

Die beiden Männer begegneten sich an diesem Abend in einer Bar in der Nähe des Flughafens zum ersten Mal. «Der Beschuldigte ist gegenüber einem älteren Mann ausfällig und handgreiflich geworden», sagte der Slowake. Er habe ihm deshalb seinen Arm von hinten um Hals und Oberkörper gelegt, um ihn wegzuziehen: «Er hat sich umgedreht und mir Faustschläge verpasst.» Der Kosovare dagegen sagte, der Halsgriff sei so stark gewesen, dass er Todesängste ausgestanden habe. Die Rangelei führte dazu, dass der Beschuldigte gegen Mitternacht von den Türstehern vor das Lokal gebracht wurde. Dort trank er, auf einem Blumentrog sitzend, ein Glas Bier.

Nach etwa 20 Minuten verliess dann das spätere Opfer in Begleitung eines Freundes das Lokal. Was dann genau geschah, steht bis heute nicht fest. Unbestritten ist aber, dass der Kosovare seinem Gegenüber ein Glas Bier ins Gesicht schüttete – ob als Angriff oder zur Verteidigung, muss ebenfalls offenbleiben. Daraufhin sei er von den beiden mit Schlägen traktiert worden und habe sich verteidigt, so die Version des Beschuldigten. Es sei möglich, dass das Glas dabei zu Bruch ging: «Ich habe aber nie jemanden damit geschlagen.» Blut habe er keins gesehen: «Ich bin aufs Fahrrad gestiegen und nach Hause gefahren.»

«Wuchtige Bewegungen»

Die Verletzungen liessen sich durch eine Verteidigung nicht erklären, so die Rechtsmedizinerin: «Es müssen mindestens zwei wuchtige Bewegung in verschiedene Richtungen ausgeführt worden sein.»

So sah das auch der Staatsanwalt. Er forderte eine Freiheitsstrafe von neun Jahren wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und eine Landesverweisung von acht Jahren: «Aggression und Enthemmung passen zum Alkohol- und Kokainkonsum des Beschuldigten.» Der Eisenleger wohnt seit neun Jahren in der Schweiz, spricht kaum Deutsch und ist dreifach vorbestraft, unter anderem je einmal wegen Raufhandels und wegen Drohung. «Integration sieht anders aus», fasste der Staatsanwalt zusammen.

Seinem Mandanten sei von Beginn weg ein negatives Image verpasst worden, machte der Verteidiger geltend und kritisierte das «schlampige Vorgehen» der Kantonspolizei. So habe die Erstbefragung ohne Anwalt und Dolmetscher stattgefunden. Der Privatkläger sei unglaubwürdig, zumal er zum Tatzeitpunkt selber stark alkoholisiert und aggressiv gewesen sei. «Mein Mandant hat sich nur verteidigt und dabei das Bierglas schützend vors Gesicht gehalten.» Allenfalls handle es ich um einen entschuldbaren Notwehrexzess.

Für eine Notwehrlage habe die Gefahr gefehlt, fand dagegen das Gericht – vor allem nachdem der Beschuldigte seinem Gegenüber das Bier ins Gesicht geschüttet habe. Es verurteilte den Mann am Mittwoch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren. Er wird für acht Jahre des Landes verwiesen und muss die Verfahrenskosten tragen. «Die Aussagen der Zeugen und des Privatklägers waren zwar nicht deckungsgleich, aber insgesamt stimmiger als jene des Beschuldigten», begründete der Vorsitzende das noch nicht rechtskräftige Urteil. Zu diesem hätten insbesondere auch die Ausführungen der sachverständigen Medizinerin beigetragen.

Der Privatkläger erhält 10000 Franken Genugtuung. Seine Rechtsvertreterin hatte 50000 Franken gefordert. Er war zwar rasch wieder arbeitsfähig und wird keine Schäden davontragen. Nach seinen Angaben leidet er bis heute unter Schlafstörungen.

Erstellt: 28.08.2019, 18:32 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben