Kloten

«Das Sammeln ist eine Art Jagdtrieb»

Erich Bindschädler sammelt seit Jahrzenten allerlei Gegenstände, vor allem alte Technik. Seine unzähligen Antiquitäten sind an diversen Orten in der Schweiz aufbewahrt, ein Teil davon befindet sich in Kloten.

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«Erich, wieso kaufst du immer solch alten Grümpel?» fragte ihn seine Mutter, wenn er wieder ein antikes Telefon zuhause angeschleppt hatte. Abschliessend beantworten kann Erich Bindschädler diese Frage wohl bis heute nicht. «Es ist eine Art Jagdtrieb», beschreibt der 73-Jährige seine Leidenschaft für Antiquitäten.

Das Ausmass seiner «Sammelwut» zeigt sich eindrücklich beim Betreten des Lagers, das sich in den Kellerräumen in einer Klotener Wohnsiedlung befindet. Eine Schreibmaschine, wie der Autor Ernest Hemingway sie hatte, ein Volksempfänger aus der Zeit des Nationalsozialismus, ein Flugzeugmodell der 1970 abgestürzten Swissair Coronado und eine Brotschneidmaschine von Gottfried Keller.

An der Wand reihen sich Telefonapparate aus vergangenen Jahrhunderten, in einem Regal stehen unzählige Modelle von Oldtimer-Autos, Zügen und Dampfmaschinen. Erich Bindschädler hat auch einen Staubsauger samt Bedienungsanleitung, schätzungsweise aus den 1950erJahren: «Als dieser rauskam sagte man den Hausfrauen, sie hätten kaum noch was zu tun», erzählt er mit einem Lachen.

«Jeder Gegenstand hat eine Geschichte», pflegt der Antiquitätenhändler zu sagen. Und er kennt sie fast alle.

Technik von 1880 bis 1950

Trotz der riesigen Vielfalt an Objekten hat Erich Bindschädler beim Sammeln zwei Fokusse: «Ich konzentriere mich auf Technik von 1880 bis 1950 sowie auf historische Wertpapiere aus den letzten drei Jahrhunderten.» In Kloten befindet sich hauptsächlich die Technik. Die Wertschriften – es sind etwa 30 000 Stück – sind an einem anderen Ort gelagert.

Das Sammeln zum Beruf gemacht hat Erich Bindschädler erst Anfang der 1990er-Jahre. Zuvor war es ein Hobby, das er schon früh begann. Aufgewachsen ist er in der Zürcher Altstadt, wo es zahlreiche Antiquitätenläden gab, an deren Schaufenstern er kaum vorbeilaufen konnte, ohne etwas zu kaufen. 1961 begann er eine kaufmännische Ausbildung in einem Eisenwarengeschäft. Ein Grossteil seines Lehrlingslohnes ging für den «alten Grümpel» drauf. Ende der 1960er Jahre, nach der «Stifti», und Aufenthalten in Brüssel und Paris, zog Erich Bindschädler nach Dübendorf.

Dort eröffnete er 1971 sein eigenes Eisenwarengeschäft, in dem er über 20 Jahre arbeitete. «Dann hat es mir keine Freude mehr gemacht und ich habe das Unternehmen übergeben.» Endlich war die Gelegenheit gekommen, aus der Vorliebe für Antiquitäten ein Geschäft zu machen. 1993 erfüllte er sich dann den lang ersehnten Wunsch.

Der Laden lief gut

An der Löwenstrasse im Zentrum der Stadt Zürich eröffnete Erich Bindschädler den «Collectors Corner» – die Sammler Ecke. Doch der Mietvertrag war nur befristet und nach einem Jahr musste er schon ein neues Ladenlokal suchen. Fündig wurde er gleich in der Nähe, an der Beatengasse. Die Miete war dort zwar um ein Vielfaches höher, doch da das Geschäft gut lief, konnte er sie sich leisten. Verkauft hat er in seiner Antiquitätenhandlung ähnliche Ware, wie er heute in Kloten lagert: «Alte Technik und viele grosse Standuhren. Aber ich hatte von allem viel mehr als hier.»

Nach einigen Umzügen mit dem Laden führt Erich Bindschädler nun lediglich noch ein kleines Brockenhaus in Brüttisellen, das «Sammler Brocki». In Kloten lagert er alles, für das er zuhause keinen Platz mehr hat, es sei eine Art Privatmuseum. Der redselige Mann lebt heute zusammen mit seiner Frau ebenfalls in Brüttisellen.

Die Leute brachten ihre Ware

Wie viele Sammlerstücke er überhaupt hat, weiss Erich Bindschädler nicht. Er führe nicht mehr Buch darüber.

Zu seinen Anfangszeiten als Antiquitätenhändler reiste er noch in ganz Europa umher, um besondere Stücke zu finden. «Als ich dann das Geschäft eröffnete und eine festen Sitz hatte, kamen die Leute irgendwann zu mir und brachten Zeug, das sie verkaufen wollten.» Durch die Arbeit habe er sehr viele Kontakte geschlossen, unter anderem auch mit Museen, die ihm Objekte geben, die sie nicht in ihrer Ausstellung haben wollen.

Ansonsten hat er viele seiner Stücke von Räumungen. «Wenn zum Beispiel ältere Menschen von einem grossen Haus in eine kleinere Wohnung ziehen und viel weggeben müssen, können sie sich bei mir melden. Ich kann ihnen sagen, was wie viel Wert ist.» Er wisse zudem, wo man am besten was verkauft. Es sei für jedes Stück individuell, wo sich am ehesten ein Käufer dafür findet, sei es auf unterschiedlichen Online-Plattformen oder per Annonce in Zeitungen.

Das Ziel ist, zu überliefern

Auf die Frage nach seinem Lieblingsstück ist Erich Bindschädler einen Moment still und überlegt. Er zeigt auf ein grosses Steuerrad mit einem Durchmesser von rund 1,40 Metern. «Das ist vom einzigen Schiff auf dem Vierwaldstädtersee, das abwrackte.»

Der Wert der Gegenstände sei für ihn nicht mehr relevant, er muss damit schliesslich auch kein Geld mehr verdienen. «Ich sammle, weil ich überliefern will», sagt Erich Bindschädler. «Ich habe einfach Freude daran. Und ich komme dadurch viel rum, habe zu tun und lerne Menschen aus alles sozialen Schichten kennen.» Einer seiner Söhne teilt die Faszination für Antiquitäten – dieser soll dann auch alles erben.

Erstellt: 18.07.2018, 15:35 Uhr

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