Bassersdorf

Das traditionelle Familienmodell fällt heute aus der Rolle

Die Sendung «DOK» am Donnerstag auf SRF 1 beleuchtet unter dem Motto «Zwischen Kind und Karriere» unterschiedliche Familienmodelle. Daniela und Patrik Spiess haben die klassische Aufgabenteilung bewusst für ihre Familie gewählt.

Das Ehepaar Spiess aus Bassersdorf hat sich bewusst für die klassische Rollenverteilung entschieden: Vater Patrik als Alleinverdiener, Kim (11), Vollzeit-Mami Daniela und Nina (9).

Das Ehepaar Spiess aus Bassersdorf hat sich bewusst für die klassische Rollenverteilung entschieden: Vater Patrik als Alleinverdiener, Kim (11), Vollzeit-Mami Daniela und Nina (9). Bild: Martina Kleinsorg

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Die Dreharbeiten fanden bereits im letzten Oktober statt – wie kam es zur Teilnahme?
Daniela Spiess: Ich habe einen Aufruf auf Facebook gesehen: Für den DOK wurde eine Familie gesucht, wo die Frau zu Hause bleibt und der Mann zu 100 Prozent arbeitet. In Absprache mit der ganzen Familie habe ich ein kurzes Bewerbungsmail an Michèle Sauvain von SRF geschickt. Nach einigen Mails und Telefonaten war das TV-Team für zwei Drehtage bei uns zu Hause und bei Patrik im Geschäft. Das Thema ist für uns natürlich aktuell, schliesslich leben wir mittendrin. Und wir fanden es auch für die Kinder spannend, selbst in einer Dokumentation mitzuwirken, wie wir sie sonst gemeinsam im TV schauen.

Sie haben sich für die klassische Rollenaufteilung entschieden. Wie haben Sie das als Paar ausgehandelt?
Daniela Spiess: Bereits mit dem Entschluss zur Familiengründung haben wir das diskutiert. Für mich war schon immer klar, dass ich sehr gern als Mami daheim bleiben würde. Ein Job gibt mir nichts, was mir die Familie nicht auch geben könnte.

Patrik Spiess: Wir sind beide in diesem traditionellen Modell ausgewachsen. Allerdings waren wir in der glücklichen Lage, etwa gleich zu verdienen. Daher haben wir auch überlegt, ob nicht ich zuhause bleibe. Doch schliesslich war es ein ganz bewusster Entscheid bereits vor der Geburt. Später haben wir es nicht mehr in Frage gestellt, weil es von Anfang an funktioniert hat.

Wie profitieren Sie im Alltag von der klassischen Rollenaufteilung?
Daniela Spiess: Wenn wir sehen, wie berufstätige Paare sich im Alltag organisieren müssen, – wer bringt wen, wann, wohin, Hausaufgaben noch am Abend um 7 Uhr machen müssen, Kinder nicht abmachen können, weil sie in der Krippe sind –, geniessen wir es sehr, auf niemanden angewiesen zu sein.

Patrik Spiess: Wir haben uns bewusst für Kinder entschieden. Denn sie der Karriere zuliebe fremd zu platzieren, bedeutet auch, einen Teil der Erziehung abzugeben. Ich freu mich, am Abend zu meiner Familie zu kommen und muss sie nicht erst irgendwo zusammensammeln. Wir sind einfach flexibler.

Welche Reaktionen erwarten Sie auf die Sendung?
Daniela Spiess: Unser Umfeld kennt ja unsere Situation. Fremde Menschen, die dasselbe Modell leben wie wir, werden sich wohl bestätigt fühlen. Ich bekomme bisher bereits viele Komplimente von älteren Leuten für unseren Entscheid. Kritisch sind wohl eher jene in unserem Alter, die anders leben als wir, vielleicht auch, weil sie anders aufgewachsen sind. Ich muss mich nicht rechtfertigen, weil ich ja zufrieden bin, so wie es ist.

Patrik Spiess: Wir stellen unser Rollenmodell als eines von vielen möglichen dar. Wir sind keine Verfechter davon und sagen, man muss so leben.

Begegnet Ihnen auch Neid, weil Sie sich dieses Familienmodell leisten können?
Daniela Spiess: Das können sich vermutlich viel mehr Leute leisten, es kommt halt immer auf die Einstellung an. Wir haben natürlich nicht den Anspruch, viermal im Jahr in die Ferien zu fliegen.

Patrik Spiess: Wir haben unser Leben meinem Lohn angepasst. Würde Daniela in Teilzeit arbeiten, ginge ein Teil für Fremdbetreuung drauf, aber vielleicht würden wir auch öfter verreisen oder ein dickeres Polster anlegen.

Als Vollzeit-Verdiener können Sie als Vater weniger Zeit mit den Kindern verbringen. Bereuen Sie das?
Patrik Spiess: Ja, Daniela ist schon hauptsächlich Erzieherin und ich bin nur am Abend oder Wochenende da, um sie zu unterstützen. Ich probiere natürlich, das berufliche Leben auf das Familienleben abzustimmen. Anfangs arbeitete ich im Aussendienst und kam oft erst heim, wenn die Kinder im Bett waren. Da hab ich schon mal ein, zwei Tage von ihrem Leben verpasst. Dann habe ich mir ganz bewusst einen Job mit geregelten Arbeitszeiten gesucht, der mir auch die Flexibilität bietet, einmal unter der Woche frei zu nehmen, so dass man mal einen lässigen Ausflug machen kann.

Dennoch tragen Sie die Last als Alleinernährer. . .
Patrik Spiess: Sicher spüre ich die Verantwortung und gehe weniger Risiken ein, als wenn ich Single wäre. Doch als Last empfinde ich es nicht. Ich bekomme von meiner Familie ja auch viel zurück. Klar diskutieren wir aber auch, was passieren würde, wenn ich den Job verlöre. Doch bislang haben wir immer Glück gehabt und waren noch nie in einer kritischen Situation.

Und wie gehen Sie als Vollzeit-Mami mit der finanziellen Abhängigkeit um?
Daniela Spiess: Am Anfang war es ungewohnt, doch wir haben uns geeinigt, dass auf mein privates Konto eine Art Sackgeld kommt, über das ich frei verfügen kann. Grössere Anschaffungen oder Ausgaben werden aber immer abgesprochen – nicht um zu fragen ‹Darf ich?›, sondern, dass man es voneinander weiss.

Patrik Spiess: Ich verdiene zwar das Geld, aber es ist deswegen nicht mein Geld – es ist unser Geld. Wenn sie mir davon ein Geschenk kauft, habe ich trotzdem Freude dran.

Sie stecken als Mutter 100 Prozent Ihrer Energie in die Familie – welchen Ausgleich haben Sie?
Daniela Spiess: Wenn ich mit meinem Mann alleine ausgehe, dann sind wir einfach nur ein Ehepaar und nicht noch Mami und Papi. Aber auch von der Harmonie zuhause tanke ich meine Energie.

Patrik Spiess: Es ist klar, dass Daniela neben dem Haushalt auch Zeit für sich braucht und mit Kolleginnen in den Ausgang geht. Schliesslich engagiere ich mich auch in Vereinen und habe dort meine Ämtli.

Wird der Wiedereinstieg in den Beruf zum Thema?
Daniela Spiess: Die Kinder werden älter, doch fühle ich mich deshalb nicht weniger gebraucht. Ab und zu schaue ich schon und bewerbe mich auch. Doch meist ist bereits die Überbrückung der Ferien ein k.o.-Thema. Der Job darf nicht die gemeinsame Familienzeit einschränken.

Patrik Spiess: Daniela ist nicht unter Druck und könnte sich die Rosinen raussuchen. Wenn die grosse saftige Rosine kommt. . .

Daniela Spiess: . . .ja, dann würde ich sie vielleicht picken.

«DOK: Zwischen Kind und Karriere» – der Film von Michèle Sauvain läuft am Donnerstag, 9. März, um 20:05 Uhr auf SRF1.

Erstellt: 07.03.2017, 15:47 Uhr

Zwischen Kind und Karriere

In mehr als der Hälfte der Schweizer Familien trägt die Frau mit Teilzeitarbeit zum Lebensunterhalt bei. Nur eine von zwanzig Familien hat Gelderwerb und Hausarbeit gleichberechtigt zwischen Vater und Mutter aufgeteilt. Für das traditionelle Rollenmodell «Alleinernährer und Vollzeit-Mami» entscheidet sich heute nur noch jedes fünfte Paar.

Der Bassersdorfer IT-Experte Patrik Spiess (41) und seine Frau Daniela (39), gelernte Bankkauffrau, mit zwei Töchtern im Primarschulalter, sind eine von drei Familien, welche «DOK: Zwischen Kind und Karriere» am Donnerstagabend auf SRF 1 porträtiert.

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