Bülach

Der Herzschlag einer ganzen Region

Die Biotronik AG in Bülach ist einer der drei grössten Unterländer Arbeitgeber. Der Medizintechnik-Hersteller wächst stark und beschäftigt Arbeitskräfte aus über 50 Nationen.

Im Reinraum entstehen unter dem Mikroskop filigrane Implantate, die weltweit angewendet werden.

Im Reinraum entstehen unter dem Mikroskop filigrane Implantate, die weltweit angewendet werden. Bild: Biotronik

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Als einer der weltweit führenden Hersteller von kardio- und endovaskulärer Medizintechnik mit Sitz in Berlin und Bülach ist Biotronik mit mehr als 5600 Mitarbeitern in über 100 Ländern präsent. Das Schweizer Herz des Medtech-Konzerns schlägt in Bülach. Im Firmensitz an der Ackerstrasse 6, an der Stadtgrenze zu Bachenbülach, vereinen sich seit 1999 deutsche Ingenieurskunst und Schweizer Präzision. Produkte für die vaskuläre Intervention, die für die Behandlung von Arterienverengungen im Herzen und in den peripheren Blutgefässen eingesetzt werden, finden dort ihren Ursprung. Das Resultat sind filigrane Implantate, die weltweit eingesetzt werden. In Bülach wird nicht nur produziert, sondern es werden auch innovative Produkte für die Zukunft erforscht und entwickelt, klinische Studien koordiniert und Marketingstrategien geschmiedet.

Biotronik ist einer der drei grössten Arbeitgeber im Zürcher Unterland (siehe Kasten). Und der Medtech-Betrieb wächst weiter: «Im Moment besetzen wir alleine in Bülach über 100 neue Stellen», sagt Daniel Bühler, CEO und Geschäftsführer der Biotronik AG. Bereits 2013 und 2014 seien pro Jahr jeweils 80 bis 100 neue Stellen dazugekommen.

Hauptgrund dafür ist ein Produkt mit Namen Orsiro, das die Bülacher über viele Jahre entwickelt und 2011 lanciert haben. Bei Orsiro handelt es sich um einen Stent, eine Spiraldrahtprothese in Röhrchenform, die zum Offenhalten von Herzkranzgefässen implantiert wird. Speziell daran ist die Hybridfunktion mit einer passiven Beschichtung zur Stentversiegelung und einer aktiven bioabsorbierbaren Medikamentenbeschichtung. «Mit diesem Produkt sind wir im Markt auf äusserst positive Resonanz gestossen», erklärt Bühler. «Um die grosse Nachfrage zu befriedigen, benötigen wir laufend zusätzliche Spezialisten, welche uns bei der Herstellung, Prüfung und beim Vertrieb unterstützen.»

Riesiger Reinraum

Für den Produktionsprozess findet sich im Hauptgebäude einer der weltweit grössten Reinräume, in dem unter hohen Hygienestandards lebensverbessernde oder lebensrettende Produkte hergestellt werden. Dass dieser Raum so gross angelegt werden konnte, hatte eigentlich eine negativ gefärbte Vorgeschichte. «Als Biotronik 1999 die früheren Schneider-Räumlichkeiten bezog (siehe Kasten), hatte der vorherige Besitzer fast sämtliche Produktionsmittel abgebaut», erzählt Bühler. «Das hat uns aber erlaubt, das Gebäudeinnere nach unseren Bedürfnissen anzulegen und umzubauen.» Im Moment wird im Reinraum in zwei Tagesschichten gearbeitet. «Wir planen aber, dass wir ab 2016 in drei Schichten rund um die Uhr produzieren können.»

Biotronik beschäftigt in Bülach inzwischen über 1000 Angestellte aus über 50 Nationen. 37 Prozent haben einen Schweizer Pass, 23 Prozent einen deutschen. Die restlichen 40 Prozent sind unter anderem Staatsangehörige aus Balkanländern, Portugal, Italien, Polen oder Thailand. «Ein Grossteil der ausländischen Beschäftigten ar­bei­te­ten bereits in der Schweiz, bevor sie zu Biotronik kamen. Unter den deutschen Angestellten sind viele Grenzgänger. Nur etwa 5 Prozent der Neuanstellungen rekrutieren wir direkt im Ausland», klärt Bühler auf. Eine externe Immobilienfirma hilft dem Medtech-Unternehmen, Wohnungen für die neuen Arbeitnehmer zu finden. «Ursprünglich hatten wir im Hauptgebäude zwei Wohnmöglichkeiten für Notfälle gehabt. Diese mussten wir wegen des Eigenplatzbedarfs aber inzwischen leider aufheben», sagt der CEO.

Angestellte einbinden

Biotronik versucht, seinen Angestellten zwecks besserer Einbindung inner- und ausserhalb des Arbeitsumfeldes zusätzlich Anreize zu bieten. Im Haupttrakt befindet sich ein eigenes Restaurant. Im Nebengebäude an der Grenzstrasse, wo unter anderen die Forschungs-, Entwicklungs- und Qualitätsabteilung sowie die Human Resources eingemietet sind, hat der US-amerikanische Multi Starbucks für Biotronik eine Kaffee-Ecke gebaut. Es gibt einen Bet- und Ruheraum für alle Religionen, Hilfe bei der Vermittlung von Krippenplätzen, vergünstigte Abonnemente für Fitnessstudios, Hallen- und Freibäder sowie vergünstigte Eintritte für Konzerte und Shows. Für das Mitarbeiterfest wurde die Bülacher Stadthalle gemietet. «Wir suchen laufend das Gespräch mit dem lokalen Gewerbe und versuchen dieses mit an Bord zu nehmen», sagt Bühler.

Ein so grosses und stark wachsendes Unternehmen ist natürlich ein wichtiger Steuerzahler für Bülach. «Das Verhältnis zur Gemeinde ist gut. Mindestens einmal pro Jahr sitzen wir mit dem Stadtrat zusammen und diskutieren über mögliche Probleme und deren Lösungen.» Aktuell stehen mehr Parklätze für Biotronik im Fokus. Neben dem Coop Bau + Hobby an der Feldstrasse soll aus diesem Grund ein neues Parkhaus entstehen (der ZU berichtete).

Ausweitung nach Singapur

Der CEO sagt aber offen, dass das Wachstum in Bülach Grenzen hat. «Schon rein physisch kann sich das Unternehmen vor Ort nicht mehr gross ausbreiten, auch wenn wir auf dem Hauptgebäude gerade eine weitere Etage errichtet haben.» Dazu könnten die aktuelle politische und wirtschaftliche Si­tua­tion in der Schweiz die Entwicklung beeinflussen. Für Firmen wie Biotronik wird wichtig sein, wie sich die bilateralen Verhandlungen mit der EU gestalten werden oder wie die SVP-Masseneinwanderungsin­itia­ti­ve konkret umgesetzt wird. «Ausserdem macht auch uns der starke Franken zu schaffen, da wir den Hauptteil unserer Produkte auf ausländischen Märkten absetzen.» Neben der Schweizer Zentrale für vaskuläre Intervention unterhält Biotronik weitere Produktions- und Forschungsstandorte an der deutschen Ostsee in Warnemünde und im US-Bundesstaat Kalifornien. Diese wichtigen Standorte werden in Kürze mit einem weiteren Standort in Singapur erweitert. «In Bülach werden keine Leistungen abgebaut», versichert Daniel Bühler. «Wir lagern nicht aus, sondern entschleunigen das Wachstum und erweitern.»

Seine Worte werden durch den Umstand bekräftigt, dass in Bülach bereits die nächste grosse Entwicklung vorangetrieben wird: eine Herzklappenprothese, die per Katheter implantiert werden kann. Diese wird vorwiegend von asiatischstämmigen Mitarbeiterinnen, die dafür eine sechsmonatige Zusatzausbildung absolvieren, unter dem Mikro- skop in einen extra dafür konstruierten Stent eingenäht. «Qualitativ hochstehende Entwicklungen wie diese sichern die Zukunft der Firma», erklärt Bühler abschliessend. «Billige Massenproduktion wird es bei Biotronik deshalb nicht geben.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 17.11.2015, 21:04 Uhr

Firmengeschichte

Biotronik wurde 1963 durch den Physiker Max Schaldach zusammen mit dem Elektro­ingenieur Otto Franke in Berlin gegründet und brachte ein Jahr später den ersten deutschen Herzschrittmacher auf den Markt. In Bülach stellte die Firma Schneider Europe – von Hugo Schneider 1977 in einer Garage in Zürich-Witikon gegründet – seit 1991 Ballonkatheter her. Das Zürcher Unternehmen wurde 1984 für 14 Millionen Franken vom US-amerikanischen Konzern Pfizer erworben. 1998 verkaufte Pfizer die Firma Schneider wiederum für 2,1 Milliarden Dollar an den Konkurrenten Boston Scientific, der das gut gehende Bülacher Unternehmen nur ein Jahr später dichtmachte und sämtliche Patente und Geräte in die eigenen Produktionsanlagen nach Irland verfrachtete. Die damalige Schneider-Chefin Heliane Canepa stiess mit einem eigenen Kaufangebot bei Pfizer auf taube Ohren. Die Ehefrau von FC-Zürich-Präsident Ancillo Canepa konnte aber die Biotronik-Gruppe für den Standort Bülach begeistern. 1999 übernahm die Berliner Firma, die immer noch in Privatbesitz ist, die Räume an der Ackerstrasse und etwa die Hälfte der bis­herigen 550 Schneider- Angestellten.

Inzwischen beschäftigt die Biotronik AG in Bülach rund 1000 Mitarbeitende, erwirtschaftet knapp ein Fünftel des gesamten Konzernumsatzes und gehört mit dem Flughafen und dem Spital Bülach zu den drei grössten Arbeitgebern im Zürcher Unterland. (red)

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