Rafz

Der schwarze Besen kommt in neue Hände

Sein Leben lang war Roland Schlagenhauf Kaminfeger. Seit 1991 betreute er seine Kundschaft in Rafz, Hüntwangen, Wasterkingen und Wil. Jetzt ist er pensioniert und legt seinen Betrieb in die Hände seines Nachfolgers Michel Bolli.

Der neue «Glücksbringer» Michel Bolli (links) übernimmt die Federbürste von Roland Schlagenhauf. Voll Tatendrang freut er sich aufs eigene Unternehmen.

Der neue «Glücksbringer» Michel Bolli (links) übernimmt die Federbürste von Roland Schlagenhauf. Voll Tatendrang freut er sich aufs eigene Unternehmen. Bild: Beatrix Bächtold

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Draussen zieht der Novemberwind eisig durchs Schaffhausische Ramsen. Drinnen in der Stube seines Elternhauses wärmt sich Kaminfeger Roland Schlagenhauf die Hände am Specksteinofen. Erst kürzlich, im September, hat er sein Geschäft an einen Berufskollegen übergeben und könnte sich nun eigentlich auf der warmen Ofenbank zur Ruhe setzen. Tut er aber nicht. «Ich mache das Jahr noch fertig», sagt er und klopft dabei zur Bekräftigung auf den Tisch.

Ein Roland Schlagenhauf hört nicht einfach so auf. Der Kaminfeger vom alten Schlag will zu Ende bringen, was er begonnen hat. Seinen Kunden hat er den Wechsel mitgeteilt und so trudeln täglich Glückwunschkarten bei ihm ein, so wie jetzt gerade: Seine Frau Brigitte, die für seinen Einmannbetrieb das Büro gemacht hat, bringt ihm wieder ein solches Schreiben und legt es auf den Tisch. «Schön ist das», sagt Roland Schlagenhauf.

Lehre mit Familienanschluss

Seine Lehre als Kaminfeger begann Schlagenhauf 1969. Der damals 16-Jährige knatterte bei jedem Wetter mit seinem Töffli zu seinem über 20 Kilometer entfernten Lehrbetrieb von Karl Lenz in Neuhausen am Rheinfall. Im Winter fror er sich dabei fast die Finger ab und bei Regen wurde er völlig durchnässt. «Die Arbeit war russig, aber das war einfach so», blickt er auf diese Zeit zurück. Als Kaminfeger klagt man nicht. Und so behält er für sich, dass die Arbeit hart und der Lohn karg war und erzählt nur, dass er mit schwerem Werkzeug auf alle Dächer klettern musste. Zu Mittag sass er jeweils mit seinem Lehrmeister, dessen Frau und den drei Kindern am Familientisch. «Ich war so etwas wie der grosse Bruder», sagt er.

Kurz nach der Lehre fand Roland Schlagenhauf Arbeit im Betrieb von Walter Schweizer in Rafz, wo er gleich zu Beginn einen Verbesserungsvorschlag machte. «Ich sagte meinem Chef, dass wir doch einen Staubsauger anschaffen sollten, um in den Haushalten die Spuren unserer Arbeit zu beseitigen.» Und so zog der Kaminfegermeister mit seinem «Neuen» los und kaufte einen solchen. Als Schlagenhaufs Chef kurz darauf plötzlich verstarb, war das ein Riesenschock. «Man fragte sich, wie es mit dem Betrieb weitergehen soll. Da habe ich ihn übernommen», berichtet er.

«Persönliche Beziehungen und  gute Arbeit zählen ebenso viel, wie ein günstiger Preis.»Roland Schlagenhauf

Damals existierte im Kanton Zürich noch das Kaminfeger-Monopol. Das bedeutete fest zugeteilte Gebiete für den Betrieb, sowie fixe Tarife für die Kunden. Seit aber in den 1990er Jahren auch im Kanton Zürich ein liberalisiertes System eingeführt wurde, kann jeder Kaminfeger arbeiten wo er will. «Einerseits ging den Betrieben damit eine gewisse Sicherheit verloren, andererseits bietet der freie Markt auch eine Chance. Persönliche Beziehungen und gute Arbeit zählen ebenso viel, wie ein günstiger Preis», sagt er.

Roland Schlagenhauf kennt seine Kunden. Er sieht deren Kinder wachsen, die Kunden älter werden und wird in der Regel freundlich empfangen. «Nur einmal hat ein Hündchen nach meinem Schuh geschnappt.»

Völlig anderer Beruf

Während Roland Schlagenhauf immer noch der gleiche ist, hat sich sein Beruf massiv gewandelt. Längst ist aus dem «schwarzen Mann auf dem Dach» eine Art Umweltspezialist geworden, der wärmetechnische Anlagen wartet und Fragen zu Heizung und Umweltschutz beantworten kann.

Roland Schlagenhauf liebt seinen Beruf immer noch. Und die Tatsache, dass er bald die Schlüssel seines Büsslis an seinen Nachfolger, weitergeben wird, lässt ihn schon mal leer schlucken. Doch bevor er ins Grübeln kommt, steht er lieber auf, zieht eine warme Jacke an und geht hinaus in den Stall. Dort warten drei Pferde auf Streicheleinheiten und eine Gabel Heu. Roland Schlagenhauf sagt: «Unser Hobby ist Turnierfahren mit dem Wagen. Den Abschied erleichtert mir auch, dass ich einen wirklich hervorragenden Nachfolger habe.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 27.11.2018, 15:51 Uhr

Richtiges Anfeuern

Als Kaminfeger gab Roland Schlagenhauf auch immer gerne Tipps, so zum Beispiel wie man ein Cheminée- oder Ofenfeuer richtig anzündet: «Man legt die Anzündhilfe auf das Holz und zündet sie an. Dadurch verbrennen die Holzgase, die beim Erwärmen aus dem Holz austreten. Zündet man das Feuer von unten an, verbrennen diese Gase nicht, steigen auf und gelangen als Feinstaub durch den Kamin direkt in die Umwelt. (red)

Der Nachfolger

Nachfolger von Roland Schlagenhauf ist der Kaminfegermeister Michel Bolli. Er arbeitete nach der Lehre zuerst elf Jahre im Engadin. Anschliessend liess er sich in Niederglatt nieder. Mit der Geschäftsübernahme zügelt der 36-Jährige nun in die Nähe seiner Kundschaft nach Rafz. Als Fachlehrer ist Michael Bolli zudem in der Berufsbildungsschule Winterthur (BBW) tätig und bildet dort den Berufsnachwuchs aus. (red)

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