Glattbrugg

«Die Krankheit hat nichts mit der Anzahl Arbeitsstunden zu tun»

Burn-outs verursachen den Unternehmen immer mehr Kosten. Arbeitgeber wollen wissen, wie sie vorbeugen können. Dies erfahren sie unter anderem in einem Seminar in Glattbrugg.

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Burn-out-Zustände sind extrem verbreitet. Man könnte schon fast von einer Modeerscheinung reden. Widmet die Pro Mente Sana das kommende Seminar deswegen diesem Thema?
Franca Weibel: Das Seminar in Glattbrugg steht im Zusammenhang mit einer grösseren Kampagne von Pro Mente Sana. Firmen stellen fest, dass immer mehr Arbeitnehmende wegen Burn-outs ausfallen. Dies stellt Arbeitgeber vor grosse Probleme. Sie wollen wissen, wie sie mit betroffenen Menschen umgehen und wie sie vorbeugen können. Wir wollen sie dabei unterstützen, das Thema zu entstigmatisieren.

Vor welchen Schwierigkeiten stehen die Firmen?
Einerseits sind da die Arbeitsausfälle, die Kosten verursachen. Anderseits steigt wegen der Abwesenheiten die Belastung im Team. Es kommt häufig zu Missstimmungen und Unverständnis. Das macht es für erkrankte Personen besonders schwierig, nachher wieder einzusteigen. Vor allem, wenn sie anfangs nur halbtags arbeiten. Ein Burn-out oder andere psychische Krankheiten sieht man ja niemandem an. Im Team gilt man da schnell als Weichei oder Drückeberger.

Wieso nehmen Burn-out-Zustände eigentlich dermassen zu? Wir haben doch mehr Ferien als frühere Generationen, und viele arbeiten nur Teilzeit. Sind wir weniger belastbar als unsere Eltern und Grosseltern?
Vielleicht. Fest steht, dass die Krankheit nichts mit der Anzahl Arbeitsstunden zu tun hat. Entscheidend sind der Leistungsdruck und generell das Arbeitsklima. Heute verändern sich die Anforderungen in den meisten Berufen ständig, und viele können sich mit den neuen Kommunikationsmitteln nicht mehr genügend abgrenzen. Kommt dann noch ein Gefühl der mangelnden Wertschätzung hinzu, kann das das Fass zum Überlaufen bringen.

Welche Möglichkeiten haben Unternehmen, um mit diesem Phänomen umzugehen?
Wenn Vorgesetzte für das Thema sensibilisiert sind, können sie erste Anzeichen bei ihren Mitarbeitenden erkennen und sie auf geeignete Art ansprechen. Werden frühzeitig Massnahmen in die Wege geleitet, kann man häufig verhindern, dass sich der Zustand verschlimmert und in eine Erschöpfungsdepression übergeht.

Nun müssen Arbeitgeber neben all ihren anderen Aufgaben auch noch als Sozialarbeiter amten? Das ist aber viel verlangt.
Wir erwarten nicht von ihnen, dass sie fixfertige Lösungen präsentieren. Doch wenn das Thema präventiv im Team bereits einmal besprochen wurde, fällt es gefährdeten Personen leichter, über ihre Situation zu sprechen. Oft hilft es bereits, wenn man am Arbeitsplatz dazu stehen kann, dass es einem nicht gut geht und man keine Maske tragen muss. Das weiss ich aus eigener Erfahrung.

Was kann Ihr Seminar zur Sensibilisierung beitragen?
Arbeitgeber, aber auch Angehörige und Fachpersonen hören direkt von Betroffenen, was ihnen in der aktuellen Situation gutgetan hat und was weniger. Dies hilft, die Verunsicherung im Umgang mit diesen Personen zu reduzieren.

Und was können Burn-out-Betroffene selber profitieren?
Ich gehe davon aus, dass Betroffene erst dann am Seminar teilnehmen, wenn es ihnen wieder besser geht. Es ist gut, wenn sie von Angehörigen und Arbeitgebern hören, wie sie die Situation erlebt haben. Zudem kann ihnen der rückblickende Austausch bei der Verarbeitung helfen. Das ist beste Rückfallprävention.

Welches ist generell der Vorteil von trialogischen Seminaren?
Bei psychischen Erkrankungen herrscht häufig viel Unverständnis unter den verschiedenen beteiligten Gruppen. Betroffene fühlen sich schlecht behandelt, Ärzte und Pflegepersonal ärgern sich über die Einmischung von Angehörigen, und diese wiederum fühlen sich zurückgewiesen. Im gegenseitigen Gespräch in einem neutralen Rahmen lernen alle, die Situation der anderen besser zu verstehen. Zum Beispiel, dass auch Fachpersonen nicht gefühllos sind, wie Betroffene die Behandlung erleben und was für eine Unterstützung die Angehörigen brauchen. ()

Erstellt: 01.10.2015, 17:14 Uhr

Zur Person

Zur Person
Sie weiss, wovon sie spricht: Franca Weibel wird das Trialog-Seminar zum Thema Burn-out in Glattbrugg moderieren. Die Eglisauerin arbeitet bei der Stiftung Pro Mente Sana und hat einen breiten Erfahrungshintergrund mit psychischen Krankheiten. Als ihre Kinder klein waren, litt die alleinerziehende Mutter wiederholt an Depressionen. Später erkrankte eine ihrer drei Töchter an Schizophrenie. Weil die Trialog-Seminare für sie so hilfreich waren, begann sich die heute 56-Jährige später selber dafür zu engagieren. (asö)

Betroffene, Angehörige, Arbeitgeber und Fachleute begegnen sich

Am Montag, 19. Oktober, beginnt in Glattbrugg ein Seminar zum Thema Burn-out/Erschöpfungsdepression. An acht Abenden – immer am Montag von 18.30 bis 20.30 Uhr – begegnen sich Menschen, die von der Krankheit betroffen sind oder waren, Angehörige, Arbeitgeber und Fachpersonen zu einem Austausch auf gleicher Augenhöhe unter fachkundiger Leitung.
Der sogenannte trialogische Ansatz ermöglicht eine Aussprache über Erfahrungen, Bedürfnisse, Strategien und Frühwarnsymptome. Trialog-Seminare finden immer wieder zu verschiedenen Themen rund um psychische Erkrankungen statt – so etwa zu Borderline-Persönlichkeitsstörungen, bipolaren Erkrankungen und Traumata. Die Veranstaltungen werden von der Stiftung Pro Mente Sana organisiert. Informationen sind auf der Webseite unter www.promentesana.ch zu finden.
Montag, 19. Oktober bis 7. Dezember, Alterszentrum Gibeleich, Glattbrugg. Kosten: 40 Franken für Betroffene, 80 Franken für alle anderen Teilnehmer. Anmeldungen bis spätestens 12. Oktober an f.weibel@promentesana.ch,
Telefon 044 446 55 17.

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