Rafz/Olten

Die Rafzer und der Landesstreik

62 Laiendarsteller aus dem Kanton Zürich singen und spielen im Oltner Theaterstück «1918.ch» mit. Sie stellen die Dorfbevölkerung von Rafz zur Zeit des Landesstreiks vor 100 Jahren dar – und zeigen dabei ein grosses Stück Gegenwart.

Die Rafzer Shopping-Touristen halten um 1918 die Grenzwacht (mit Hüten) auf Trab. In der Inszenierung von Salomé Schneebeli, die hier in Oberuster noch einmal geprobt wird, gelingt es auch der «Rafzerin» Esther Enzler aus Niederglatt (Bildmitte), ihre Stumpen über die Grenze zu schmuggeln.

Die Rafzer Shopping-Touristen halten um 1918 die Grenzwacht (mit Hüten) auf Trab. In der Inszenierung von Salomé Schneebeli, die hier in Oberuster noch einmal geprobt wird, gelingt es auch der «Rafzerin» Esther Enzler aus Niederglatt (Bildmitte), ihre Stumpen über die Grenze zu schmuggeln. Bild: Sibylle Meier

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«Anke für en Franke – Eier für fascht nüüt!» Die Frauen sollen das dem Publikum nicht bloss zurufen, sondern wild durcheinanderschreien – dazu huschen sie an den Grenzwächtern vorbei, unter den rot-weissen Warnbändern hindurch, die die schweizerisch-deutsche Grenze bei Rafz darstellen. Gerade noch hat der Männerchor von der heilen Welt gesungen, «Eusi Heimet, s’Schwyzerland». Und dann, wie aus einem Mund der Appell: «Spare bim Chaufe – uf Dütschland laufe!»

Noch ist alles Probe. Seit 11 Uhr lässt Regisseurin Salomé Schneebeli die gut 60 Laiendarsteller an jenem Sonntag in der grossen Turnhalle der Primarschule Oberuster am Feinschliff arbeiten. «1918.ch – 100 Jahre Landesstreik»; das Theaterprojekt zum historischen Ereignis wird in Olten aufgeführt und hatte bereits vor einer Woche Premiere. Die Szene aus Rafz, die den Kanton Zürich repräsentiert, wird allerdings erst morgen Freitag und am Samstag gegeben – später ein drittes Mal.

Ein Rafz ohne einen Rafzer

Der Clou: Das Haupt-Theaterstück bestreiten 100 Mitwirkende aus dem Kanton Solothurn, in Anlehnung an das Oltner Aktionskomitee, das beim Landesstreik eine wichtige Rolle gespielt hat. In jeder Aufführung treten aber Theatergruppen aus zwei Gastkantonen auf, die je eine sechsminütige «Intervention» gestalten; selber verfasst, selber inszeniert, selber einstudiert. Aus diesen Szenen ergibt sich eine Art Mosaikbild der Schweiz. Die Zürcher sind, zusammen mit den Wallisern, erst jetzt an der Reihe.

«Schmugglet, schmugglet, schmugglet, Lüüt! Wer nöd schmugglet, chunnt zu nüt!», flüstert der Chor. Sosehr es sich bei der Intervention auch um Rafz dreht, so wenig echte Rafzer spielen mit – nämlich kein einziger. Selbst der Rafzer Männerchor hat eine Anfrage abgelehnt. Esther Enzler wohnt in Niederglatt. «Aber immerhin geheiratet hab ich in Rafz.» Auf der Bühne schmuggelt sie für ein paar müde Mark Stumpen nach Deutschland, muss den Grenzwächter bestechen. «Die Probenarbeit ist schon anstrengend, aber es macht einen Heidenspass.»

Damals so wie heute

Sich mit den Rafzern zu identifizieren, falle ihr leicht, sagt Enzler. «Ich kenne ja selber so einige Leute von dort». Was ihr auch hilft, die Rolle von 1918 heute zu verstehen: Das Einkaufen ennet der Grenze, der Versuch, den Schweizer Markt zu schützen, und die sich daraus ergebenden Spannungen, das ist heute genauso Thema wie vor 100 Jahren.

Salomé Schneebeli macht den Gegenwartsbezug in ihrem Inszenierungsansatz mehr als deutlich, nicht nur weil sie Einkaufstüten mit Marken- und Geschäftsnamen aus den 21. Jahrhundert beschriften lässt. Allein der Ausdruck, die Art und Weise des Spiels verweisen aufs Heute. Nichts wird im Sinne von «antik» oder «verstaubt» eingeübt – alles ist sportlich, ambitioniert, bewegt, ein bisschen so, als ob es sich am letzten Samstag in Jestetten auf dem Aldi-Parkplatz abgespielt hätte. Nur dass heute kein unbescholtener deutscher Bürger erschossen wird, wie zu Ende der Zürcher Intervention. Dieser Vorfall ist, wie auch der Grenzschmuggel, in der Rafzer Dorfchronik belegt.

Die drei Lieder, die Dirigent Roger Widmer vom Chor intonieren lässt, hat er bewusst gewählt: Alle wurden um 1918 komponiert – und sie zeigen zwei Seiten: «Das Heimatlied von Emil Grolimund ist traditionell, konservativ gehalten, während der Stil von Marcel Sulzberger schon in Richtung Schönberg geht.» Musik an der Grenze zur Moderne. «Das zeigt die beiden Perspektiven auf den Landesstreik: das Bewahrende auf der einen Seite, das Fordernde, Progressive auf der anderen», sagt Widmer.

Nach zwei Durchlaufproben gibts noch mal Kritik von einer Regisseurin, die mit dem Ensemble weitestgehend zufrieden ist. «Hansruedi, du bist schon besser gestorben», findet sie dann doch. Und sie erinnert die Truppe daran, wie sie auf das Erschiessen des Lottstetters reagieren soll: «Da ist eine Betroffenheit, wie eine Stille – die löst sich wieder auf, aber das passiert bei jedem ein wenig anders. Der eine senkt den Kopf, die andere schaut hin. Bis Donnerstag überlegt sich jeder für sich, wie genau ihn dieser Tod betrifft.»

Erstellt: 23.08.2018, 11:54 Uhr

Aufführungen

Das Stück «1918.ch» zu 100 Jahren Landesstreik wird auf dem Gelände Alte Hauptwerkstätte in Olten gegeben. Die Aufführungen, bei denen der Kanton Zürich die «Intervention» zur Anekdote aus dem Grenzdorf Rafz beisteuert, sind morgen Freitag und am Samstag – beide Vorstellungen sind ausverkauft. Eine Zusatzvorstellung mit Zürich als Gastkanton findet am Dienstag, 25. September, statt. Tickets und Detailinformationen auf www.1918.ch. red

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