Region

Die Sache mit Bachs und den Frauen

Die Walliseller wären dem EWR beigetreten und die Däniker hätten gerne selber über Atomwaffen entschieden. Die Kantonsstatistiker gewähren Einblicke in die Abstimmungsergebnisse seit 1820 – und damit auch ins politische Geschichtsbuch der Gemeinden. Auch in Sachen Frauenstimmrecht.

: Mitglieder und Sympathisanten der Frauenzentrale, des Frauenstimmrechtvereins und anderer politischer Frauengruppen demonstrieren am 1. Februar 1965 in Zürich für die Einführung des Frauenstimmrechts.

: Mitglieder und Sympathisanten der Frauenzentrale, des Frauenstimmrechtvereins und anderer politischer Frauengruppen demonstrieren am 1. Februar 1965 in Zürich für die Einführung des Frauenstimmrechts. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bereits 1920 hat der Kanton ­Zürich an der Urne darüber befunden, ob er seinen Frauen das Recht einräumen sollte, an (kantonalen) Abstimmungen teilzunehmen. Das Ergebnis war eindeutig: 80,4 Prozent sagten Nein. Das Unterland allein hat die Vorlage mit 91,3 Prozent abgeschmettert; und in ganzen vier Gemeinden betrug die Zahl der Ja-Stimmen sogar exakt null: nämlich in Bachs, Schleinikon, Stadel und Wasterkingen.

Wie das Statistische Amt des Kantons am Montag mitteilte, hat man inzwischen das Online-Abstimmungsarchiv vervollständigt. Über die Zürcher Kantonswebseite sind damit die Abstimmungsergebnisse aller eidgenössischen und kantonalen Vorlagen seit 1831 einsehbar. Was die Abstimmungen ab den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts betrifft, sind sogar die Resultate aus den einzelnen Gemeinden verfügbar, was einen die politische Haltung von damals durch eine spezielle Unterländer Brille betrachten lässt.

Grosse Zustimmung

Am 5. Mai 1946, acht Monate nach Kriegsende, hatten die Zürcher über eine wegweisende Kreditvorlage zu befinden: Beantragt waren 36,8 Millionen Franken für den Bau eines «interkontinen­talen Flughafens in Kloten». Die grösste Unterländer Zustimmung erfuhr die Vorlage damals in Opfikon, wo von den 560 (!) Stimmberechtigten 398 zur Urne gingen und 324 Ja-Stimmen einlegten. Vier Gemeinden der Region ­haben den Flughafenkredit ab­gelehnt: Lufingen (nur 47,9% Ja), Boppelsen (44,6%), Oberembrach (39,5%) und Dänikon (39,5%). Insgesamt hatten 78,3% der Zürcher dem Vorhaben ihre Zustimmung gegeben, und 1960 begann man mit dem Bau.

Übrigens waren gerade die Däniker auch sonst für die eine oder andere Überraschung gut. So hatten sie etwa im Jahr 1963 als einzige Unterländer Gemeinde eine Volksinitiative gutgeheissen, die dem Volk ein Entscheidungsrecht über die Ausrüstung der Armee mit Atomwaffen eingeräumt hätte. Schweizweit scheiterte die Initiative mit 62,2% Nein-Stimmen.

Klausel der Dringlichkeit

Uneins war man sich unter den Unterländer Gemeinden immer mal wieder. 1949 etwa, als an der Urne zu entscheiden war, ob man nach dem Krieg den Artikel 89, Absatz 3 («Dringlichkeitsklausel»), der Verfassung wieder aufheben sollte. Das verlangte die Volksinitiative «Rückkehr zur ­direkten Demokratie». Hintergrund war, dass der Bundesrat während des Zweiten Weltkriegs über 500 Beschlüsse aus Gründen der Staatssicherheit in einer Art Vollmacht beschlossen hatte – und hernach wenig Anstalten machte, auf diese Möglichkeiten zu verzichten.

Das Parlament empfahl die Initiative zur Ablehnung, doch Volk und Stände nahmen die Vorlage an: mit 50,7%. Der Grossteil der Unterländer Gemeinden hätte ­allerdings Nein gesagt. Einzig Dietlikon (50,7%), Regensberg (51,7%), Opfikon (52,9%) und Wallisellen (54,9%) sagten Ja.

1954 unternahm man auf kantonaler Ebene einen neuen Versuch, den Zürcherinnen ein Wahl- und Stimmrecht zu geben. Die «Volksinitiative betreffend politische Gleichberechtigung der Frauen» hatte nicht den Hauch einer Chance: Gesamtkantonal wurde sie mit 71,3% Nein-Stimmen versenkt – keine einzige Zürcher Gemeinde stimmte dafür. Zwar gab es nun auch im Unterland keine «Nullergemeinde» mehr, doch Dörfer wie Oberembrach (5,1% Ja) oder Boppelsen (5,3%) sprachen sich auch so mehr als deutlich aus. Bachs und Stadel folgten mit 5,4 beziehungsweise 6,4%. Mehr Zuspruch als in Opfikon (32,9% Ja) erhielt die Idee nur noch in der Stadt Zürich (34,3%).

Schwarzenbach-Patt in Rafz

Es gibt eine Reihe von anderen Abstimmungsvorlagen, die (nicht nur im Unterland) für viel Diskussionsstoff und für tiefe Gräben sorgten, was die Ergebnisse an der Urne betrifft. Dazu ist sicher die sogenannte Schwarzenbach-Initiative zu zählen, die dem Stimmvolk am 7. Juni 1970 unterbreitet wurde. Immerhin wird sie noch heute immer mal wieder zitiert, wenn sich der Diskurs um die Ausländerpolitik des Landes dreht. Der Zürcher Nationalrat James Schwarzenbach verlangte damals eine Begrenzung des Ausländeranteils in den Kantonen von 10% und ein Maximum von 4000 Einbürgerungen pro Jahr – zum «Schutz vor Überfremdung». 54% stimmten am Ende gegen die Initiative.

Die 29 000 Unterländer Stimmberechtigten – die Frauen hatten zu diesem Zeitpunkt kein Stimmrecht – sorgten in der Region insgesamt für einen Ja-Stimmen-Anteil von 56%, indessen hätten 14 Gemeinden die Schwarzenbach-Initiative angenommen, dar­unter Schöfflisdorf (61,2% Ja), Weiach (59,3%), Glattfelden (57,6%). Gleich in zwei Gemeinden kam es zu einem exakten Patt an der Urne: Je 236 Eglisauer stimmten Ja und Nein, ebenso je 238 Rafzer.

Mit Abstand am deutlichsten verworfen wurde die Vorlage in Regensberg (25,6% Ja). Aber auch die grösseren Unterländer Kommunen wie Kloten (43,2% Ja) oder Wallisellen (35,1% Ja) liessen das Vorhaben abblitzen. Ein weiteres Mal zeigten sich die Gräben zwischen den kleinen ländlichen Dörfern im Norden und der städtischen Agglomeration im ­Süden des Unterlands.

Ein gutes halbes Jahr später stand die Schweiz vor einer weiteren gewichtigen Urnenabstimmung: Die Herren des Landes mussten ein weiteres Mal über die Einführung eines Frauenstimmrechts (auf eidgenössischer Ebene) befinden. 1959 war das letzte der entsprechenden Begehren (obligatorisches Referendum zum Bundesbeschluss) deutlich gescheitert: Der Anteil der Nein-Stimmen lag auch da noch bei wuchtigen 66,9% – und wiederum im Kanton Zürich stimmte keine einzige Gemeinde dafür. Übrigens: In Bachs, das 1920 mit 0 Ja-Stimmen registriert worden war, stimmten diesmal acht Bürger dafür – und 107 dagegen. Das reichte abermals für den Unterländer Nein-Rekord, gefolgt von Stadel (22 Ja zu 239 Nein).

13 Gemeinden dagegen

Nun also wurde das Jahr 1971 geschrieben, und die Damen des Landes sollten doch noch zu ihrem Recht kommen, am politischen Leben teilzuhaben. Landesweit wurde der Bundesbeschluss von 1970 mit 65,7% Ja-Stimmen angenommen. Allerdings sagten mit Uri, Schwyz, Obwalden, Glarus, den beiden Appenzell, St. Gallen und dem Thurgau acht Stände (5 3/2 Standesstimmen) auch damals noch Nein.

Und im Unterland? Nun, wäre es nach den Bachsern (41,4% Ja) oder den Stadlern (39,4%) gegangen, hätten die Frauen wohl heute noch kein Stimmrecht. Und auch diesmal war das Bachsertal längst nicht allein: Auch Höri (49,8%), Eglisau (49,6%), Glattfelden (49,4%), Freienstein-Teufen (48,7%), Rorbas (45,8%), Hoch­felden (45,7%), Hüntwangen (45,1%), Weiach (44,4%), Wil (43%), Rafz (37,6%) und Wasterkingen (37,1%) lehnten die Vor­lage ab. Die deutlichste Zustimmung gab es einmal mehr in Opfikon, mit einem Ja-Stimmen-­Anteil von 73,7 Prozent. Als das Frauenstimmrecht am 16. März 1971 offiziell eingeführt wurde, ist die Zahl der stimmberechtigten Unterländer (bei eidgenössischen Vorlagen) von 30 100 auf 63 600 angestiegen.

Glow sagte Ja zum EWR

Ein moderneres Beispiel für eine Volksabstimmung mit wegweisendem Gewicht ist die Frage nach dem EWR-Beitritt von 1992. Nach einem zuweilen emotional geführten Abstimmungskampf versenkte das Schweizervolk das Ansinnen der Regierung am 6. Dezember mit 50,3%. Das Unterland hätte insgesamt deutlicher Nein gesagt: 37 800 Ja-Stimmen standen in der Region 46 800 Nein-Stimmen gegenüber – und 39 der 44 Gemeinden lehnten den EWR ab. Die Ja-Mehrheiten kamen aus der Flughafenregion: Wallisellen (51,9% Ja), Dietlikon (51,7%), Bassersdorf (50,9%) und Kloten (50,8%). Das deutlichste Ja kam indessen aus der Gemeinde Regensberg – mit 51,9%.

Quelle: Die Abstimmungsdaten sind über die Webseite des Statistischen Amts des Kantons Zürich, www.statistik.zh.ch, unter dem Reiter «Abstimmungsarchiv» ­jederzeit öffentlich einsehbar. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 01.03.2016, 21:33 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.