Niederweningen

Die Seilbahn von Niederweningen – ein kurzes Stück Industriegeschichte

Nein, ein Wintersportort war Niederweningen nie, auch wenn beim Bahnhof während rund zehn Jahren eine Seilbahnstation existierte. Vielmehr wurden damit Güter für die Zementfabrik in Ehrendingen transportiert.

Die Verladestation der Seilbahn von Niederweningen zur Zementfabrik in Ehrendingen befand sich beim Bahnhof Dorf.

Die Verladestation der Seilbahn von Niederweningen zur Zementfabrik in Ehrendingen befand sich beim Bahnhof Dorf. Bild: pd

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Mit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Nachfrage nach Baumaterialien in den 1880er- und 1890er-Jahren stark zu. Und so wurde 1892/93 oberhalb der Aargauer Gemeinde Ehrendingen die Zementfabrik Reinhard Frei & Co. gebaut. Dort sollten die reichen Gipsvorkommen der Lägern ausgebeutet werden.

Die Produktionsstätte im Ehrendinger Seitental, die 1894 in Portland Cement Fabrik Lägern umbenannt wurde, verzeichnete einen fulminanten Aufstieg. Bald einmal fanden dort 400 Arbeiter – darunter auch Niederweninger – ein Auskommen. Entlang der Strasse zum Fabrikstandort, der Gipsstrasse, wurden für die Belegschaft zwei Restaurants – die Frohburg und die Eintracht – sowie eine Arbeiterunterkunft errichtet. Auch bauten die benachbarten Landwirte ihre Bauernhäuser aus, um den Fabrikarbeitern Zimmer vermieten und so ein Zubrot verdienen zu können.

Schienenbahn zur Gipsgrube

Von der Fabrik führte eine Schienenbahn einige Hundert Meter den Lägernhang hinauf zur Gipsgrube, wo die Kalksteinbrocken gewonnen und mit der Bahn zur Fabrik befördert wurden. Ein Wagen dieser Schienenbahn – eine Lore – steht heute als Zeitzeuge für den Aufstieg und Fall der Fabrik auf dem Kreisel in der Dorfmitte von Ehrendingen. Es handelt sich um ein Werk des einheimischen Künstlers Kuno Perler.

Materialkübel am Seil

Die zweite Bahn – eine Seilbahn – führte in gerader Linie den Lägernhang hinauf und über Hügel und kleine Täler nach Niederweningen hinunter. Sie wurde am 24. April 1896 in Betrieb genommen. Die «Talstation» befand sich beim heutigen Bahnhof Niederweningen-Dorf (der Endbahnhof Niederweningen beim Bucher-Areal existierte damals noch nicht). Der Bau dieser Seilbahn war unerlässlich, weil sie die kürzeste Verbindung zum Bahnverlad sicherstellte.

In den Transportkübeln der Seilbahn wurde von Niederweningen aus die Kohle für die Zementöfen befördert. Im Gegenzug erfolgte der Transport von Zement und Kalk von der Fabrik zum Verladebahnhof in Niederweningen. Ein Kübel fasste rund 300 Kilogramm Zement.

Am Freitag, 2. Juni 1905, publizierte die «Neue Zürcher Zeitung» einen rückschauenden Bericht, der anlässlich einer Zementfabrikbesichtigung durch Ingenieurstudenten im Jahr 1897 erstellt worden war. Darin wird die moderne Fabrikanlage in den höchsten Tönen besungen. Auch die Seilbahn von und nach Niederweningen beschrieb der Autor mit bildhaften Worten: «Zwischen den Öfen und den grossen Lagerräumen lag die Station der eigens erbauten Luftdrahtseilbahn, welche die einsam gelegene Fabrik über den trennenden Bergrücken hinweg mit der etwa 3 Kilometer entfernten Bahnstation Niederweningen verband. Ein schönes Magazingebäude mit Geleiseanschluss war dort erbaut worden. Ununterbrochen zirkulierten die kleinen Wagen hoch in der Luft – Kohlen und Rohmaterialien herbeiführend und das fertige Produkt auf die Bahn schaffend, belebten sie die ruhige Landschaft.»

Letzte Fundamentreste der Verladestation sind noch heute zwischen Bahnhof und Fussballplätzen in Niederweningen zu sehen. Von den Mastensockeln existieren nur noch drei – einer im Niederweninger Wäldchen Boletbuck, einer an der Guggachstrasse und einer oberhalb der ehemaligen Fabrik.

Schneller Niedergang

Fast so schnell wie die Berg-und-Tal-Fahrt der Transportkübel ging auch der Untergang der Zementfabrik Lägern vonstatten. In kurzen Worten: Sie wurde von der Konkurrenz niedergemacht.

Wie die Denkmalpflege des Kantons Aargau in einer Dokumentation festhält, wurde die «Firma durch Kampfmassnahmen des Zementkartells in den Ruin getrieben und musste 1902 Konkurs anmelden. Mit dem Ziel ihrer Ausschaltung wurde sie von der Konkurrenz übernommen, weshalb man beim Kauf des Fabrikareals mit der Eintragung einer Dienstbarkeit die Zementherstellung fortan verbieten liess.» Es waren aber auch die schiere Grösse der Anlage, die grossen Investitionen und die aufgrund des abgelegenen Standorts mangelhafte Infrastruktur, die zum Niedergang beitrugen. Am 25. Januar 1904 kauften die Gebrüder Bertschinger und Co. aus Wallisellen die Fabrik mit der Auflage, die Produktion von Zement oder Kalk sei verboten.

In die Luft gejagt

Nur gerade zehn Jahre hatte also die Erfolgsgeschichte der Zementfabrik Lägern gedauert. 1909 – sieben Jahre nach dem Konkurs – wurden die meisten der Gebäude von einer Sappeurkompanie gesprengt und die Fabrik in einen gigantischen Trümmerhaufen verwandelt. «Die erste und grösste Zementfabrik unseres Landes sollte es werden, so hatten es sich die Gründer vorgenommen ... Doch wie anders ist es gekommen», heisst es im Bericht der NZZ aus dem Jahr 1905.

Auch die Seilbahn nach Niederweningen wurde bis auf die paar heute noch sichtbaren Überreste abgerissen. Von der Fabrikanlage übrig geblieben ist einzig der dreistöckige Bürotrakt der Fabrik an der Gipsstrasse 55. Im Jahr 1999 wurde das Gebäude sanft renoviert. Heute dient es als Wohnhaus. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 01.04.2016, 16:56 Uhr

Und noch eine Geschichte des Scheiterns

Wie der Chronik der Gemeinde Schöfflisdorf entnommen werden kann, flammte im vergangenen Jahrhundert auch im Wehntal eine Projektidee für den Bau einer Zementfabrik auf. Im Mai 1943 verbreitete sich die Kunde, eine auswärtige Firma wolle gegenüber der Station Schöfflisdorf-Oberweningen ein grosses Zementwerk realisieren. «Nach erregten Zeitungsartikeln, Versammlungen und Eingaben wurde aber das betreffende Baugesuch im Februar 1946 vom Regierungsrat abgewiesen, und zwar vorwiegend aus Gründen des Heimatschutzes», heisst es in der Chronik. (cy)

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