Reisen

Dürfen Gymischüler für die Kultur noch fliegen?

Der kulturelle Austausch ist ein wichtiger Bestandteil des Fremdsprachenerwerbs. Die Flugreisen ins Ausland sorgen aber an der KZU für Diskussionen.

Roland Lüthi ist bei der Diskussion um Kulturreisen und den Klimaschutz zwischen zwei Idealen hin- und hergerissen.

Roland Lüthi ist bei der Diskussion um Kulturreisen und den Klimaschutz zwischen zwei Idealen hin- und hergerissen. Bild: Johanna Bossart

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Elf Schüler der Kantonsschule Zürcher Unterland (KZU) in Bülach reisten während den Osterferien nach Griechenland. Statt Badeferien und Ballermann folgten sie in acht Tagen den Spuren der Antike von Athen nach Olympia und Delphi. Annina Naef, Lehrerin für alte Sprachen an der KZU, organisierte die Reise und begleitete die Gymnasiasten. «Die Schülerinnen und Schüler waren begeistert, dass sie sich in die Welt der griechischen Antike einfühlen konnten», erzählt sie. «Sie konnten so den Ursprung und die Wurzeln der westlichen Zivilisation hautnah erleben.»

Flugreisen in fremde Länder sind auf harte Kritik gestossen. Wegen des Klimawandels wird der Ruf nach umweltbewussten Reisen immer lauter. Roland Lüthi, Rektor der KZU, ist mit solchen Diskussionen ständig konfrontiert.

Wie kommt eine Kulturreise an der KZU zustande?
Roland Lüthi: Das ist zu 100 Prozent das Herzblut der Lehrerinnen, die eine Sprache als Freifach unterrichten. In den Fächern Spanisch, Italienisch, Russisch und nun Griechisch wenden die Lehrpersonen eine Woche ihrer Ferien auf, um eine Reise für ihre Schüler zu organisieren. Offiziell sind das aber keine Schulreisen, sondern es ist ein freiwilliges Zusatzangebot.

Werden diese von der Schule finanziell unterstützt?
Man muss diese Reisen von obligatorischen Projektwochen unterscheiden. Diese finden während dem Semester und mit Entschädigung der Lehrperson statt. Die Kulturreisen sind privat, werden aber geschätzt, weil sie sehr gehaltvoll sind. Wir haben deshalb vor ein paar Jahren entschieden, diese mit einem kleinen Betrag zu unterstützen.

Wie wichtig sind diese Ausflüge für die Freifächer?
Es kommt auf das Fach an. Die Reise nach St. Petersburg der Russischklasse ist schon fast zur Tradition geworden. Und die Teilnehmenden haben dann ein volles kulturelles Programm, von welchem sie völlig erschöpft zurückkommen. Mit Strandferien hat das wenig zu tun. Wir wollen aber nicht, dass unsere Schüler Freifächer besuchen, um in die Ferien zu gehen. Die Kurse sind eine Form der Begabtenförderung und mit viel Aufwand verbunden.

Gemäss Bildungsartikel sollten unsere Schüler hier ihre Gesellschaftsreife erlangen. Wollen wir unsere Offenheit bewahren, gehören Sprachen und Kultur dazu.Roland Lüthi

Die Freifächer sind also ein Teil des kulturellen Aufgabenbereiches der Kantonsschule?
Wenn wir könnten, würden wir die Sprachfreifächer ausbauen. Wir hören von unseren Schülern öfters, dass sie sich auch ein breiteres Sprachenangebot wünschen, beispielsweise Chinesisch, Arabisch oder gar Rätoromanisch. Die KZU hat ein Leitbild, an welches wir uns halten: «Leben – Wachsen – Lernen – Öffnen». Die Freifächer haben viel mit «Öffnen» gegenüber anderen Kulturen zu tun.

Geht der humanistische Aspekt des Gymnasiums verloren?
Wir werden dazu gedrängt, uns mehr auf die Mint-Fächer zu konzentrieren. Mit dem Projekt «Gymnasium 2022» kommt eine grosse Reform auf die Zürcher Gymnasien zu. Das Langgymnasium wird vereinheitlicht werden, und ein Teil davon ist die Reduktion der Sprachfächer. Wir sind in vielen Aspekten ein grossartiges Gymnasium, aber wir sind keine ausgeprägte Kulturschule. Gemäss Bildungsartikel sollten unsere Schüler hier ihre Gesellschaftsreife erlangen. Wollen wir unsere Offenheit bewahren, gehören Sprachen und Kultur dazu. Wir sind und bleiben ein humanistisches Gymnasium, der Ruf nach praxis- und zweckorientierter Arbeit wird jedoch immer lauter.

Läuft die Schweiz nicht Gefahr, sich kulturell abzuschotten?
In dieser Hinsicht sind wir in einer sehr vorteilhaften Position an der KZU. Ich behaupte mal, dass es kein anderes Gymnasium gibt, welches so durchmischt ist wie wir. Wir sind eine Kantonsschule mit vielen Schülern, bei denen die Eltern aus dem Balkan stammen. In den 49 Klassen an der KZU gibt es wenige Klassen ohne einen tamilischstämmigen Schüler. Wir haben die Pflicht, über grosse kulturelle Grenzen hinweg miteinander auszukommen. Der Aspekt des «Öffnens» wurde 1994 in das Leitbild aufgenommen, weil das cool und gut für eine Schule ist. Mittlerweile leben wir das tatsächlich jeden Tag. Aber für das Verständnis braucht es die humanistischen Studien und den Kontakt zwischen den Kulturen.

Sind Kulturreisen in der Zeit des Klimawandels noch vertretbar? Die offizielle Position der Kantonsschule Zürcher Unterland ist klar: Es gibt keine Flugreisen für Projektwochen mehr. Das Flugverbot besteht seit 2014, ausgenommen ist die Immersionsklasse, die für vier Monate nach Manchester (GB) geht, und seltene Fälle, welche eine Ausnahmebewilligung brauchen. Die Kulturreisen dagegen sind privat organisiert und finden ausserhalb der Schulzeit statt. Es ist ein Thema, mit dem sich unsere Gesellschaft auseinandersetzen muss. Als eine unserer Klassen dieses Jahr für ein Austauschprojekt nach Indien flog, gab es zum Teil heftige Kritik, aber das Projekt war es uns wert.

Ich minimiere meine Flüge, aber das heisst nicht, dass ich nie wieder in ein Flugzeug steigen darf.Roland Lüthi

Sind Kulturreisen in andere Länder sinnvoller als Badeferien?
Das darf man nicht miteinander vergleichen. Jede und jeder muss sich aber fragen, wie viel uns das Fliegen wert ist. Wenn wir an der Kanti gar nicht mehr fliegen, fällt die Reise nach St. Petersburg oder nach Griechenland weg, und das Immersionsprojekt wird massiv teuer. Gleichzeitig ist der Klimawandel real und vom Menschen verursacht. Ich minimiere meine Flüge, aber das heisst nicht, dass ich nie wieder in ein Flugzeug steigen darf.

Hat die Kantonsschule mit dem Verbot der Flüge viel eingebüsst?
Als Anglist kann ich keine Projektwochen in England mehr organisieren. Ich bin bis heute noch davon überzeugt, dass diese wichtig für den Austausch zwischen den Kulturen und das Niederreissen von Klischees sind. Die positive Kehrseite ist, dass wir auch innerhalb der Schweiz sehr wertvolle Projektwochen machen können.

Wie nehme ich meine Rolle als Weltmensch wahr und mache trotzdem etwas für den Naturschutz?
Es ist ein riesiger Spagat, den jeder selbst machen muss. Als Institution haben wir eine grosse Verantwortung, aber es ist auch relativ einfach, weil wir Flüge verbieten können. Nicht alle waren damit zufrieden. Spannend ist es, wie sich das auf das eigene Verhalten auswirkt. Für meine nächste Reise mit der Familie nehmen wir den Zug. Ich sage ganz klar: Ich bin nicht zum letzten Mal geflogen. Man muss jedoch ein gewisses Bewusstsein für die Umwelt und das Fliegen entwickeln.

Hat die Kantonsschule eine Verantwortung, als Vorbild aufzutreten?
Wir dürfen uns hier nichts vormachen. Unsere gesellschaftliche Rolle ist marginal. Die meisten Zürcher haben nichts mit der Kantonsschule zu tun, es wäre arrogant, uns so viel Bedeutung zuzumessen. Aber es ist tatsächlich so, dass Akademiker überproportional in den Räten vertreten sind. Der Druck auf uns vonseiten der Politik und der Wirtschaft hat aber zugenommen. Wir sind längst nicht mehr unantastbar und müssen zeigen, dass es uns noch braucht. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 15.05.2019, 23:30 Uhr

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