Glattfelden

Ein Dorffest wie es Gottfried Keller wohl geliebt hätte

Drei Tage lang festen – das können die Glattfelderinnen und Glattfelder definitiv. An 22 Ständen herrschte vom Freitagabend bis zum Sonntag ein buntes Treiben.

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Am Samstagnachmittag schlendern zahlreiche Besuchende durch das Festareal. Beim Stand der Jagd Glattfelden brutzelt die Wildsau am Spiess. Sieben Stunden wurde sie im Ofen vorgebraten, um anschliessend mit Marinade bepinselt und am Drehspiess fertig gebraten zu werden. «Bella, bella, bella Marie», tönt es gleich nebenan in der Kaffeestube, bei welcher der Männerchor ein Ständchen gibt. Besucher Dylan Dreja aus Zürich gibt seinem vier Monate alten Töchterchen derweil den Schoppen und lobt das Glattfelder Dorffest in den höchsten Tönen. «So etwas gibt es bei uns in Zürich nicht. Hier geht es anscheinend nicht ums Geld, sondern ums Zusammensitzen», sagt er.

Von Besuchern überrannt

Beim Schiessverein sind es die knusprigen Felchenfilets, welche bei den Gästen sehr gut ankommen. Bis am Samstagmittag seien bereits 150 Portionen serviert worden, weiss Marco Spalinger. Am SVP-Stand wird in einem umgebauten Ölfass mit Holz angefeuert. Beat Jutzet brät auf der Eisenplatte eine knusprige Rösti mit Speck, während OK-Präsident Markus Lee fortlaufend Holzscheite mit der Axt spaltet. «Wir wurden am Freitagabend richtiggehend überrannt, bis der Regen einsetzte», weiss Jutzet. Besucher Paul Hürlimann äussert sich begeistert: «Die Rösti ist sensationell.» Beim Feuerwehrpikett-Verein hat Festwirt Bruno Suter 1000 Spiessli bereitgestellt. «Viele Leute kommen extra wegen diesen zu uns», weiss er.

Heimatgefühle im Museum

Derweil geht es im Gottfried-Keller-Museum etwas beschaulicher zu und her. Nur wenige Gäste betreten dieses am Tag des Dorffestes. Einer von ihnen ist der Heimweh-Glattfelder Kurt Bernhard, welcher in der Nähe von London wohnt. Als Mitglied der Gottfried-Keller-Stiftung habe es ihn hierhergezogen, weil Keller ihn schon immer beeindruckt habe, sagt er. «Wenn man im Ausland lebt, schätzt man die Heimat noch viel mehr.» Nun zieht es auch ihn auf eine Runde durch das Dorf, um ehemalige Kollegen zu treffen.

Eine beliebte Attraktion am Dorffest ist die Hebebühne, auf der man aus 35 Metern Höhe eine spektakuläre Aussicht über das Gottfried-Keller-Dorf geniessen kann. Bevor die Gäste in die Höhe schweben, zieht ihnen Ruedi Müller das vorgeschriebene «Sicherungsgstältli» an und freut sich über die zahlreichen glücklichen Gesichter. Die Hebebühne hätte eigentlich direkt vor der Kirche stehen sollen, erzählt er, doch aus Rücksicht auf die beiden jüngsten Dorfbewohner, die Störche Judith und Gottfried, wählte man einen neuen Standort. Die Störche scheinen sich dafür zu bedanken und ziehen ungeachtet des ganzen Trubels ihre Runden über das Glattfelder Festgelände.

«Kleider machen Leute»

Die reformierte Kirche Glattfelden war am Samstagvormittag bis auf den letzten Platz besetzt. Der 200. Geburtstag von Dichter Gottfried Keller wollte gebührend gefeiert werden. «Gottfried Keller wäre sicher beeindruckt vom Festbetrieb, würde dies aber hinter seiner knorrigen Art verstecken», sagte Gemeindepräsident Ernst Gassmann in seinen Eröffnungsworten.

Die Zürcher Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh (FDP) gratulierte Gottfried Keller zu seinem Geburtstag und griff dessen Novelle «Kleider machen Leute» auf. «In der heutigen Zeit würde die Hauptfigur Schneider Wenzel einen Hugo-Boss-Anzug tragen, ein I-Phone besitzen und viele Followers haben», sagte sie.

Der Rhein als Wogenband

Stiftungsratspräsident Konrad Erni hielt einen Exkurs über das Leben des jungen Kellers und seine Glattfelder Wurzeln. Er rezitierte auch Auszüge aus dem Briefwechsel mit der Mutter des Dichters. Eindrücklich waren die vorgetragenen Zeilen von Kellers Gedicht «Gegenüber», welches sich auf den Rhein bezieht. «Da rauscht das grüne Wogenband des Rheines, Wald und Au entlang», heisst es im Gedicht.

Informativ und humorvoll war der Beitrag von Professorin Hildegard Keller. Sie erzählte von Gottfried Kellers Kindheitserinnerungen an Kartoffelstock, verknüpfte eine Hexe in Indien mit Liebesleid anhand Kellers Werk «Pankraz, der Schmoller». Mit ihren Ausführungen wolle sie den Anwesenden den Speck durch den Mund ziehen: «Man soll Gottfried Keller feiern, aber vor allem lesen», sagte sie. Laut Hildegard Keller wäre Gottfried Kellers Botschaft an die Schweizer Bevölkerung sicher folgende: «Lasst das Schmollen.»

Texte von Keller gesungen

Der Männerchor umrahmte den Anlass musikalisch mit den Liedern «Frühlingsgruss», «Herbstlied» und «O mein Heimatland», nach Texten von Gottfried Keller. Organist Nicolai Moldoveanue zeigte mit den Sonata Nr. 3 von Mendelssohn Bartholdy, dem Intermezzo aus der 4. Orgelsonate von J. Rheinberger und dem Ausgangsspiel «Die Glocken von Westminster» sein Können.

Beim anschliessenden Apero mit musikalischer Begleitung von der Musikgesellschaft Glattfelden galt es für die Gäste, sich nochmals durch zahlreiche Gespräche an Kellers Werke zu erinnern, die Texte lebendig werden zu lassen und sie auf die heutige Zeit zu adaptieren. Dies hoffentlich ganz im Sinne des Geburtstagskindes.

Erstellt: 19.05.2019, 17:09 Uhr

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