Eglisau

«Die heutigen Männer und Frauen müssen weiterkämpfen»

Vaterschaftsurlaub, Pioniergeneration und die emotionale Bindung zum eigenen Kind. Davon erzählen elf Väter und drei Fachpersonen im Buch mit dem Titel «#Vatersein». Geschrieben hat es die Eglisauer Autorin Barbara Weber-Ruppli.

Barbara Weber-Ruppli befasst sich in ihrem neuesten Buch mit der Sicht der Väter in der Kindererziehung.

Barbara Weber-Ruppli befasst sich in ihrem neuesten Buch mit der Sicht der Väter in der Kindererziehung. Bild: Balz Murer

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Barbara Weber-Ruppli, als Frau übers Vatersein schreiben – das überrascht. Was hat Sie dazu bewegt, sich diesem Thema zu widmen?
Barbara Weber-Ruppli: Ich habe mich immer gefragt, warum Männer sich emotional und praktisch kaum an der Kindererziehung beteiligen. Ich wollte herausfinden, ob das wirklich so ist, oder ob nur niemand nach ihren Gefühlen fragt. Nach den Interviews für mein Buch war ich völlig überrascht, denn Männer haben sehr viel dazu zu sagen. Sie reden offenbar ungefragt nicht darüber, weil sie sich nicht übers Vatersein sondern mehr über den Beruf identifizieren. Ich habe jedoch den Eindruck, dass sich das in den letzten Jahren verändert hat.

Am Anfang des Buches führen Sie drei Experten-Interviews mit Philosoph Yves Bossart, Männeraktivist Markus Theunert und Familiensoziologin Diana Baumgarten. Wieso haben Sie den persönlichen Porträts diese objektivere Sichtweise vorangestellt?
Dafür muss ich etwas ausholen: «#Vatersein» ist eine Art Zweitauflage. Ich habe einige Porträts bereits vor sieben Jahren geschrieben. Sie sind damals in einer Kleinstauflage erschienen und waren rasch vergriffen. Zwei Verlegerinnen aus Embrach stiessen darauf und boten mir an, ein neues Buch daraus machen. Dazugekommen sind neue Portraits und drei Interviews mit Fachpersonen, die den Zeitgeist treffen. Das Vater-Thema beschäftigt im Moment Gesellschaft und Politik. Die wissenschaftliche Sicht ordnet die Porträts sowie die gesamte Thematik in diesen Kontext ein.

«Buben orientieren sich meistens und oft unbewusst an ihren Vätern, wenn sie selber in diese Position kommen.»Barbara Weber-Ruppli

Den Grossteil von «#Vatersein» machen die Geschichten von elf Vätern aus, in denen sie viel Persönliches preisgeben. Wie sind Sie bei den Gesprächen vorgegangen?
Ich hatte einen klaren Plan: Zuerst fragte ich nach den Vätern der Männer. Das war jeweils der emotionalste Teil, danach war das Eis gebrochen. Anschliessend ging es um ihr Beziehungsverhalten, die Geburt der Kinder, den Familienalltag, die Leistungserwartungen an den Nachwuchs. Zum Schluss sprachen wir über prägende Vorfälle in der Familie und machten einen Rückblick. Bei den jungen Vätern mit kleinen Kindern fiel ein Teil der Themen weg. Diese haben dann hypothetisch geantwortet. Es war sehr spannend zu erfahren, wie sie sich ihre Zukunft als Vater vorstellen. Ein Vater zum Beispiel nimmt sich vor, dass er die Interessen seiner Kinder stärker fördern will, als es seine Eltern bei ihm getan haben.

Die Erzählungen beginnen in ihrer eigenen Kindheit und enden mit ihrem Dasein als Vater. In welchem Zusammenhang stehen diese beiden Lebensphasen?
Es hat sich in den Gesprächen gezeigt, dass der eigene Vater eminent wichtig ist. Die Buben orientieren sich meistens und oft unbewusst an ihren Vätern, wenn sie selber in diese Position kommen. Es braucht viel Reflektion, um den bekannten Mustern zu entkommen und ein eigenes Vaterbild zu entwerfen. Ein Gespräch mussten wir gar abbrechen, weil der Mann zusammengebrochen ist. Er hat in diesem Moment erkannt, dass er sich seinen Kindern gegenüber so verhalten hat wie sein Vater sich ihm gegenüber. Genau das hatte er auf keinen Fall gewollt.

Markus Theunert, Männeraktivist, spricht im Interview von einer Pioniergeneration, die zwischen modernen und traditionellen Rollenbildern steht. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung dieser Zwischenphase ein?
Ich bin zwiespältig. Ich habe grosse Freude an jungen Menschen, die nicht einfach traditionelle Rollenbilder übernehmen. Sie sind voller gutem Willen. Man muss jedoch in Betracht ziehen, wie unsäglich die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen in der Schweiz sind. In diesem reichen Land zu sagen, wir könnten uns Vaterschaftsurlaub nicht leisten, finde ich degoutant. Viele Frauen meiner Generation haben für Gleichstellung in Familie und Beruf gekämpft, die heutigen Männer und Frauen müssen weiterkämpfen.

Sie sind heute 62 Jahre alt und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Nach der ersten Geburt waren Sie 16 Jahre lang als Hausfrau und Mutter zuhause tätig. Der berufliche Wiedereinstig kam erst im Alter von 45 Jahren. Würden Sie das noch einmal so machen?
Nein, das würde ich nicht. Ich komme selber aus einer Familie, in der die Rollenverteilung klar war; die Mutter zuhause, der Vater sorgt für die Finanzen. Ich habe also genau auch das wiederholt, was ich aus meiner eigenen Kindheit kannte. Als wir uns für eine Familie entschieden haben, war mein Mann gerade fertig mit dem Studium und wollte das Erlernte anwenden. Wir haben einfach mal so losgelegt, dabei ist es dann geblieben. Ich hüte mittlerweile regelmässig meine Enkelkinder, damit meine Tochter es anders machen kann.

Buchhinweis:«#Vatersein» erscheint im Arisverlag und ist online unter www.arisverlag.ch sowie überall im Handel zu kaufen. Die Buchtaufe findet heute Abend, 29. November, um 19.30 Uhr im Sphères an der Hardturmstrasse 66 in Zürich statt.

Erstellt: 28.11.2017, 16:18 Uhr

Zur Person

Barbara Weber-Ruppli arbeitete nach einer Familienpause als Journalistin und an Buchprojekten. 1995 erschien ihr Lyrikband «unsäglich alltäglich», 2010 «aquabasilea – Poesie des Gestaltens», 2013 «Vivi Kola – Zeitgeist in Flaschen». Das aktuelle Buch «#Vatersein» ist die überarbeitete Zweitauflage des 2012 erschienen «PapiPapa». (krb)

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