Naturschutz

Ein hartes Jahr für den Igel

Die Igel haben es immer schwerer, Nahrung zu finden und auch vom Mensch droht ihnen Gefahr. Umso wichtiger sind Igelauffangstationen. Doch davon gibt es nicht genug.

Der Igel, der in eine Auffangstation im Aargau gebracht wurde, war von einer Vielzahl von Flöhen und Zecken geschwächt.

Der Igel, der in eine Auffangstation im Aargau gebracht wurde, war von einer Vielzahl von Flöhen und Zecken geschwächt.

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Am Montag vor einer Woche um 7 Uhr abends fand ich vor meiner Wohnung einen Igel vor. Das stachelige Wildtier machte keine Anstalten zu fliehen und fauchte mich auch nicht an. Schnell wurde klar, dass mit dem Igel irgendetwas nicht stimmte.

Er schien sich nicht richtig bewegen zu können, wirkte träge und angeschlagen. Eine nähere Betrachtung war ziemlich erschreckend: Die Augen und die Ohren des Igels waren derart von Zecken belagert, dass seine Gehörgänge verstopft waren und er zumindest auf dem linken Auge kaum mehr sehen konnte.

Was tun mit dem offensichtlich geschwächten und leidenden Tier? Das Beste schien, den Igel zur Überprüfung und Hilfe zu einer Fachperson zu bringen. Was sich als gar nicht so einfach herausstellte: Die Hotline des Igelzentrums in Schwammendingen ist nur von 16 bis 18 Uhr besetzt. Die Igelstation in Winterthur nur von 9 bis 11 Uhr.

Den Igel über Nacht in meiner Badewanne in einem Karton zu halten, konnte ich mir aber nicht vorstellen, ich befürchtete, er würde in dieser Zeit sterben. Schliesslich vermittelte mir die Notfall-Hotline des Vereins Pro Igel eine Frau im Aargau, die dort eine private Igelstation betreibt. Ich packte das mit Flöhen und Zecken übersäte Tierchen also in einen mit einem Tuch ausgestatteten Korb und fuhr 40 Minuten vom Unterland durch den Gubrist ins Aargau.

Zu wenig Futter, zu viele Rasenmäher und Autos

Dort erhielt «mein» Igel – wir tauften ihn Paul – professionelle Hilfe. Die Aargauer Expertin betreibt in einem separaten Häuschen seit 17 Jahren eine Igelstation mit acht Plätzen. Paul war bereits das 40. Tier, welches dieses Jahr auf ihr Wissen und ihre Pflege angewiesen war, seit dem letzten Montag wurden sieben weitere Igel zu ihr gebracht. «Den Igeln geht es schlecht», erklärte die Aargauer Igelfreundin.

Das Insektensterben führt dazu, dass Igel so wie auch viele Amphibien und Vögel immer mehr Mühe haben, genügend Nahrung zu finden. «Ich erhalte sehr viele abgemagerte Tiere», sagte die Aargauerin. «Der grösste Feind der Igel ist aber immer noch der Mensch. Fadenmäher, Gift, welches im Garten eingesetzt wird, und Autos machen den Tieren zu schaffen.»

Verschlimmert werde die Situation dadurch, dass es parallel zur steigenden Anzahl Igel, die geschwächt oder verletzt aufgefunden werden, immer weniger Igelauffangstationen gebe. Sie erhalte inzwischen Igel nicht nur aus dem Aargau, sondern auch aus dem ganzen Kanton Zürich und sogar aus dem Entlebuch. Das ist auch mit der Grund, wieso sie nicht namentlich erwähnt werden möchte – sie hat schlicht keine Möglichkeit, noch mehr Igel vorübergehend aufzunehmen.

«Eine solche Station zu betreuen kostet sehr viel Zeit», erklärte die Frau. Hätte sie früher im Frühling während dreier Monate quasi keine Igel gehabt, sei ihre Station nun das ganze Jahr über und selbst im Winter durchgehend belegt. Und verlange ihr eigentlich sämtliche Freizeit und mehr ab.

Für eine Igelstation braucht es eine Bewilligung

Für die Hege und Pflege kranker Igel gibt es nicht viele Anlaufstellen. Denn die meisten Tierarztpraxen benötigen einen Grossteil ihres Raumes, um andere Tiere wie Hunde oder Katzen medizinisch versorgen zu können. Gibt es also zu wenig Auffangstationen? «Oft ist der Platz knapp. Es wäre deshalb gut, wenn es mehr Stationen gäbe», sagt Annekäthi Frei, Tierärztin des Igelzentrums Zürich.

«Der Lebensraumverlust ist das grösste Problem für den Igel. In den Städten und Agglomerationen gehen naturnahe Grünflächen verloren, damit verschwinden auch viele Insekten.»

Frei erklärt auch, weshalb die Telefone mancher Stationen wie des Igelzentrums nicht ständig besetzt sind. «Unsere Mitarbeitenden sind vor allem mit der Pflege der Igel beschäftigt, das Telefon ist daher nur von 16 bis 18 Uhr besetzt. Am besten schreibt man uns daher eine Mail.» Auf keinen Fall solle man aber einfach einen Igel ohne Voranmeldung vorbeibringen. Sollte es tatsächlich keine andere Möglichkeit geben, kann man im Falle eines kranken oder verletzten Igels auch den Tierrettungsdienst kontaktieren.

Für Igelstationen gibt es einige Hürden zu bewältigen. Privaten Personen ist es vom Gesetz her nicht erlaubt ist, einen Igel bei sich aufzunehmen und zu pflegen. Igel sind geschützte Wildtiere, wer sich um sie kümmern und eine Station betreiben will, braucht daher eine Ausnahmebewilligung. Dazu ist unter anderem ein Kurs notwendig, der etwa im Igelzentrum absolviert werden kann. Jede Igelstation benötigt zudem einen Kontrolltierarzt, welcher entscheidet, welche medizinischen Handlungen in der Station durchgeführt werden dürfen. Eine funktionierende Station aufzubauen und zu betreiben ist daher schwierig.

Im Fall von Paul waren die Medikamente wichtig. Die erste Behandlung gegen Flöhe führte dazu, dass über 50 von den Parasiten von dem arg gebeutelten Tier abliessen. Dadurch und durch die Entfernung einer Vielzahl von Zecken hatte Paul überhaupt eine Chance, wieder zu Kräften zu kommen.

Ausbau der Lebensräume würde helfen

Anders als die Pflegerin aus dem Aargau ist Frei aber nicht sicher, ob das Jahr bisher besonders schlecht für Igel verläuft. «Die Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr. Es kann auch sein, dass die Menschen aufgrund der stark thematisierten Biodiversität etwas sensibilisierter für das Thema sind und deshalb mehr Igel auf die Stationen bringen.» Am meisten würde den Tieren aber helfen, wenn sie wieder mehr Lebensräume erhalten würden.

«Der Lebensraumverlust ist das grösste Problem für den Igel. In den Städten und Agglomerationen gehen naturnahe Grünflächen verloren, damit verschwinden auch viele Insekten. Gut wäre deshalb, wenn man möglichst viele heimische Sträucher und Hecken in den Gärten anpflanzt. Und auf sterile Rasen und Steingärten verzichtet, wo kaum Insekten leben können.»

Möglich, dass auch Paul dadurch ein längeres Leben gehabt hätte. Die Vielzahl der Zecken rührte wahrscheinlich daher, dass er auf der Suche nach Nahrung relativ weite Strecken zurücklegen musste und dabei in ein Nymphennest – als Nymphen werden noch junge Zecken bezeichnet – geraten war.

Von einer Unzahl der Blutsauger geschwächt und hungernd brach er sich schliesslich auch noch ein Vorderbein, bevor er bei mir im Garten landete. Nachdem er im Aargau gepflegt wurde, ging es zwar zuerst wieder bergauf mit ihm. Doch kurz darauf wurde klar, dass die Parasiten ihn mit einer schweren Krankheit infiziert haben mussten. Er frass nicht mehr, musste für eine zeitlang mit Glukose-Spritzen ernährt werden. Zu einer Operation des Beins kam es nicht mehr, er starb auf ein Wärmekissen gebettet in der Nacht auf Sonntag.

Erstellt: 04.06.2019, 18:37 Uhr

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