Bülach

Exilpräsident spricht zum Volk

Freiheit und Einheit: Das waren die Schlagworte in der Ansprache von Lobsang Sangay, Präsident der Exilregierung von Tibet. Am Sonntag richtete er sich in der Bülacher Stadthalle an über 2000 Zuhörerinnen und Zuhörer.

«Wir haben Tibet verloren, wenn wir nicht in Einigkeit auftreten», sagte Ministerpräsident Lobsang Sangay in der Stadthalle Bülach (Handyvideo: Sharon Saameli).

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gross angekündigt wurde der Besuch von Lobsang Sangay vorher nicht. Trotzdem füllte das Pu­blic Meeting mit dem tibetischen Exilpräsidenten am Sonntagnachmittag die Bülacher Stadthalle: Rund 2000 Tibeterinnen und ­Tibeter versammelten sich, um seine Ansprache zu hören und Fragen zu stellen – gemessen an der Zahl aller in der Schweiz lebenden Tibeter war das gut jeder dritte.

Der Tag bedeutete für die Community ein grosses Wiedersehen: Freundschaftlich wurden Hände geschüttelt und Selfies ­geknipst, immer wieder schweiften Handykameras über die ­Köpfe hinweg, während im Hintergrund noch mehr Stühle herbeigeschafft wurden. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher zeigten sich in traditionellen Roben in Braun- und Goldtönen.

Um Punkt halb 12 ertönten Trommelschläge und Gesänge, die das Ankommen des Ministerpräsidenten ankündigten. Um den Gang zwischen den Sitzreihen bildete sich eine aufgeregte Traube, Jubel wurde laut, als Sangay über die Schultern seiner Securitas-Leute hinweg Hände schüttelte. Als er auf der Bühne Platz genommen hatte, begann der Anlass mit dem Singen der Nationalhymne sowie einer Schweigeminute für all jene Menschen, die für die Sache Tibet ihr Leben gelassen hatten.

Befreiung oder Auslöschung?

Seit über 50 Jahren ist Tibet von China besetzt. Während die chinesische Regierung ihre (nicht zuletzt militärische) Präsenz in Tibet als Befreiung der Bevölkerung bezeichnet, ist die Besetzung im internationalen Völkerrecht umstritten. «Gemäss einem Bericht von Freedom House gibt es abgesehen von Syrien keine andere Region, die so wenig frei ist wie Tibet», sagte Sangay im Interview mit Tele Top. Es gebe in Tibet keine freie Meinungsäusserung, die tibetische Sprache und Kultur werde bis zur Auslöschung unterdrückt.

Diese komplexe Situation spiegelte sich in Sangays Ansprache in Bülach wider. Einerseits schilderte er, wofür sich die Exilregierung aktuell einsetzt, etwa die Einrichtung einer Bank und einer Krankenversicherung für alle Tibeterinnen und Tibeter. Der Metatext seiner Rede liess sich hingegen in zwei Worte fassen: Freiheit und Einheit.

Die Freiheit liesse sich nur erkämpfen, wenn die tibetische Gemeinschaft ihre Rechte und Pflichten als Bürger wahrnähme – und die Tibeter geschlossen für ihr Anliegen einstünden. «Wir haben Tibet verloren, wenn wir nicht in Einigkeit auftreten.» Inzwischen würden sich viele Personen, Sänger beispielsweise, öffentlich für die tibetische Einheit aussprechen – mit dem Risiko, ins Gefängnis zu kommen. Der letzte Appell galt schliesslich der Jugend: Es sei enorm wichtig, dass Kinder hierzulande am Wochenende in der tibetischen Sprache unterrichtet werden – in Tibet ist dies bis heute verboten. «Wenn wir unsere Sprache verlieren, verlieren wir die tibetische Identität, dabei lassen Menschen ihr Leben dafür.»

Grosser Zusammenhalt

Nach der Rede und der offenen Fragerunde zerstreuten sich die Gäste um die Essensstände und in der Halle; es galt Gespräche nachzuholen, sich wiederzusehen. «Der Zusammenhalt in der Community ist wirklich gross», sagte Yangchen Büchli vom Vorstand der Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft (GSTF) und erklärte damit auch den grossen Ansturm.

Namtso Reichlin, Vizepräsidentin des Vereins Tibeter Jugend in Europa (VTJE), bestätigte Büchlis Aussage. «Anlässe wie dieser sind enorm wichtig, um die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu spüren.» Sie habe gemerkt, wie schwierig es sein könne, dieses Gefühl aufrechtzuerhalten – etwa durch fehlende Kenntnisse des Tibetischen. «Ich bin in der Schweiz geboren und habe vor vier Jahren angefangen, Tibetisch zu lernen», sagte sie. «Vorher war es sehr schwierig, dem politischen Geschehen in der Sache Tibet zu folgen und sich auch als Teil der Gemeinschaft zu verstehen.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 29.01.2018, 07:57 Uhr

Zur Person

Lobsang Sangay

Lobsang Sangay ist seit 2011 Ministerpräsident der tibetischen Exilregierung. 1968 ge- boren, wuchs er in einer tibetischen Siedlung in Indien auf. 1992 wurde er als jüngstes Vorstandsmitglied in den Tibetan Youth Congress gewählt, den der chinesische Staatsrat als «terroristische Organisation» bezeichnet. Vor seinem Amt als Ministerpräsident arbeitete er an der Harvard Law School und erhielt dort als erster Tibeter den Doktortitel. Er gilt als Unterstützer des «mittleren Weges» des Dalai Lama, spricht sich also gegen die Unabhängigkeit, aber für eine weitreichende Autonomie eines einheitlichen Verwaltungsraums aller tibetischen Gebiete aus. (ssa)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Die Woche in der Region.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!