Bülach

«Ich will den ganzen Menschen mit seinem Umfeld sehen, nicht nur ein Organ»

Zwei neue Chefärzte wollen frischen Wind ins Spital Bülach bringen. Im Interview erzählen sie von ihren Plänen.

Nic Zerkiebel und Giacinto Basilicata wollen neuen Wind in ihre Abteilungen bringen, ohne gleich alles umzukrempeln.

Nic Zerkiebel und Giacinto Basilicata wollen neuen Wind in ihre Abteilungen bringen, ohne gleich alles umzukrempeln. Bild: Sibylle Meier

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Herr Zerkiebel, was hat Sie bewogen, von der PrivatklinikSusenberg am noblen Zürichberg nach Bülach zu kommen?
Nic Zerkiebel: Ich wollte mich wie­der mehr um die Patienten küm­mern können. In der Klinik Susen­berg war ich Mitglied der Geschäftsleitung und hatte viele nicht medizinische Aufgaben zu erfüllen. Hier in Bülach bin ich in die strategische und opera­tive Entscheidungsfindung einbezogen, habe aber dennoch den ­Rücken frei für das medizinische Kerngeschäft.

Ihr früherer Arbeitsort setzte einen Schwerpunkt in palliativer Pflege – der Behandlung von unheil­bar kranken Menschen. Wird das Unterland von Ihren Erfah­rungen profitieren?
Die hiesige Abteilung für Pallia­tive ­Care arbeitet bereits jetzt sehr gut. Deshalb erhielt sie letztes Jahr ein Zertifikat. Was ich intensivieren möchte, ist die Vernetzung mit den niedergelassenen Ärzten, der Spit­ex sowie der Stiftung Onko- Plus, die sich um Krebskranke und andere Schwerkranke kümmert. Mehr Kon­takte und gegenseitiges Verständnis kön­nen die Zusammenarbeit noch verbessern. Ich bin auch ­offen für Kritik.

Welche Botschaften wollen ­Sie bei den externen Partnern kommunizieren?
Mir ist es ein Anliegen, Schwellenängste bei Schwerkranken und ihren Betreuungspersonen abzubauen: Das Spital ist nicht unbedingt Endstation. Vielmehr sind wir eine kompetente Anlaufstelle für komplexe, instabile Situa­tionen. Zum Beispiel, um Symptome wie Schmerzen, Atem­not oder Ängste besser in den Griff zu bekommen. Oder die Erschöpfung bei Angehörigen zu erkennen und nach Entlastung ­zu suchen. Wenn sich die Situa­tion stabilisiert hat, können viele Patien­ten wieder nach Hause zurück­kehren.

Was möchten Sie sonst noch ­einbringen in Ihrem neuen Verantwortungs­bereich?
Wichtig ist mir auch, den Willen der Patienten so gut wie möglich zu berücksichtigen. Es braucht eine gute, verständliche Kommunikation, damit Patienten entscheiden können, welche Behandlungen sie wollen und welche nicht. Man muss frühzeitig das Gespräch suchen. Das ist aber kein neuer Ansatz: In Bülach hat man noch nie über die Köpfe der Patienten weg hochtechnologische Medizin betrieben.

Was für ein Berufsverständnis bringen Sie mit?
Ich will den ganzen Menschen mit seinem Umfeld sehen, nicht nur ein Organ. In meiner Klinik haben wir es zu einem grossen Teil mit hochbetagten Patienten zu tun, die an mehreren Erkrankungen leiden. Die Lebensqualität hängt nicht nur von den Diagno­sen ab, sondern auch davon, wie sich die Krankheit auf das Funktionieren im Alltag auswirkt. Auch die individuelle Si­tua­tion spielt eine Rolle: Es ist ein Unterschied, ob jemand mit Angehörigen wohnt oder allein, in einem alten Bauernhaus oder einer altersgerechten Wohnung. Eine gute Vorbereitung vor Spi­tal­austritt ist wichtig. Man muss bei Bedarf rechtzeitig den Sozialdienst einbeziehen. Dieses Denken möchte ich in meinem ­Team noch stärker verankern.

Herr Basilicata, mit was für Ideen haben Sie Ihre neue Stelle angetreten?
Giacinto Basilicata: Das ­Team an der Klinik Chirurgie leistet bereits heute solide, qualitativ hoch­stehende Arbeit. Ich möchte in Zukunft die Dickdarm- und Mast­darmoperationen voran­trei­­ben sowie Patienten mit komplexen Erkrankungen in Bülach be­handeln. Bei den Mastdarm-operationen wurde das Spital Bü­lach ja zurückgepfiffen, weil es mit plus/minus 10 Fällen pro Jahr zu wenig Erfahrung haben soll. Es hat darauf zusammen mit an­de­ren Spitälern rekurriert. Un­ter­dessen wurden die Spielregeln sogar verschärft: Ab 2017 braucht es voraussichtlich 25 kom­plexe Mastdarmeingriffe jähr­lich für eine Bewilligung. Falls diese Regel wirklich umgesetzt wird, werden wir wahrscheinlich erneut Rekurs einlegen.

Ist Ihnen das Renommee des Spitals wichtiger als die Sicherheit der Patienten?
Nein, bestimmt nicht. Die Sicherheit hat oberste Priorität. Ich finde es sinnvoll, dass es Einschränkungen gibt. Sehr heikle Eingriffe wie etwa Herztransplantationen sollten nur an grossen Zen­tren durchgeführt werden. Bei der Mast­darm­chirurgie hat unser ­Team jedoch genügend Erfahrung, um die Sicherheit zu gewährleisten.

Am Kantonsspital Baselland, wo Sie herkommen, war Übergewichtschirurgie einer Ihrer Schwerpunkte. Was dürfen mollige Unterländer von Ihnen erwarten?
Ich biete eine Adipositas-Sprechstunde an, in der ich mit den Ratsuchenden alle Möglichkeiten der Gewichtsreduktion anschaue und nach optimalen Lösungen suche. Dabei werden auch Ernährungsberatung, Physiotherapie und Endokrinologen beigezogen. In naher Zukunft möchten wir in Bülach auch chirurgische Eingriffe anbieten. Die heute gängigen Techniken sind Schlauch­magen oder Magenbypass.

Wie sinnvoll sind Operationen überhaupt bei Übergewicht?
Natürlich nimmt man solche ­Eingriffe nur vor, wenn sämtliche ­anderen Therapien versagt ­haben. Wir machen Fettleibige nicht zu Models, können aber die Gefahr für Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Gelenk­schäden und obstruktive Schlafapnoe (Atemunterbrüche in der Nacht) senken. Mit bereits über 40 Prozent Übergewich­tigen in der Schweiz wird uns das Thema in Zukunft noch stärker beschäftigen.

Wie nahe sind Sie als Klinikleiter an den Patienten? Ist das nicht vorwiegend eine Management-Aufgabe?
Der Kontakt zu den Patienten ist für mich zentral. Ich bin jeden Tag auf der Station und führe Visi­ten durch, auch bei Patienten, die ich nicht selber operiert habe. Die administrativen Aufgaben versuche ich in den Abendstunden zu erledigen.

Wie wird sich die Klinik unter Ihrer Leitung sonst noch entwickeln?
Ich will das Sicherheitsmanagement weiter verbessern. Meine Devise ist es, bei unsicherem Befund lieber mal jemanden eine Nacht hier zu behalten. Weiter möchte ich die Chirurgie in Bülach stärken. Patienten, die sich in Zürich operieren lassen, möchte ich ins Unterland zurückholen. ()

Erstellt: 08.04.2016, 22:21 Uhr

Zu den Personen

Nic Zerkiebel ­­hat am 1. November 2015 die Leitung der Klinik Innere Medizin ange­treten. Er löst Georg Mang ab. Der Facharzt für Allgemeine Innere ­Medizin hat eine Management-Ausbildung genossen. Der 44-Jäh­rige wohnt in Zürich und hat eine ­Familie mit vier Kindern.

Giacinto Basilicata steht seit ­dem 1. März 2016 der Klinik Chirurgie vor. Der 45-Jährige verfügt über einen Facharzttitel Chirurgie und löst ­Brigitte Muff ab. Er ist in Wallisellen aufgewachsen, wohnt zurzeit im Kan­ton Aargau und sucht nun ­wieder einen Wohnsitz im Unterland. Er hat keine Kinder.

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